Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 26.07.2009 bis 01.08.2009




Ilse Häußer

Von Ilse Häußer, Tübingen, Evangelische Kirche

Krokodilbabys

Freitag, 31. Juli 2009     [Druckversion]

„Hör dir das mal an.“ Erika liest Erwin aus der Zeitung vor. „Krokodilbabys verständigen sich noch im Ei mit ihren Geschwistern.“
„Nett“, sagt Erwin, der gerade den Sportteil liest.
Erika lässt sich nicht bremsen. „Das ist doch aufregend.“
„Ja“, sagt Erwin, „die Bayern haben schon wieder gewonnen, hätt’ nicht sein müssen.“
„Ach komm, hör doch mal zu. Französische Wissenschaftler haben ungeschlüpften Krokodilbabys, also noch im Ei, die umpf umpf Rufe vorgespielt, von Krokodilbabys aus anderen Eiern.“
„Ja, nett, und dann?“
„Dann sind die kleinen Krokodile alle, also die, denen sie das vorgespielt haben, innerhalb von zehn Minuten aus ihren Eiern geschlüpft.“
„Ach was“, allmählich zeigt Erwin ein bisschen Interesse. „Warum machen die das? Ja, klar, dann kommen mehr von ihnen durch.“
„Ja genau“, sagt Erika, „hier steht: Durch das gleichzeitige Schlüpfen verbessern die Neugeborenen ihre Überlebenschancen.“
„Klar“, sagt Erwin, „dann erwischt ein Krokodilbabyräuber vielleicht nur eins, sonst, also wenn sie in größeren Abständen kommen, können sie schön der Reihe nach gefressen werden.“
„Ach komm“, sagt Erika, „wer frisst denn Krokodilbabys, das ist ja schrecklich.“
„Was heißt da schrecklich“, sagt Erwin. „Fressen und gefressen werden, so ist das halt in der Natur. Und deine Krokodilbabys, wenn sie groß sind, die gehören dann zu den Räubern, die andere Tiere fressen. So ist das.“
„Und da hat die Natur sich diesen Trick ausgedacht“, sagt Erika, „dass die jungen Krokodile sich ein Zeichen geben, ist doch genial, oder? Die sagen umpf, umpf, und zack, alle schlüpfen aus.“
Erwin legt die Zeitung weg.„ Ich will dir mal was sagen. Tiere sagen nicht umpf, umpf. Sie machen halt ein Geräusch, das irgendwie nach Sprache klingt. Und: Krokodilbabys! Wenn ich das schon höre! Tiere haben keine Babys, sondern Junge. Und sie bekommen so viele davon, weil nicht alle überleben können. Du darfst nicht an alles deine menschlichen Maßstäbe anlegen.“
„Meinst du, die Krokodilmutter ist nicht traurig, wenn eins von ihren Jungen weggefressen wird, fragt Erika.
„Jetzt aber“, sagt Erwin, „die kriegt das gar nicht mit. Die Natur ist nicht grausam, sie ist wie sie ist. Ein Kampf ums Überleben, und die Starken kommen durch. Und vermehren sich.“
„Weiß ich ja“, sagt Erika, „aber das lass ich mir nicht nehmen: Staunen darf ich doch, wie das alles so geworden ist. Krokodilbabys, die umpf, umpf machen, und die Geschwister hören es und schlüpfen aus dem Ei! Ist doch genial.“
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Der alte Lehrer

Donnerstag, 30. Juli 2009     [Druckversion]

