SWR4 Abendgedanken B-W
Woche vom 17.08.2008 bis 23.08.2008 

Von Michael Broch, Leonberg, Katholische Kirche
Noch einmal mit der Kirche
Freitag, 22. August 2008
Jemand findet in der Kirche keine Heimat mehr. Zu viel hat sich für ihn verändert und dem Zeitgeist angepasst. Ein anderer findet in der Kirche keine Heimat mehr, weil sie sich zu wenig bewegt. Den einen sind die Lehren der Kirche und die Aussagen der Kirchenoberen zu verstaubt und rückständig – den anderen geht alles zu weit. Viele finden in der Kirche kein Verständnis für ihre Lebenssituation und keine Antwort auf ihre Fragen. Dazu kommen Enttäuschungen mit dem „kirchlichen Bodenpersonal“, Eifersüchteleien in Kirchengemeinden, Kränkendes durch die kirchliche Hierarchie, und, und, und. Wir können der Kirche aus vielen Gründen fremd werden – und die Kirche uns. Und wenn manch fromme Kirchenleute über die der Kirche Fernstehenden sprechen – dann möchte ich zu bedenken geben: „ Die Frage ist, wer da wem fern steht. “Wie wäre es, es trotzdem noch einmal mit der Kirche zu versuchen. Zu diesem Noch einmal möchte ich Sie ermutigen. Es gibt ein paar gute Gründe dafür. Auch heute noch geht eine Faszination von Jesus aus: Seine Art, offen und direkt auf Menschen zuzugehen. Und welchen Gott er verkündet – einen Gott, vor dem man keine Angst haben muss. Einen Gott, der ganz auf der Seite des Menschen steht. Um Jesus entsteht ein Klima, in dem sich Menschen geborgen fühlen und verstanden wissen. Auch diese Seite von Jesus verkündigt die Kirche durch die Jahrhunderte. Und immer wieder sind es unbekannte und bekannte Jugendliche, Frauen und Männer, die glaubwürdig Zeugnis geben von diesem einmaligen Menschen Jesus – Franz von Assisi und Mutter Teresa, Elisabeth von Thüringen und Frère Roger, Abbé Pierre und Bischof Kamphaus. Die Kirche begleitet Menschen von der Geburt bis zum Tod. In ihr können sie an einer Hoffnung teilhaben, die über den Tod hinaus reicht. Gute Seelsorge und Beratung nimmt den ganzen Menschen ernst. Die Kirche erinnert immer wieder daran, im Sinne Jesu solidarisch zu sein mit den Schwachen, die keine Lobby haben. Die Kirche setzt sich mit ihren Gottesdiensten und mit ihren Themen, mit Musik und Kunst dafür ein, die Sonn- und Feiertage zu erhalten. Kirchen sind Orte der Ruhe und der Besinnung. Orte, an denen manche Sprachlosigkeit, Ohnmacht und Hilflosigkeit im Gebet zur Sprache gebracht werden können. Versuchen Sie es noch einmal mit der Kirche. Dazu möchte ich Sie ermutigen.
Kranke besuchen
Donnerstag, 21. August 2008
„Säume nicht, den Kranken zu besuchen!“ (Sirach 7,35) – Diese Aufforderung steht in der Bibel und ist über 2200 Jahre alt. Vielleicht gilt sie heute mir, vielleicht gilt sie Ihnen. Ich erinnere mich schmerzlich: Einmal habe ich es versäumt, einen kranken Menschen rechtzeitig zu besuchen. Ich kam zu spät. „Säume nicht, den Kranken zu besuchen!“ – das ist mir seitdem eine Lehre. Nicht irgendwann einmal, sondern sobald als möglich. Wer länger krank ist, wartet meistens auf Besuch. Er erwartet nicht, dass ich viel rede oder ein Geschenk mitbringe. Einfach da sein ist wichtig. Wenn ein Kranker spürt, dass er nicht allein ist; dass Ihm jemand Halt gibt, der zu ihm hält – vielleicht ist das der größte Liebesdienst, den ein Kranker erfährt. Wer selbst krank war oder in der Klinik gelegen hat, der weiß, wie sehr man sich über einen lieben Besuch freut. Allerdings gilt auch das: Manche Besuche können nervig oder anstrengend sein. Jesus