SWR4 Abendgedanken B-W
Woche vom 04.05.2008 bis 10.05.2008 

Von Ilse Häußer, Tübingen, Evangelische Kirche
Mit selbsteigner Pein
Freitag, 09. Mai 2008
Erwin war mit Erika in der Kirche. Mal wieder. Auf dem Heimweg geht es los: „Du musst zugeben, manche von diesen alten Liedern haben schon sehr merkwürdige Texte. Wie war das, warte, das hab ich mir doch merken wollen: Ja: selbsteigne Pein. Was, bitte, ist selbsteigne Pein?“
O je, denkt Erika, da hat er mich erwischt. Hab ich noch nie drüber nachgedacht.
„Wieso“, sagt sie, „ist doch ein schönes Lied, Befiehl du deine Wege, wird oft gesungen. Und – Moment – wie heißt es? Ja: ‚Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.’ Was damit gemeint ist? Also, beim Singen denke ich da nicht nach, das geht direkt in mein Inneres.“
„Also, tut mir leid,“ sagt er, „selbsteigne Pein – das hab ich zum Beispiel, wenn ich mir mit den Hammer auf den Daumen haue – absichtlich. Ein Schmerz, den ich mir selber zufüge, aber wer tut so was?“
„Na ja“, sagt Erika, „vielleicht nicht so direkt, so äußerlich, Mehr so im Inneren. Wenn man zum Beispiel etwas getan hat, das einen dann reut, weil es nicht in Ordnung war, dann macht man doch manchmal immer wieder dran rum, wie wenn man sich selber strafen wollte. Dass man sich ganz klein und zerknirscht fühlt.“
„Zerknirscht, das ist auch so ein schönes Wort“, sagt Erwin. „So richtig klein und zerknirscht, manchmal denke ich, so wollen die uns haben: du armer Sünder, jetzt hab ich dich, und dann kommt die frohe Botschaft: Wenn du alles bereust, dann ist Gott mit dir zufrieden.“
Erika bleibt stehen. „Augenblick – jetzt hast du aber alles rumgedreht. Genau so ist es nicht gemeint. Du hast überhaupt nicht richtig hingehört. Mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, damit kannst du ihn nicht erweichen. Du kannst klein und zerknirscht tun, das beeindruckt ihn nicht. So will er nicht, dass wir uns vorkommen.“
„Sondern?“
„Es muss erbeten sein, heißt es in dem Lied. Also, du sollst darum bitten, dass er zu dir hält. Dir hilft.“
„Na, das ist ja auch nicht viel besser“, sagt Erwin.
„Wieso“, fragt sie, „das ist, wie wenn du zu mir „bitte“ sagst, das tust du doch. Könntest du mir bitte mal den Knopf an dem Hemd annähen?“
„So stellst du dir das vor?“
„Ja“, sagt Erika, „nicht klein und zerknirscht, sondern eher so auf Augenhöhe. Ich glaube, Gott will uns nicht klein machen, und wir sollen das auch nicht tun. Weil das unwürdig ist. Also wir sollen uns nicht quälen, um ihm zu gefallen.“
„Sondern?“
„Was weiß ich – sei zu ihm so grad raus, offen und ehrlich, so wie du es zu mir bist.“
O je, denkt Erika, da hat er mich erwischt. Hab ich noch nie drüber nachgedacht.
„Wieso“, sagt sie, „ist doch ein schönes Lied, Befiehl du deine Wege, wird oft gesungen. Und – Moment – wie heißt es? Ja: ‚Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.’ Was damit gemeint ist? Also, beim Singen denke ich da nicht nach, das geht direkt in mein Inneres.“
„Also, tut mir leid,“ sagt er, „selbsteigne Pein – das hab ich zum Beispiel, wenn ich mir mit den Hammer auf den Daumen haue – absichtlich. Ein Schmerz, den ich mir selber zufüge, aber wer tut so was?“
„Na ja“, sagt Erika, „vielleicht nicht so direkt, so äußerlich, Mehr so im Inneren. Wenn man zum Beispiel etwas getan hat, das einen dann reut, weil es nicht in Ordnung war, dann macht man doch manchmal immer wieder dran rum, wie wenn man sich selber strafen wollte. Dass man sich ganz klein und zerknirscht fühlt.“
„Zerknirscht, das ist auch so ein schönes Wort“, sagt Erwin. „So richtig klein und zerknirscht, manchmal denke ich, so wollen die uns haben: du armer Sünder, jetzt hab ich dich, und dann kommt die frohe Botschaft: Wenn du alles bereust, dann ist Gott mit dir zufrieden.“
Erika bleibt stehen. „Augenblick – jetzt hast du aber alles rumgedreht. Genau so ist es nicht gemeint. Du hast überhaupt nicht richtig hingehört. Mit selbsteigner Pein lässt Gott sich gar nichts nehmen, damit kannst du ihn nicht erweichen. Du kannst klein und zerknirscht tun, das beeindruckt ihn nicht. So will er nicht, dass wir uns vorkommen.“
„Sondern?“
„Es muss erbeten sein, heißt es in dem Lied. Also, du sollst darum bitten, dass er zu dir hält. Dir hilft.“
„Na, das ist ja auch nicht viel besser“, sagt Erwin.