‚Wer ist das bloß, den hab ich lang nicht gesehen, hat sich irgendwie verändert.’ Erika sitzt im Bus, sieht ein bekanntes Gesicht. ‚Ja genau, der alte Lehrer von Thomas. Bei dem war ich doch mal, streng war der. Aber gelernt haben die Kinder viel bei ihm’. Sie lächelt in seine Richtung.
Der Mann schaut sie an, irgendwie suchend, fragend, dann dreht er den Kopf auf die andere Seite.
‚Oh je’, denkt Erika, ‚er kennt mich nicht mehr, aber er ahnt, dass er mich kennen müsste. Soll ich hingehen, sagen, wer ich bin, und fragen, wie es ihm geht?’
Sie tut es nicht. Neben ihm ist seine Frau aufmerksam geworden, aber Erika schaut schnell weg, bevor sie von der Frau erkannt wird.
Daheim erzählt sie Erwin davon. „Ich hab nicht gewusst, was ich machen soll. Ich glaub, er ist – wie sagt man? Verkalkt? Nicht mehr ganz da?“
„Dement heißt das“, sagt Erwin, „und du hättest ihn schon grüßen können oder auch ein paar Worte sagen.“
„Ja, aber was hätte ich machen sollen“, sagt Erika, „wenn er mich nicht gekannt hätte, das wäre doch peinlich gewesen. Ich war doch ein paar Mal bei ihm, als der Thomas solche Schwierigkeiten gemacht hat. Da war er eigentlich ganz nett, schon streng, aber auch verständnisvoll. Ach, ich fand das im Bus so schrecklich, eine solche Respektsperson, und dann – man hat es gesehen an seinem Blick, dass er nicht mehr der alte ist.“
„Und wer ist er jetzt?“, fragt Erwin. „Nicht mehr er selber? Und man muss ihn deshalb nicht mehr grüßen? Jetzt hat er doch erst recht ein bisschen Respekt verdient.“
„Genau“, sagt Erika, „ich glaub, ich hab ihn aus Respekt nicht angesprochen, weil ihm selber das vielleicht nur peinlich gewesen wäre. Seine Frau hat auch schon so geschaut. Stell dir vor, die hätte gesagt: Was, du kennst die Mutter von einem Schüler nicht mehr? Zugetraut hätt’ ich der das, so wie die geguckt hat.“
„Nicht ablenken“, sagt Erwin. „Um die Frau geht es jetzt nicht. Es geht darum, ob einer zu einer Nicht-Person wird, wenn er im Kopf nicht mehr so klar ist wie früher. Stell dir bitte vor, ich wäre das. Ich säße mit dir im Bus, und du merkst, wie eine Frau gegenüber mich erkennt, dann zusammenzuckt und wegschaut. Wie wäre das?“
„Meine Güte“, sagt Erika, „sei nicht so streng mit mir. Das mag ich mir nicht vorstellen.“
„Ja“, sagt Erwin, „aber das hilft jetzt gar nichts. Du hättest schon hingehen können und sagen, wer du bist, und dass du das damals so gut gefunden hast, wie du bei ihm warst.“
„Ist gut, du hast recht“, sagt Erika, „beim nächsten Mal denk ich dran. Wenn ichs nicht vergesse!“
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Im Bus

Mittwoch, 29. Juli 2009     [Druckversion]

