Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 11.05.2008 bis 17.05.2008


„Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen“ (Lukas 12,49)

Freitag, 16. Mai 2008     [Druckversion]

Der einzige Überlebende eines Schiffsunglücks – so erzählt eine Geschichte des ungarischen Autors Imre Kertész – wird an den Strand einer einsamen und unbewohnten Insel gespült. Tag für Tag hält er Ausschau nach Rettung - vergeblich. Schließlich baut er für sich und seine wenigen Habseligkeiten eine kleine Hütte aus Holz. Eines Tages aber geht seine Hütte in Flammen auf. Nun hat er alles verloren. Er schreit und klagt vor Ärger und Verzweiflung. Am nächsten Morgen hört er ein Motorboot. Er springt auf, und tat-sächlich, man will ihn retten. „Woher wusstet ihr, dass ich hier bin?“ fragt er glücksselig seine Retter. „Wir haben Ihr Rauchsignal gesehen.“ (Nach Imre Kertész, Dossier K. Eine Ermittlung, Rein-bek bei Hamburg 2006)
Es ist das Feuer, das in dieser Geschichte die Hauptrolle spielt: Zur Verzweiflung des Schiffbrüchigen vernichtet es sein bisschen Habe, sein notdürftiger Schutz wird ein Raub der Flammen, alles geht in Rauch auf. Aber gerade das ist auch seine Rettung – dem Feuer hat es dieser im Nirgendwo gestrandete Mensch zu verdanken, dass er wie-der ganz neue Lebensmöglichkeiten erhält.
Ja, Feuer hat eine zerstörerische Kraft: Wenn etwas verbrennt, bedeutet das immer auch, dass etwas vernichtet wird. Gerade darin liegt aber auch eine andere Kraft des Feuers: die Kraft zur Befreiung und Erneuerung.
Und um diese Kraft der Befreiung und Erneuerung geht es auch im Wort vom Feuer im Lukasevangelium. Da sagt Jesus: „Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu wer-fen.“ (Lukas 12,49) Das klingt sehr bedrohlich. Da denkt man im ersten Moment unweigerlich an Bestrafung, Gericht und Höllenfeuer. Schließlich „ließ der Herr auf Sodom und Go-morra Schwefel und Feuer regnen“ (Genesis 19,24), um diese beiden Städte als Strafe für das gottlose Treiben ihrer Bewohner mit Stumpf und Stiel auszurotten. Und in der Offenba-rung des Johannes, im letzten Buch des Neuen Testaments, kann man lesen, dass eine der sieben Strafen, die Gott über die Erde ausgießen wird, darin besteht, „die Menschen mit Feuer zu verbrennen“ (Offenbarung 16,8).
Aber genau darum geht es Jesus nicht: Das Feuer, das Jesus bringt, ist das Feuer der Leidenschaft für die Menschen. Es bringt eben nicht Verderben, sondern es verwan-delt alle die, die sich davon ergreifen, entzünden und durchglühen lassen: Hartes und Kaltes schmilzt weg und es brennt Liebe, Ängste, die einen gefangen halten, werden in Rauch aufgehen. So gewinnt man Leben, wirkliches Leben. Und – hoffentlich – auch ewi-ges Leben.

„Wir sind alle dazu bestimmt zu leuchten“ (nach Matthäus 5,16)

Donnerstag, 15. Mai 2008     [Druckversion]