„Wieso“, fragt sie, „das ist, wie wenn du zu mir „bitte“ sagst, das tust du doch. Könntest du mir bitte mal den Knopf an dem Hemd annähen?“
„So stellst du dir das vor?“
„Ja“, sagt Erika, „nicht klein und zerknirscht, sondern eher so auf Augenhöhe. Ich glaube, Gott will uns nicht klein machen, und wir sollen das auch nicht tun. Weil das unwürdig ist. Also wir sollen uns nicht quälen, um ihm zu gefallen.“
„Sondern?“
„Was weiß ich – sei zu ihm so grad raus, offen und ehrlich, so wie du es zu mir bist.“
Sorgenpüppchen
Donnerstag, 08. Mai 2008
Erika macht sich manchmal zu viele und vor allem unnötige Sorgen, denkt Erwin. Er möchte ihr helfen. Er meint, jetzt wo die Kinder aus dem Haus sind und sie auch keine finanziellen Probleme mehr haben, könnte sie doch ein bisschen unbeschwerter sein.
In einer Zeitschrift hat er gelesen, dass es helfen soll, wenn man die Sorgen auf ein Blatt Papier schreibt und das dann verbrennt.
Erika findet diesen Vorschlag blöd. Ob sie dann vielleicht auch alles, was ihr Kummer macht, einem alten Baum an die Rinde hinflüstern soll oder ob sie sich mexikanische Sorgenpüppchen besorgen soll und denen vor dem Zubettgehen alles anvertrauen?
Offenbar hat sie den Artikel auch gelesen.
„Aber du betest doch manchmal“, sagt Erwin, der sich jetzt ein bisschen geniert.
„Ja“, sagt sie, „das tue ich allerdings.“
„Und das hilft dir nicht gegen die Sorgen?“
„Wenn du mich so fragst...“ Erika überlegt. „Ich glaube, die ganz banalen Sorgen an Gott hinzureden – da hab ich Hemmungen. Verstehst du, als Lena so krank war, da hab ich gebetet, dass Gott ihr hilft...“
„Das haben wir wahrscheinlich alle getan“, sagt Erwin leise.
„Ja, aber die Dinge, die ich selber regeln könnte, die will ich auch selber in Ordnung bringen“, sagt Erika. „Damit will ich Gott nicht belästigen. Ich finde, das gehört sich nicht.“
„Meinst du, der ist so streng?“, fragt Erwin.
„Darum geht es nicht“, sagt sie, „ich will das nicht. Wenn ich zum Beispiel meinen Schlüssel verlegt hab, dafür kann ich doch nicht beten, dass ich den wiederfinde...“
„Die Katholischen haben dafür den Heiligen Antonius“, sagt Erwin.
„Ja, das ist praktisch. Das heißt aber auch, dass sie Gott selber nicht mit so was kommen wollen.“
„Geht es wirklich um den verlorenen Schlüssel, wenn du dir Sorgen machst?“, fragt Erwin. „Und nicht um was anderes?“
„Wieso?“
Vorsicht, denkt er, das ist ein wunder Punkt. „Ja, zum Beispiel“, sagt er, „wir werden doch alle vergesslicher.“
Sie lacht. „Das hast du nett gesagt. Ja, meine Schussligkeit macht mir Sorgen. Und dass das schlimmer wird. Und was alles noch kommt. Und wie wir, wenn wir richtig alt sind, zurecht kommen.“
Jetzt haben wir’s, denkt Erwin. Da hat sie Recht. Das weiß ich auch nicht.
„Das weiß keiner“, sagt er. „Aber – ich versteh ja nicht so viel vom Beten, aber genau darum müsste es doch eigentlich dabei gehen.“
„Wie meinst du das“, fragt Erika.