hatte ein besonderes Verhältnis zu den Kranken. Wo er hinkam, drängten sie sich um ihn in der Hoffnung, dass Jesus sie heilt. Es ist auffallend: Ein Viertel des Textes in den Evangelien sind Wundergeschichten. Und der weitaus größte Teil berichtet davon, dass Jesus Kranke geheilt hat. Das hat die Menschen zu allen Zeiten aufhorchen lassen. So ist es ganz im Sinne Jesu, wenn wir Kranke besuchen und dies nicht aufschieben. Jesus identifiziert sich sogar selbst mit ihnen: Wer Kranke besucht, besucht ihn. Anders ist sein Wort nicht zu verstehen: „Ich war krank, und ihr habt mich besucht.“ (Matthäus 25,36) Vor 400 Jahren lebte in Rom ein Krankenpfleger namens Kamillus von Lellis. Er hat das mit Jesus und den Kranken begriffen und auch noch zum Ausdruck gebracht: Als der Papst einmal das Heilig-Geist-Spital besuchte, behielt Kamillus seinen Pflegerkittel an. Man warf ihm Mangel an Ehrfurcht vor. Kamillus aber gab zu bedenken: „Warum das? - Wenn ich mit Jesus selbst beschäftigt bin, kann ich mich für seinen Stellvertreter nicht eigens umziehen.“
Licht in der Nacht
Mittwoch, 20. August 2008
Stromausfall. Wo sonst abends alles hell erleuchtet ist – in einer Sekunde ist alles stockdunkel: die Häuser, die Strassen, die Landschaft. Selbst der Himmel, der sonst leicht die geballte Lichtkonzentration einer Stadt widerspiegelt – alles schwarz. Ich überlege, wo ich eine Kerze und Streichhölzer finden könnte. Und obwohl ich mich in der Wohnung auskenne, taste ich mich jetzt wie orientierungslos und mit ausgestreckten Armen dorthin, wo ich die gesuchte Kerze vermute. Die Nacht hat etwas Unheimliches an sich. Im Wortsinne: Wenn ich im Dunkeln tappe und kein Licht mehr sehe, aber auch im übertragenen Sinne: Wenn ich an die Schattenseiten und Abgründe in meinem Leben denke. Diese Nachterfahrungen will ich nicht herbei reden. Ich möchte ihr aber auch nicht ausweichen, der Nacht in mir. Wenn ich in den Evangelien im Neuen Testament lese, dann fällt auf: Wichtige Ereignisse um Jesus sind mit der Nacht verbunden. Nacht ist es, als Jesus geboren wird. Nacht ist es, als für ihn die letzten Leidensstunden vor seiner Kreuzigung beginnen. Noch bevor der neue Tag anbricht, ist Jesus vom Tod auferstanden. Wenn Menschen nach Sinn und Wahrheit in ihrem Leben suchen, kommen sie des öfteren bei Nacht zu Jesus, um mit ihm zu sprechen. Warum dieser dunkle Hintergrund? Vielleicht deshalb, weil dann das Licht um so heller scheint? Wie eine Kerze, die mit der Zeit einen ganzen Raum ausleuchten kann. Ich möchte der biblischen Botschaft glauben: „Mit Jesus ist das Licht in die Welt gekommen,“ auch in meine Welt. Ein Gedanke, den vor allem das Johannes Evangelium immer wieder aufgreift. Das tröstet mich und gibt mir Zuversicht mitten hinein in meine Erfahrungen von Nacht. Da ist einer, der mir die Angst nimmt vor der Dunkelheit, und einer, der mir das Gefühl gibt, nicht allein zu sein in der Nacht. Und von dem ich höre: Fürchte dich nicht! Ich sehe mich aber auch dazu aufgerufen und ermutigt: Wo kann ich jemandem helfen, bei dem es dunkel ist im Leben, dass es wieder heller wird? Ich biete ein Gespräch an, suche zu vermitteln. Ich lasse jemanden spüren, dass er auch in dunklen Stunden nicht alleine ist. Ebenso freue ich mich über einen Menschen, der mich das spüren lässt. Und ich möchte vertrauen: Gott steht zu seinem Versprechen, dass es in seiner neuen Welt keine Nacht mehr geben wird (Offenbarung 21, 25), eines jeden Nacht endgültig aufgehoben ist.
