Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 24.08.2008 bis 30.08.2008




Peter Häußer

Von Peter Häußer, Tübingen, Evangelische Kirche

Die Sprache des Glaubens

Freitag, 29. August 2008     [Druckversion]

Na, wie war’s in Mexiko? Hattest du keine Sprachprobleme? –
Ich nicht, aber die Mexikaner.
Zum Glück scheinen solche Touristen ein Auslaufmodell zu sein. Schon seit ein paar Jahren zählen deutsche Urlauber zu den beliebtesten. Man schätzt ihr gutes Benehmen, ihr Interesse am Gastland und ihre Sprachkenntnisse.
Natürlich kann nicht jeder so vielsprachig sein wie Kaiser Karl V. Er soll von sich gesagt haben: Ich spreche zu Gott Spanisch, zu Frauen Italienisch, zu Männern Französisch und zu meinem Pferd Deutsch.

Ich will Sie jetzt nicht ermuntern, doch im Herbst einen Sprachkurs in der Volkshochschule zu belegen. Nein, ich will mit Ihnen über die Sprache des Glaubens nachdenken. Denn der Satz von Karl V macht ja darauf aufmerksam, dass es auch von unserem Gegenüber abhängt, wie wir reden.
Es ist nahe liegend, dass wir mit Gott in unserer Muttersprache reden, vielleicht sogar in unserem Dialekt, eben so wie uns der Schnabel gewachsen ist, in der Sprache unseres Herzens.
Beim Beten beschreibe ich ja nicht einfach, was ist. Ich rede vielmehr davon, wie ich die Dinge sehe. Was mir Angst macht, was mich freut. Ich bringe mich selbst zur Sprache: woran ich leide, was mir Sorgen macht, wo ich nicht weiter weiß. Und ich sage im Gebet, was ich gerne anders hätte. Ich greife vor in die Zukunft, die ich erhoffe, erbitte, herbeisehne. Und ich greife zurück auf die guten Erfahrungen, die ich in mir trage.

Ich bin überzeugt: unser Leben und unser Erleben werden intensiver, wenn wir mit jemandem darüber reden, wenn wir es mitteilen können. Darin sind sich der Glaube und die Liebe ganz nahe, und so entspricht auch die Sprache des Glaubens am ehesten der Sprache der Liebe. Da nimmt man manchmal ja genauso den Mund zu voll und übertreibt, geht aufs Ganze. Und dann sagt man Sätze wie: Du bist mein Ein und Alles, ohne dich kann ich nicht leben. Ich will immer für dich da sein!
Und manchmal gerät man ins Stammeln – vergisst die Regeln der Grammatik und der vollständigen Sätze – und spürt: Mir fehlen die Worte!
Aber stumm bleiben, das geht auch nicht. Und dann stammeln wir: Toll! Sagenhaft! Ich bin sprachlos!
Ich wünsche Ihnen, dass Sie – ob im Urlaub oder zuhause – immer mal wieder solche Erfahrungen machen, wo sie an die Grenzen der Sprache kommen, wo sie ins Staunen und Stammeln geraten. Und ich wünsche Ihnen erst recht, dass Sie dann jemanden haben, mit dem Sie dies teilen können.

Per E-Mail empfehlen

Augustin

Donnerstag, 28. August 2008     [Druckversion]

Mich wundert es, dass man das Leben des Heiligen Augustin noch nicht verfilmt hat. Da hätte man genügend Stoff für große Gefühle und dramatische Situationen.
Denn er war ein leidenschaftlicher Mensch auf der Suche nach Erkenntnis, mit einem unruhigen Herzen, einem ausschweifenden Leben und einem tiefgehenden Sinneswandel.
Ein Mensch, der die Höhen und Tiefen des Lebens kennen gelernt hat, und der bereit und fähig war, sein eigenes Ich und dessen Abgründe zu erforschen.
Und im Hintergrund war seine Mutter, die viel um ihn geweint und gebetet hat und die dann starb, kurz nachdem sie erlebt hatte, wie ihre Gebete erhört wurden.

Aurelius Augustinus, dessen Gedenktag heute ist, wurde 354 in Tagaste geboren, in Nordafrika.
Seine Mutter Monika stammte aus einer christlichen Familie, sein Vater war heidnischer Herkunft, ein städtischer Beamter, der sich erst spät dem Christentum zuwandte.
Augustin wurde von seiner Mutter sehr christlich erzogen, aber er hat ihr viel Kummer bereitet. Als junger Mann führte er ein liederliches Leben und – noch schlimmer für seine Mutter - er wandte sich anderen Religionen zu.
Er floh vor den täglichen Ermahnungen seiner Mutter nach Italien. Dort wollte er ungehindert seinen eigenen Weg gehen – und fand schließlich zum christlichen Glauben zurück und ließ sich taufen. Er kehrte nach Afrika zurück, sammelte Gleichgesinnte um sich und führte ein Leben wie im Kloster. Schließlich wurde er zum Priester geweiht und zum Bischof gewählt und einer der einflussreichsten Männer der Kirche.