„Ja, dass wir das, was kommt, aus der Hand geben und darauf vertrauen, dass Gott uns damit nicht allein lassen wird.“
„Da hast du Recht“, sagt Erika, – „wenn das nur so einfach wäre...“
In einer Zeitschrift hat er gelesen, dass es helfen soll, wenn man die Sorgen auf ein Blatt Papier schreibt und das dann verbrennt.
Erika findet diesen Vorschlag blöd. Ob sie dann vielleicht auch alles, was ihr Kummer macht, einem alten Baum an die Rinde hinflüstern soll oder ob sie sich mexikanische Sorgenpüppchen besorgen soll und denen vor dem Zubettgehen alles anvertrauen?
Offenbar hat sie den Artikel auch gelesen.
„Aber du betest doch manchmal“, sagt Erwin, der sich jetzt ein bisschen geniert.
„Ja“, sagt sie, „das tue ich allerdings.“
„Und das hilft dir nicht gegen die Sorgen?“
„Wenn du mich so fragst...“ Erika überlegt. „Ich glaube, die ganz banalen Sorgen an Gott hinzureden – da hab ich Hemmungen. Verstehst du, als Lena so krank war, da hab ich gebetet, dass Gott ihr hilft...“
„Das haben wir wahrscheinlich alle getan“, sagt Erwin leise.
„Ja, aber die Dinge, die ich selber regeln könnte, die will ich auch selber in Ordnung bringen“, sagt Erika. „Damit will ich Gott nicht belästigen. Ich finde, das gehört sich nicht.“
„Meinst du, der ist so streng?“, fragt Erwin.
„Darum geht es nicht“, sagt sie, „ich will das nicht. Wenn ich zum Beispiel meinen Schlüssel verlegt hab, dafür kann ich doch nicht beten, dass ich den wiederfinde...“
„Die Katholischen haben dafür den Heiligen Antonius“, sagt Erwin.
„Ja, das ist praktisch. Das heißt aber auch, dass sie Gott selber nicht mit so was kommen wollen.“
„Geht es wirklich um den verlorenen Schlüssel, wenn du dir Sorgen machst?“, fragt Erwin. „Und nicht um was anderes?“
„Wieso?“
Vorsicht, denkt er, das ist ein wunder Punkt. „Ja, zum Beispiel“, sagt er, „wir werden doch alle vergesslicher.“
Sie lacht. „Das hast du nett gesagt. Ja, meine Schussligkeit macht mir Sorgen. Und dass das schlimmer wird. Und was alles noch kommt. Und wie wir, wenn wir richtig alt sind, zurecht kommen.“
Jetzt haben wir’s, denkt Erwin. Da hat sie Recht. Das weiß ich auch nicht.
„Das weiß keiner“, sagt er. „Aber – ich versteh ja nicht so viel vom Beten, aber genau darum müsste es doch eigentlich dabei gehen.“
„Wie meinst du das“, fragt Erika.
„Ja, dass wir das, was kommt, aus der Hand geben und darauf vertrauen, dass Gott uns damit nicht allein lassen wird.“
„Da hast du Recht“, sagt Erika, – „wenn das nur so einfach wäre...“
Erika und der Sorgenkruscht
Mittwoch, 07. Mai 2008
Erika hat beschlossen, dass sie sich keine unnötigen Sorgen mehr machen will. Jedenfalls nicht über Kleinigkeiten, die es nicht wert sind. Ihre Enkeltochter war sehr krank gewesen, die Sorge um sie hatte Erika ganz ausgefüllt. Und als Lena wieder gesund war, hat Erika sich vorgenommen: Ab jetzt lasse ich mir von diesem blöden Sorgenkruscht nicht mehr das Leben schwer machen.
Aber so einfach ist das nicht. Während Lenas Krankheit kamen ihr die Alltagssorgen klein und lächerlich vor, aber als alles wieder gut war, streckten sie ihre Köpfe wieder in die Höhe, plusterten sich auf. Das ärgert sie. Aber es ist so.