Nirgends kann man sich hinsetzen! Erika ist müde vom Einkaufen, sie war in der Stadt, ist gerade in den Bus gestiegen. So viele Leute sind da gar nicht drin, aber manche haben ihre Tasche neben sich auf einem freien Platz liegen. Und ein Mann hat es tatsächlich geschafft, vier Plätze zu belegen. Wie er das macht? Ganz einfach – er hängt schräg auf einer Bank, und auf der anderen gegenüber steht groß und breit seine Tasche.
Erika drückt sich neben eine junge Frau, die ihren Rucksack an sich zieht und betrachtet den jungen Mann. Schwarze Lederjacke, Jeans, riesige Schuhe, mindestens Größe 48, denkt Erika. Unsympathischer Mensch.
Wie könnte sie dem beibringen, dass man das nicht tut? Soll sie das überhaupt? Nachher wird er noch unverschämt. So spielt sie im Kopf durch, was sie ihm sagen könnte: Junger Mann, sehen Sie nicht, dass Sie hier gleich vier Plätze belegen, und da vorne müssen andere Leute stehen? Die haben genauso ihre Buskarte bezahlt wie Sie – wenn er überhaupt bezahlt hat, geht ihr durch den Kopf.
Sie könnte auch zu ihm sagen: Zu meiner Zeit war es noch üblich, dass junge Leute aufgestanden sind, wenn eine Frau in meinem Alter keinen Platz hatte. Gut, das gibt es heute fast nirgends mehr, das will ich von Ihnen gar nicht verlangen, aber Sie könnten sich gerade hinsetzen und die Tasche auf den Boden stellen, das gäbe Platz für drei Leute.
Der Bus bremst, Unfallklinik, sagt die Stimme, von der man nie weiß, wo sie herkommt. Die Frau neben ihr steigt aus, und auch der junge Mann bereitet sich aufs Aussteigen vor. Endlich, denkt Erika. Da sieht sie, dass er große Schwierigkeiten mit dem Aufstehen hat. Laufen geht noch schlechter, irgendwas ist mit seinen Beinen. Seine Tasche tragen kann er gar nicht allein, zum Glück hilft ihm einer. Erika schaut hinter ihm her und sieht jetzt auf einmal einen kranken und vor allem sehr ängstlichen, unsicheren jungen Mann. Der vielleicht einen Unfall gehabt hat oder operiert worden ist, und das hat Probleme gegeben, und er muss noch mal in die Klinik. Wie muss das sein für so einen – noch so jung, und so unfertig, der kann doch gar nicht damit umgehen. Ob er eine nette Freundin hat, wenigstens. Und Arbeit? Dürfte schwierig sein. Hoffentlich können sie ihm helfen in der Klinik.
„Verzeihung, ist hier noch frei?“ Erika erschrickt. „Entschuldigung“, sagt sie, zieht ihre Tasche auf den Schoß und macht Platz für eine junge Frau, die sie freundlich anlächelt. „Sie waren so in Gedanken“, sagt die, „das ist man manchmal.“
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Vorsorgevollmacht

Dienstag, 28. Juli 2009     [Druckversion]

„So, das ist jetzt auch erledigt.“ Erwin ist erleichtert. Er und Erika hatten ein schwieriges Gespräch mit ihren erwachsenen Kindern, genauer gesagt: mit zwei von den dreien, ein Sohn ist nicht gekommen. Patientenverfügung. Vorsorgevollmacht. Das sind ja keine einfachen Themen.
„Mir war’s ja schon ein bisschen komisch vorhin“, sagt Erika, als sie wieder allein sind, „aber ich bin wirklich froh, dass wir das endlich gemacht haben.“
„Und ich bin vor allem froh, dass es vorbei ist“, sagt Erwin.
„Die haben sich ganz tapfer gehalten, die beiden“, sagt Erika. „Nur der Thomas hatte eine Zeitlang Tränen in den Augen. Ich glaube, der hat heute zum ersten Mal darüber nachdenken müssen, dass wir irgendwann nicht mehr da sind. Aber die Irene - die hat doch tatsächlich selber schon eine Patientenverfügung. Hab ich nicht gewusst. Aber so wie sie es bei ihrer Freundin miterlebt hat, kann ich es verstehen. Der Vater plötzlich auf der Intensivstation, man kann nichts mehr machen, und die Ärzte wollen wissen, was denn jetzt wohl in seinem Sinn ist, und keiner kann was dazu sagen, weil sie nie darüber geredet haben. Da hat die Irene sich gesagt, dass sie ihre Familie nicht in diese Situation bringen will.“
„Na ja“, sagt Erwin, „aber uns hat sie nie danach gefragt. Wir haben das schon selber ansprechen müssen.“
„Ach, das verstehe ich“, sagt Erika. „Das hat schon von uns kommen müssen. Obwohl, wenn sie gefragt hätte,– sag mal, wollt ihr nicht mal vorsorgen für den Fall, dass ihr selber nicht mehr könnt, also mit Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht und diese Dinge -, ach, ich glaub, die Irene, in ihrer sachlichen Art, von ihr hätt’ ich mir das sagen lassen, aber ich bin schon froh, dass wir es angesprochen haben.“
„Ja“, sagt Erwin, „jetzt haben wir das erledigt, und weißt du, was das Beste dran ist? Dass wir es jetzt ganz einfach wieder vergessen können. Und die Kinder im Grund auch. In die Schublade damit. Fürs erste wenigstens mal.“
Erika seufzt ein bisschen. „Aber dass der Stefan nicht gekommen ist... Glaubst du, der hat wirklich unbedingt arbeiten müssen heute?“
„Na, wenn er das sagt... Aber schade find ich’s auch“, sagt Erwin.
„Ich glaub“, sagt Erika, „der will sich einfach nicht mit so was beschäftigen. Hat genug eigene Probleme. Da will er sich nicht auch noch für uns verantwortlich fühlen müssen.“
„Aber genau deshalb“, sagt Erwin „haben wir doch mit den Kindern reden wollen, damit sie es leichter haben, wenn’s mal drauf ankommt.“
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Vorsorgen