Es gibt einen Satz von ihm, der mich über die Jahrhunderte hinweg direkt anspricht und der mir hilft, sein Leben zu verstehen:
Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.
Denn auf dich hin, Gott, hast du uns erschaffen.

Dieses unruhige Herz hat ihn hinausgetrieben aus der Enge der gewohnten Umgebung, hat ihn in die Fremde gelockt und zu anderen Religionen.
Und am Ende hat er erkannt: auch alles Neue, das mir unterwegs begegnet ist, kann niemals ganz diese Unruhe und Sehnsucht stillen. Nur bei Gott kommen wir zur Ruhe.
So lerne ich von Augustin:
Nichts, was wir besitzen und erleben können, kein Erfolg, kein Glück und keine Erkenntnis kann diese Sehnsucht ganz und auf Dauer stillen.
Alle Wege, zu denen wir aufbrechen, auch die Umwege und Sackgassen sind ein Zeichen dafür, dass wir zu Gott unterwegs sind.
Per E-Mail empfehlen

Monika

Mittwoch, 27. August 2008     [Druckversion]

„Ein Kind so vieler Tränen und Gebete kann nicht verloren gehen!“ – das soll ein Bischof zu ihr gesagt haben, als Monika ihm ihr Leid klagte über das ausschweifende Leben ihres Sohnes.
Monika wurde in der katholischen Kirche die Patronin der Mütter und Müttervereine. Heute ist ihr Gedenktag. Sich ihr Leben und ihren Glauben vor Augen zu führen, wurde für viele Mütter ein Trost und eine Stärkung.
Monika wurde 322 in Tagaste in Nordafrika geboren. Sie entstammte einer christlichen Berber-Familie, wurde aber mit einem heidnischen Mann verheiratet. Patricius war wohl kein vorbildlicher Ehemann und Vater, aber er ließ zu, dass Monika ihre drei Kinder christlich erziehen konnte. Und er nahm sogar gegen Ende seines Lebens selber den christlichen Glauben an und ließ sich taufen.

Mit großer Hingabe widmete sich Monika der christlichen Erziehung ihrer Kinder und begleitete sie mit ihren Gebeten. Doch zumindest bei dem hochbegabten Augustin hatte sie wenig Erfolg. Sie musste zusehen, wie er ein wildes Leben führte, sich immer weiter vom christlichen Glauben entfernte und sich anderen Religionen zuwandte.
Ihre täglichen Ermahnungen und Tränen brachten Augustin nicht zur Einsicht oder Umkehr, im Gegenteil. Getrieben von seinem unruhigen Herzen und einer leidenschaftlichen Sehnsucht nach Erkenntnis floh er nach Italien. In Rom und Mailand wollte er ungehindert seinen eigenen Weg finden.
Aber Monika folgte ihm und fand im Mailänder Bischof Ambrosius einen Seelsorger, der ihr mit großem Verständnis begegnete.
Auch Augustin war von Ambrosius tief beeindruckt, hätte ihn gerne näher kennen gelernt. Doch weil er von der engen Beziehung zwischen Ambrosius und Monika wusste, blieb er auf Distanz.

Erst als Augustin sich wieder ganz dem christlichen Glauben zuwandte und taufen ließ, entstand ein neues inniges Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seiner Mutter. Und gemeinsam wollten sie in die Heimat nach Afrika zurückkehren. Aber noch unterwegs in Italien erkrankte Monika an schwerem Fieber und starb.

Ihr Glaube war gereift. Sie hatte erfahren: Gott kommt zu seinem Ziel. Er ist uns nahe, auch auf unseren Umwegen.
Und so war es für Monika auch kein Problem, in der Fremde begraben zu werden.
Sie soll gesagt haben: „Nichts ist von Gott fern. Man braucht nicht zu fürchten, dass er am Ende der Welt nicht wüsste, woher er mich erwecken soll.“
Per E-Mail empfehlen

Otto Normalabweichler

Dienstag, 26. August 2008     [Druckversion]

Wie würden Sie reagieren, wenn Sie jemand als Otto oder Ottilie Normalverbraucher bezeichnen würde? Wäre Ihnen das unangenehm?
Braucht es aber nicht zu sein. Sie könnten demjenigen sagen, er sei nicht mehr auf der Höhe der Zeit: Otto Normalverbraucher sei gestorben. Jetzt gäbe es Otto Normalabweichler.
Denn es sei normal geworden, dass jeder ein wenig vom so genannten Normalen, vom Unauffälligen abweicht.
Ja, zum Glück ist es einfacher geworden, von dem abzuweichen, was ‚man’ tut oder eben nicht tut, wie ‚man’ sich benimmt oder kleidet.