„Ich will das doch gar nicht, ich mache mir doch nicht zum Spaß Sorgen“, sagt sie, „die sind einfach da.“
„Weißt du was“, sagt Erwin, „du sagst du es ja schon selber, wie es ist: Du machst dir Sorgen. Das sagt doch alles. Warum sagst du nicht einfach: Ich mache mir keine Sorgen.“
„Ha, wenn das so einfach wäre“, sagt Erika. „Die Sorgen mache ich mir nicht, die drängen sich mir auf.“
„Aber es heißt: Ich mache mir Sorgen, und da ist was dran“, sagt er. „Man hat das schon auch selber in der Hand, was man an sich ranlässt.“
„Ach“, sagt sie, „vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt: Hauptsache, sie ist gesund. Aber jetzt denke ich doch wieder: Warum kann man die Lena nicht dazu bringen, dass sie ein bisschen mehr lernt, es wär’ halt doch auch wichtig für ihre Zukunft.“
„Kann es sein, dass du dich einfach zu sehr zuständig fühlst für die anderen?“, fragt Erwin. „Wenn die Lena nicht lernen will, dann können wir nichts daran ändern. Das ist einfach so, es kann uns ärgern oder Leid tun, aber ausrichten können wir nichts. Basta. Und was ich nicht beeinflussen kann, dafür will ich mich nicht verantwortlich fühlen. Muss ich auch nicht.“
„Du hast ja Recht“, sagt Erika. „Aber es wär’ doch schon gut, wenn sie es einsehen würde.“
„Du komm“, sagt er, „ich glaub, was dir manchmal fehlt, ist Vertrauen. Das Vertrauen, dass etwas geht ohne dich. Dass etwas auch mal gut werden kann, ohne dass du dabei mitgemischt hast.“
„Irgendwie muss ich mir grad viel von dir sagen lassen“, meint Erika. „Aber ich will das ja lernen, mir weniger Sorgen zu machen. Und was du da gesagt hast, das klingt schon sehr gut...“
„Ach ja?“, sagt Erwin.
„Ja, dass ich keine Verantwortung habe und mich auch nicht verantwortlich fühlen muss, wenn ich etwas sowieso nicht beeinflussen kann. Klingt wirklich sehr logisch. Aber – bitte sehr – woher will ich denn wissen, dass ich etwas nicht beeinflussen kann? Ich darf es ja wohl ausprobieren.“
„Aber manchmal tut man zu viel des Guten“, sagt Erwin. „Lass es doch einfach mal gut sein.“
Aber so einfach ist das nicht. Während Lenas Krankheit kamen ihr die Alltagssorgen klein und lächerlich vor, aber als alles wieder gut war, streckten sie ihre Köpfe wieder in die Höhe, plusterten sich auf. Das ärgert sie. Aber es ist so.
„Ich will das doch gar nicht, ich mache mir doch nicht zum Spaß Sorgen“, sagt sie, „die sind einfach da.“
„Weißt du was“, sagt Erwin, „du sagst du es ja schon selber, wie es ist: Du machst dir Sorgen. Das sagt doch alles. Warum sagst du nicht einfach: Ich mache mir keine Sorgen.“
„Ha, wenn das so einfach wäre“, sagt Erika. „Die Sorgen mache ich mir nicht, die drängen sich mir auf.“
„Aber es heißt: Ich mache mir Sorgen, und da ist was dran“, sagt er. „Man hat das schon auch selber in der Hand, was man an sich ranlässt.“
„Ach“, sagt sie, „vor zwei Wochen hätte ich noch gesagt: Hauptsache, sie ist gesund. Aber jetzt denke ich doch wieder: Warum kann man die Lena nicht dazu bringen, dass sie ein bisschen mehr lernt, es wär’ halt doch auch wichtig für ihre Zukunft.“
„Kann es sein, dass du dich einfach zu sehr zuständig fühlst für die anderen?“, fragt Erwin. „Wenn die Lena nicht lernen will, dann können wir nichts daran ändern. Das ist einfach so, es kann uns ärgern oder Leid tun, aber ausrichten können wir nichts. Basta. Und was ich nicht beeinflussen kann, dafür will ich mich nicht verantwortlich fühlen. Muss ich auch nicht.“
„Du hast ja Recht“, sagt Erika. „Aber es wär’ doch schon gut, wenn sie es einsehen würde.“
„Du komm“, sagt er, „ich glaub, was dir manchmal fehlt, ist Vertrauen. Das Vertrauen, dass etwas geht ohne dich. Dass etwas auch mal gut werden kann, ohne dass du dabei mitgemischt hast.“
„Irgendwie muss ich mir grad viel von dir sagen lassen“, meint Erika. „Aber ich will das ja lernen, mir weniger Sorgen zu machen. Und was du da gesagt hast, das klingt schon sehr gut...“
„Ach ja?“, sagt Erwin.