Vorsicht
Dienstag, 19. August 2008
„Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste“ – klingt gut. Ich werde daran erinnert, vorsichtig zu sein, damit ich mich und andere nicht in Gefahr bringe – etwa im Straßenverkehr. Damit ich nicht über die Gefühle eines Menschen hinweg gehe – durch unbedachtes Gerede. Vorsicht, damit im Zwischenmenschlichen nichts zerbricht. Eine gute Empfehlung. Ich kann mich aber auch hinter der Vorsicht verstecken, wenn ich kein Risiko eingehen möchte, jedes Wagnis scheue, vor einer Aufgabe kneife. Im Alltag sehe ich die größere Gefahr darin, dass ich zu vorsichtig bin. Oft scheue ich bereits einen kleinen Schritt über den eigenen Schatten, um auf jemanden zuzugehen. Mit zu viel Vorsicht werde ich kein Ehrenamt übernehmen, um mich mit anderen und für andere zu engagieren. Mit zu viel Vorsicht mangelt es mir auch an Zivilcourage, wenn es gilt, zur rechten Zeit den Mund aufzumachen und mich schützend vor jemanden zu stellen. Vorsicht kann auch ein anderes Wort sein für: „Ich mein es doch bloß gut mit dir.“ Bin ich ehrlich, dann muss ich eingestehen: Mit solchen Bekundungen meine ich es manchmal eher gut mit mir. Wenn ich meine Ideen durchsetzen möchte. Wenn ich einen anderen nicht annehme, wie er ist, sondern ihn so haben möchte, wie ich ihn mir vorstelle. Mit Vorsicht kann ich auch tarnen, dass ich neidig und missgünstig bin und anderen nicht gönne, was ich selbst nicht erreiche. Vorsicht ja, aber oft ist eher Mut angebracht. Und da fühle ich mich immer wieder angesteckt von dem guten Menschen aus Nazaret. Jesus finden wir nicht in der Ecke der Vorsicht. Der Versuchung, zu vorsichtig zu sein, ist er nicht erlegen. Ihn finden wir weit eher am Rande, an den Grenzen, in extremer Position: leidenschaftlich für das Gute, Grenzgänger aus Liebe. Da nimmt er auch Konflikte mit der politischen und religiösen Obrigkeit in Kauf. Die Liebe zu Kindern ist bei ihm so groß, dass er zornig wird wenn diese Liebe verletzt wird. Kranke, die zu den Ausgeschlossenen in der Gesellschaft gehörten, heilt er von ihren körperlichen, seelischen und geistigen Gebrechen. In einer ganz und gar von Männern beherrschten Gesellschaft ist sein Umgang mit Frauen selbstverständlich und unverkrampft. Jesus ist nicht vorsichtig, sondern genial einseitig - .um des Menschen willen
Segen
Montag, 18. August 2008
„Heile, heile Segen, drei Tage Regen, drei Tage Schnee und bald tut’s nicht mehr weh“ – so der bekannte Reim für Kinder, die sich das Knie verletzt oder den Kopf angehauen haben. „Heile, heile Segen“ ...Segen, der kann nicht nur Kindern, sondern auch uns Erwachsenen gut tun. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir wieder bewusst, wie wichtig eine meiner Diensthandlungen als Pfarrer ist: segnen. Am Schluss des Gottesdienstes, wenn ich ein Kind taufe, ein junges Paar traue, jemand beerdige, dann segne ich die Anwesenden. Segnen kommt vom lateinischen „signare“ – bezeichnen, versiegeln: Ich mache mit der Hand das Kreuz-Zeichen und segne die Gemeinde. Dem sehr nahe kommt ein anderes lateinisches Wort: „benedicere“ – Gutes sagen, ein freundliches Wort finden. Zum Segnen gehört beides: das Kreuz-Zeichen und das gute Wort. Dem andern von Gott her Gutes zusprechen, ihm Gutes wünschen. Und ich frage mich: Warum segnet nur der Pfarrer, und dies fast nur bei offiziellen, dienstlichen Handlungen? Warum wünschen wir Gottes Segen nur bei feierlichen Anlässen? – Es ist selten geworden, dass die Mutter ihre Kinder mit einem Kreuz-Zeichen auf die Stirn segnet, wenn sie das Haus verlassen und bevor sie einschlafen. Ich weiß nicht, ob es in ländlichen Gegenden noch Brauch ist, dass der Vater oder die Mutter das Brot segnet, bevor es aufgeschnitten wird. Wenn jemandem Gutes geschieht, sagte man früher vielerorts „Vergelt’s Gott“ und bekam zur Antwort „Segne’s Gott“, Gott möge es segnen. Diesen Segen möchte ich Ihnen mit auf den Weg geben: „Gott segne die Jahre deines Lebens, die vergangenen und die kommenden. Er segne die Momente des Glück und schenke dir die Fähigkeit sie zu genießen. Er segne dein Lachen und erfülle dein Herz mit Freude. Gott segne dich, wenn Enttäuschungen dich lähmen und lasse neue Hoffnung in dir wachsen. Er segne die Ruhe, die du brauchst und helfe dir zur Erholung. Er segne die Mühen deiner Arbeit und lasse ihre Frucht aufgehen. Gott segne die Menschen, die mit Liebe dein Herz berühren. Er segne und behüte dich, heute und alle Tage.“(Klaudia Busch-Wermeyer)