Das ist ein Stück Freiheit, wenn ich mich nicht dauernd für persönliche Vorlieben rechtfertigen muss, wenn ich nicht dauernd die Frage befürchten muss: warum machst du das? Warum machst du das gerade so?
Vieles, was noch vor Jahren als Provokation galt, erregt heute kein Aufsehen mehr.
Selbst die, die berufsmäßig Uniform tragen müssen, wie die Schaffner im ICE, bieten eine große Bandbreite an Haartönungen und Körperschmuck. Das Typische hat sich aufgelöst.
Es ist normal geworden, nicht dem Durchschnitt zu entsprechen. Aber man kann auch entspannt zugeben: „Ich finde es sehr beruhigend, so ein normaler Deutscher zu sein.“

Als in einer Zeitschrift ausführlich beschrieben wurde, was die Deutschen so denken und tun,
wie sie „ticken“, da konnte man in den Leserbriefen lesen: „Faszinierend. Man kann sich gedanklich von der Masse abheben, um Sekunden später zu merken, dass man mit der Mehrheit der Deutschen mehr gemeinsam hat, als man von sich gedacht hat“.

Ja, es ist erfreulich: Unsere Spielräume sind größer geworden.
Ich vermute, diese Entwicklung hat auch damit zu tun, dass wir in den letzten Jahrzehnten so viel über Menschenwürde nachgedacht haben. Und die hängt eben nicht an unserem Lebensstil, nicht an unserer Kleidung, nicht am Körperschmuck, nicht an der Wohnungseinrichtung. Unsere Würde hat ihren tiefsten Grund darin, dass jede und jeder von uns ein unverwechselbares Geschöpf Gottes ist, dass Gott uns zu seinem Ebenbild und Partner geschaffen hat.

Und deshalb können wir lockerer die Rollen spielen und verändern, die das Leben von uns verlangt. Wir können neue Rollen ausprobieren, wenn uns unsere Prägungen und Vorlieben dazu verlocken.
Wir können uns an der Freiheit und Vielfalt freuen, die jeder hat, und auch darüber freuen, wenn andere diese Spielräume mehr nutzen als wir selbst. Und können großzügiger sein, wenn mal einer eine neue Rolle probiert und dabei scheitert oder aus der Rolle fällt.
Per E-Mail empfehlen

Meine Wünsche – Deine Wünsch

Montag, 25. August 2008     [Druckversion]

Es scheint kein Einzelfall zu sein.
Da sitzt das alte Ehepaar am Tag der Goldenen Hochzeit am Frühstückstisch. Und die Frau denkt: Jetzt habe ich fünfzig Jahre lang Rücksicht genommen und immer ihm das knusprige Oberteil des Brötchens überlassen. Heute will ich es genießen.
Und sie schmiert sich die obere Hälfte und gibt die untere ihrem Mann.
Und der ist hocherfreut, gibt ihr einen Kuss: Liebling, du machst mir heute die größte Freude.
Und ich hab immer gedacht, du würdest die untere Hälfte so sehr mögen!

Es scheint kein Einzelfall zu sein. Denn jemand hat sich sehr viel Mühe gegeben und ein Brötchen erfunden, das man drehen und wenden kann, wie man will: Jede Seite ist oben.
Im August soll es auf den Markt kommen, zumindest mal in Nürnberg.
Jetzt müsste aber auch noch jemand das Brötchen erfinden, das nur untere Hälften hat.

Natürlich kann man auch andere Lösungen finden: Man könnte zum Beispiel das Brötchen senkrecht teilen. Man könnte zu der bewährten Regelung greifen, dass der eine teilt und der andere wählt. Aber das funktioniert natürlich nur, wenn der, der wählt, auch den Teil wählt, den er wirklich will.
Eigentlich ist klar: man sollte darüber reden – statt nur zu vermuten, welche Vorlieben oder Abneigungen der andere hat. Fragen ist besser als vermuten. Wünsche aussprechen ist besser, als sie zu unterdrücken.
Es fängt damit an, dass ich meine Wünsche – die großen und die kleinen, die normalen und die eher ausgefallenen – bei mir selbst wahrnehme und mir eingestehe.
Und dass ich mir zutraue, sie zu äußern. Das heißt ja noch nicht, dass ich sie auf alle Fälle durchsetzen will oder dass der andere sie erfüllen müsste.
Ich traue mir und dem anderen zu, dass jeder zu seinen Wünschen und Vorlieben stehen und doch auch Abstand zu ihnen gewinnen kann.

Dafür ist das Gebet eine gute Schule. Denn jeder, der betet, lernt, zu seinen Wünschen zu stehen und sie zu äußern, vielleicht sogar die Wünsche, die einem ein bisschen peinlich sind oder deren man sich schämt. Warum sollte ich sie vor Gott verschweigen, der ja in mein Herz sieht. Aber vor ihm prüfe ich meine Wünsche: Will ich das wirklich? Was verspreche ich mir davon? Wem könnte es schaden?
Vor Gott verlieren meine Wünsche ihre Absolutheit und ich kann Abstand zu ihnen gewinnen und damit ein Stück Freiheit – meinen Wünschen gegenüber, mir selbst gegenüber. Und so werde ich auch offener für die Wünsche des anderen und lerne, nach ihnen zu fragen.

Per E-Mail empfehlen