„Ja, dass ich keine Verantwortung habe und mich auch nicht verantwortlich fühlen muss, wenn ich etwas sowieso nicht beeinflussen kann. Klingt wirklich sehr logisch. Aber – bitte sehr – woher will ich denn wissen, dass ich etwas nicht beeinflussen kann? Ich darf es ja wohl ausprobieren.“
„Aber manchmal tut man zu viel des Guten“, sagt Erwin. „Lass es doch einfach mal gut sein.“
Erika und der Spendenaufruf
Dienstag, 06. Mai 2008
Erwin und Erika fahren in die Stadt, mit dem Bus. Beide schauen aus dem Fenster, hängen ihren Gedanken nach.
Neben einer Haltestelle hängt ein Plakat. Darauf steht in großer Schrift: Sie haben Angst vor dem Altwerden? Ein TB -Kranker in der dritten Welt würde sich darüber freuen… Und dann kommt noch eine Kontonummer.
Eine Weile sagen beide nichts. Erwin denkt: Na ja, da ist ja schon was dran. Er schaut zu Erika rüber. Hat sie das Plakat gesehen? Wird sie etwas dazu sagen?
Zwei Haltestellen später ist es soweit. „Also, denen werd ich ganz gewiss nie etwas spenden“, sagt sie.
„Und warum nicht? „
„Weil mich das ärgert.“
„Was ärgert dich daran?“
„Das weiß ich noch nicht genau. Was wollen die denn – den Kranken helfen oder mir ein schlechtes Gewissen machen? Was hat meine Angst vor dem Älterwerden mit einem Kranken in der dritten Welt zu tun, sag mir das mal.“
„Wieso, du kannst dir doch sagen: Also, es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter als dir, also hör auf zu jammern...“
„Jammre ich so viel?“
„Nein, das mein’ ich mehr allgemein.“
„Und wenn ich manchmal jammre, weil mir was wehtut, dann will ich das tun dürfen, ohne dass ich immer denken muss: Das darfst du nicht, du musst dankbar sein, dass du so alt hast werden dürfen, sieh dir andre an, die wären froh, wenn sie mit dir tauschen könnten. Das funktioniert nicht. Dann werd ich bloß grantig, aber nicht großzügig. Und das wollen die doch eigentlich, dass ich das bin, großzügig, und etwas spende. Irgendwie finde ich, dass man freiwillig etwas geben soll und nicht, weil einem ein schlechtes Gewissen gemacht wird.“
„Ach“, sagt Erwin, „den Kranken dort ist das wahrscheinlich ziemlich egal, aus welchen Gründen einer spendet, ob das nun ganz edle Motive sind oder nicht. Außerdem – wie kommst du darauf, dass du ein schlechtes Gewissen haben sollst, davon steht nichts auf dem Plakat.“
„Irgendwie steht das zwischen den Zeilen. Weil es mir doch eigentlich gut geht, und dem Mann da auf dem Plakat geht es schlecht, und dabei ist er höchstens dreißig. Aber was hat das miteinander zu tun?
„Na ja“, sagt Erwin, „irgendwie hängt es ja auch zusammen.“
„Jetzt fängst du auch damit an – was hängt zusammen?“
„Wir alle“, sagt er, „die ganze Welt – was hier bei uns geschieht, wirkt sich auch anderswo aus. Wir haben mehr als wir unbedingt brauchen, und anderen fehlt es am Nötigsten.“
„Und trotzdem ärgert mich das Plakat.“
„Na“, sagt er, „dann haben die ja doch etwas erreicht.“
„Und was soll das sein?“
„Dass man darüber nachdenkt“, sagt Erwin.“
Neben einer Haltestelle hängt ein Plakat. Darauf steht in großer Schrift: Sie haben Angst vor dem Altwerden? Ein TB -Kranker in der dritten Welt würde sich darüber freuen… Und dann kommt noch eine Kontonummer.
Eine Weile sagen beide nichts. Erwin denkt: Na ja, da ist ja schon was dran. Er schaut zu Erika rüber. Hat sie das Plakat gesehen? Wird sie etwas dazu sagen?
Zwei Haltestellen später ist es soweit. „Also, denen werd ich ganz gewiss nie etwas spenden“, sagt sie.