„Stell Dein Licht nicht unter den Scheffel!“ So sagt man zu Menschen, die dazu nei-gen, nicht recht an sich und die eigenen Fähigkeiten zu glauben, denen es schwerfällt zu zeigen, was in ihnen steckt. „Stell Dein Licht nicht unter den Scheffel!“ Wer das sagt, weiß, dass sein Gegenüber etwas kann, und möchte gleichzeitig Mut machen, diese Ga-ben und Fähigkeiten nicht zu verstecken und sich unter Wert zu verkaufen.
Diese Redensart hat seinen Ursprung in der Bibel. Im Matthäusevangelium heißt es: „Man zündet nicht eine Lampe an und stellt sie unter einen Eimer, sondern auf den Leuchter; dann leuchtet sie allen im Haus. So soll euer Licht vor den Menschen leuchten, damit sie eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Matthäus 5,15f.)
Schon etwas merkwürdig diese Aufforderung, ‚unser Licht leuchten zu lassen‘: Er-warten wir in der Bibel nicht eher einen Aufruf zu Bescheidenheit? Außerdem scheint es doch, als ob die Welt eher an selbstgefälligen Wichtigtuern und eitlen Angebern krankt als an Menschen, die sich bescheiden zurückhalten. Andererseits stimmt es ja trotzdem: Für viele ist es in der Tat schwer, sich selbst mit allem, was man hat und weiß, kann und glaubt, selbstbewusst zu zeigen und einzubringen – lieber bleibt man unauffällig im Hin-tergrund.
Die so denken und handeln, haben einen Grund dafür. In einer Rede macht Nelson Mandela, ehemaliger Präsident von Südafrika, darauf aufmerksam: „Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, die uns am meisten Angst macht“. Und entsprechend, so Man-dela weiter, fragen wir uns „Wer bin ich, mich brillant, großartig, talentiert, phantastisch zu nennen?“
Tatsächlich: Das trauen sich nicht viele! Und wäre das nicht auch ziemlich eingebil-det und anmaßend? Doch Mandela sieht das anders. So schreibt er: „Du bist ein Kind Gottes. Dich selbst klein zu halten, dient nicht der Welt. … Wir sind bestimmt zu leuchten, wie es die Kinder tun. Wir sind geboren worden, um den Glanz Gottes, der in uns ist, sichtbar zu machen. Er ist nicht nur in einigen von uns, er ist in jedem einzelnen.“
Sein Licht leuchten zu lassen, hat nichts mit Unbescheidenheit zu tun – es ist viel-mehr eine Frage des Glaubens. Des Glaubens daran, dass Gott mich wie jeden Men-schen als sein Kind mit Gaben ausgestattet hat, die das Leben und die Welt ein bisschen schöner und reicher und besser machen können, und dass Gott durch mich und durch jeden Menschen in diese Welt hineinleuchten möchte. So gesehen, können wir vielleicht die Angst vor dem eigenen Licht überwinden - und leuchten!

„Ist nicht mein Wort wie Feuer?“ (Jeremia 23,29)

Mittwoch, 14. Mai 2008     [Druckversion]

„Ist nicht mein Wort wie Feuer?“ Es ist mehr eine Feststellung als eine Frage, die-ses ‚Wort des Herrn‘ im Buch des Propheten Jeremia im Alten Testament. Es gehört zu einer flammenden Rede, in der sich Gott über die falschen Propheten empört, die nicht seine Botschaft verkünden, sondern ihre eigenen Phantasien zum Besten geben und da-bei alles schönreden und die unangenehmen Wahrheiten verschweigen.
Nein, das ist nicht Gottes Wort, das uns ein X für ein U vormacht, das verharmlost, beschwichtigt und einlullt. Und es ist auch nicht Gottes Wort, wenn übertrieben, dramati-siert und schlecht geredet wird. Gottes Wort ist anders: Gottes Wort ist wie Feuer. Wie Feuer kann es wärmen, was kalt, und weich machen, was starr und hart ist; es macht das Leben hell und gibt Orientierung. Aber wie Feuer ist es eben auch alles andere als harm-los: es hat Kraft und Macht, es kann weh tun und es kann verwandeln.
Dieses uralte Wort ist aktueller denn je. In einem Zeitalter, in dem wir aufgrund der allgegenwärtigen Medien von allen Seiten mit grandiosen Verheißungen einerseits und mit düsteren Katastrophen- und Weltuntergangsprophezeiungen andererseits geradezu bombardiert werden, ist es äußerst schwierig die falschen von den richtigen Propheten zu unterscheiden: Haben die recht, die die rasanten technischen Entwicklungen als Fort-schritt preisen und sich und uns davon das Heil versprechen oder soll man denen glau-ben, die gerade darin die Ursache für die Zerstörung der Welt und den sicheren Unter-gang der Menschheit sehen? Haben die recht, die vor den Gefahren grenzenlosen Wachstums warnen und ein Umdenken und unbequemes Verzichten fordern, oder sind das einfach übellaunige Spielverderber, die nicht genießen können? Haben die recht, die Gericht Gottes predigen, vor dem man Angst haben muss, oder die, die einen ‚lieben‘ Gott verkünden, bei dem alles zum Guten führt?
Das Wort, in dem wir dem Wort Gottes begegnen, muss – so der Prophet Jeremia – die Feuerprobe bestehen: Wenn eine angebliche Heils- oder Unheilsbotschaft nur mutlos macht und lähmt und keine Energie freisetzt, wenn sie nur harmlos ist und keine Heraus-forderung enthält, wenn sie sich nicht dem hellen Licht einer kritischen Prüfung stellt, wenn sie nur ein Strohfeuer der Begeisterung entfacht, das nicht auf Dauer Orientierung geben kann, dann sind zumindest Zweifel angebracht, ob da wirklich die Heilsbotschaft Gottes zu hören ist.
Gottes Wort ist wie Feuer. Dieses Merkmal hilft nicht mit 100%er Sicherheit zu er-kennen, was im Geist Gottes gesprochen ist. Aber es gibt wichtige Anhaltspunkte und mahnt, genau zu prüfen, was sogenannte Wahrheit zu sein beansprucht: Wirkliche Heils-botschaft ist Frohbotschaft, die herausfordert: zu brennender Liebe!

„Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht“ (Exodus/2. Mose 3,2)

Dienstag, 13. Mai 2008     [Druckversion]

Es brennt in der Bibel – lichterloh. Da ist die Rede vom Feuer, das vernichtet, und vom Feuer, das entzündet wird, von einer Feuersäule und von Brandopfern, von glühen-den Kohlen und vom glimmenden Docht, von Zornesgluten und brennenden Herzen.
Mose ist seinerzeit einem ganz seltsamen Feuer begegnet. Im Buch Exodus im Al-ten Testament wird davon berichtet: Mose war als Hirte mit seiner Herde unterwegs, als er sah, dass eine „Flamme … aus einem Dornbusch emporschlug“ (Exodus 3,2) – ohne dass der Dornbusch dabei verbrannte. Neugierig geworden ging Mose diesem merkwürdigen Phänomen auf den Grund – und entdeckte, dass Gott sich ihm in diesem Feuer zeigte. Und mehr noch: hier offenbarte Gott seinen Namen: „Ich bin der ‚Ich-bin-da‘“ (Exodus 3,14).
Am brennenden Dornbusch gibt Gott sich also zu erkennen: Er ist der, der da ist – sicher, verlässlich, unvergänglich und nicht nur wie ein kurzes Strohfeuer, das schnell wieder verlöscht. Er ist der, der da ist – auch wenn es brenzlig ist, auch wenn es zum Da-vonlaufen ist. Aber er lässt sich – so wie Feuer - nicht vorausberechnen, er lässt sich nicht fassen und nicht über sich verfügen.
An Pfingsten gibt es wieder so ein merkwürdiges Feuer, das brennt und doch nichts verbrennt: Damals erschienen den versammelten Aposteln „Zungen wie von Feuer“, wie es in der Apostelgeschichte (2,3) heißt. Da war also Feuer unterm Dach. Und obwohl das normalerweise brandgefährlich ist, scheint dieses Feuer keinen Schaden angerichtet zu haben: nichts ist verbrannt, die Apostel blieben unversehrt.
Gott sendet den Heiligen Geist - in Form von Feuerzungen, die nichts zerstören. Es scheint, als ob Pfingsten so etwas wie die Fortsetzung der Geschichte vom brennenden Dornbusch ist: So wie Mose am brennenden Dornbusch erfahren hat, wer Gott ist – näm-lich der Gott, der da ist, so erleben die Apostel nun, wie dieser Gott bei uns ist: Gottes Da-sein wird fühl- und erlebbar im Wirken des Heiligen Geistes – etwa wenn Ängstliche und Hoffnungslose Mut fassen, wenn Rastlose und Getriebene Ruhe finden, wenn Lei-dende und Verzweifelte getröstet werden, wenn Krankes und Verletztes geheilt wird, wenn Starres und Festgefahrenes in Bewegung kommt, wenn Totes lebendig wird …
Allerdings: Der Geist, weht wo er will (nach Johannes 3,8). Gottes Da-sein ereignet sich nicht unbedingt so, wie wir uns das vorstellen oder wünschen. Aber wenn wir unsere ei-genen Erwartungen und Wünsche loslassen, wenn wir uns dem Anderen öffnen, dann kann Erstaunliches passieren: Die Apostel konnten plötzlich so reden, dass alle Welt sie verstand. Wer weiß, zu was wir fähig sind, wenn wir Gott eine Chance geben und ein Funke des pfingstlichen Feuers auf uns überspringt.