Montag, 27. Juli 2009     [Druckversion]

„Ich setz mich gleich hin“, sagt Erika, „ich will nur schnell noch die paar Sachen bügeln.“
„Muss das jetzt am Abend sein“, sagt Erwin. „Das ist so ungemütlich.“
„Doch, das hab ich mir für heute vorgenommen“, sagt sie und stellt das Bügelbrett auf.
„Ach komm“, sagt er, „morgen ist doch auch noch ein Tag.“
„Nein“, sagt Erika und nimmt das erste Hemd. „Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht...“
„Du, wollen wir uns jetzt gegenseitig Sprichwörter aufsagen oder was?– was heißt da überhaupt : Nein, wenn ich sage, morgen ist auch noch ein Tag. Das ist ganz typisch für dich. Du tust immer so, als ob alles jetzt sofort sein müsste, als ob es keinen nächsten Tag geben würde. Ich glaub, du hast kein Vertrauen in die Zukunft.“
„Wie war das?“ Erika dreht sich zu ihm um. „Was hab ich nicht?“
„Ja, manchmal denk ich, du traust dem nächsten Tag nicht.“
„Wie kommst du denn da drauf?“ sagt Erika und hängt das Hemd auf den Bügel.
„Ja, du machst dir immer Gedanken, was sein wird, wie man sich darauf vorbereitet. Lass doch einfach die Dinge mehr auf dich zukommen.“
„Aber“, sagt sie und streicht eine Bluse auf dem Bügelbrett glatt, „man muss sich doch einstellen auf das, was kommt.“
„Nein“, sagt Erwin, „das glaube ich nicht. Was kommt, das kommt. Und dann stelle ich mich darauf ein.“
„Aber ich weiß doch gar nicht“, sagt sie und bügelt den Kragen, „ob ich dann die richtigen Gedanken habe. Und ob mir die Kraft nicht ausgeht.“
„Du willst immer alles auf Vorrat machen“, sagt Erwin. „Ich meine, es wäre besser, wenn man darauf vertraut, dass man dann schon das Richtige tun wird. Und dass einem geholfen wird. Stehst so was nicht in der Bibel, mit den Spatzen, die nicht einkaufen oder was und trotzdem ernährt werden?“
„Die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht“, sagt Erika und greift nach den frisch gewaschenen Taschentüchern, „und der himmlische Vater ernährt sie doch. Ich glaube, ich bin mehr wie ein Eichhörnchen, das würde verhungern, wenn es keinen Vorrat verstecken würde. Zumindest hier, wo es im Winter nichts zum Fressen findet.“
„Du komm“, sagt er, „du weißt, wie ich das meine. Es geht um das Vertrauen in die Zukunft. Es wird sich dann schon ein Weg finden. Und wenn man auf Gott vertraut, hilft er einem auch – das sagst du doch selber manchmal.“
„Ja, du hast Recht“, sagt sie, „und morgen früh bin ich froh, dass die Wäsche schon gebügelt ist.“
Als ob dir dann nicht gleich was anderes einfallen würde, was du noch schnell tun kannst, denkt Erwin, aber das behält er lieber für sich.
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