„Und warum nicht? „
„Weil mich das ärgert.“
„Was ärgert dich daran?“
„Das weiß ich noch nicht genau. Was wollen die denn – den Kranken helfen oder mir ein schlechtes Gewissen machen? Was hat meine Angst vor dem Älterwerden mit einem Kranken in der dritten Welt zu tun, sag mir das mal.“
„Wieso, du kannst dir doch sagen: Also, es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter als dir, also hör auf zu jammern...“
„Jammre ich so viel?“
„Nein, das mein’ ich mehr allgemein.“
„Und wenn ich manchmal jammre, weil mir was wehtut, dann will ich das tun dürfen, ohne dass ich immer denken muss: Das darfst du nicht, du musst dankbar sein, dass du so alt hast werden dürfen, sieh dir andre an, die wären froh, wenn sie mit dir tauschen könnten. Das funktioniert nicht. Dann werd ich bloß grantig, aber nicht großzügig. Und das wollen die doch eigentlich, dass ich das bin, großzügig, und etwas spende. Irgendwie finde ich, dass man freiwillig etwas geben soll und nicht, weil einem ein schlechtes Gewissen gemacht wird.“
„Ach“, sagt Erwin, „den Kranken dort ist das wahrscheinlich ziemlich egal, aus welchen Gründen einer spendet, ob das nun ganz edle Motive sind oder nicht. Außerdem – wie kommst du darauf, dass du ein schlechtes Gewissen haben sollst, davon steht nichts auf dem Plakat.“
„Irgendwie steht das zwischen den Zeilen. Weil es mir doch eigentlich gut geht, und dem Mann da auf dem Plakat geht es schlecht, und dabei ist er höchstens dreißig. Aber was hat das miteinander zu tun?
„Na ja“, sagt Erwin, „irgendwie hängt es ja auch zusammen.“
„Jetzt fängst du auch damit an – was hängt zusammen?“
„Wir alle“, sagt er, „die ganze Welt – was hier bei uns geschieht, wirkt sich auch anderswo aus. Wir haben mehr als wir unbedingt brauchen, und anderen fehlt es am Nötigsten.“
„Und trotzdem ärgert mich das Plakat.“
„Na“, sagt er, „dann haben die ja doch etwas erreicht.“
„Und was soll das sein?“
„Dass man darüber nachdenkt“, sagt Erwin.“
Erika und die Sorgen
Montag, 05. Mai 2008
„Weißt du, was seltsam ist“, sagt Erika, „da hab ich mir solche Sorgen gemacht, weil der Thomas so lange nichts von sich hat hören lassen, jetzt wo er allein in Australien ist, und dann, als er endlich angerufen hat, war ich eine Zeitlang so erleichtert. Ich hab vorher gedacht, wenn es ihm nur gut geht, dann ist alles andere nicht so wichtig. Was regt man sich immer über Kleinigkeiten auf, die es nicht wert sind!“
„Ja, aber das ist doch gut“, sagt Erwin, „was ist daran seltsam? Ich war doch auch erleichtert, als er sich endlich gemeldet hat.“
„Ja“, sagt Erika, „aber seltsam ist, dass jetzt auf einmal all das andere wieder kommt. Es ist, wie wenn vorher kein Platz da gewesen wäre, da hat die Sorge um Thomas alles andere vertrieben. Und jetzt, wo diese große Sorge weg und wieder Platz da ist, füllt sich dieser Platz wieder auf mit dem kleinen Sorgenkruscht.“
„Das klingt fast so“, sagt Erwin, „als ob du einfach ein bestimmtes Maß an Sorgen haben müsstest, damit es dir gut geht. Oder damit es dir nicht zu gut geht – kann es das sein?“
Erika ist kurz beleidigt, das heißt, sie überlegt sich kurz, ob sie jetzt beleidigt sein sollte, aber dann nimmt sie den Ball auf. „Mal sehen“, sagt sie, „wie sich das anhört: Ich mache mir Sorgen, damit es mir nicht zu gut geht. Hm, damit kann ich nichts anfangen. Muss es anders versuchen: Wie wäre das, wenn ich gar keine Sorgen mehr hätte? Wenn mich nichts belasten würde? Müsste es mir da nicht einfach nur gut gehen? Eigentlich doch schon, aber irgendwie kann ich mir’s nicht vorstellen, wie das wäre.“
„Siehst du“, sagt Erwin, „du bist es einfach nicht gewöhnt. Du denkst, es müsste so sein, es wäre sozusagen deine Pflicht oder es gehört einfach zu deinem Leben dazu, dass du dir Sorgen machst, aber warum eigentlich?“
„Ein Leben ohne Sorgen“, sagt sie langsam, „ohne unnötige Sorgen..., ich müsste mich total umstellen. Also, da geb’ ich dir Recht, es liegt sicher auch an der Gewohnheit. Oder weil ich mich so sehe, als eine, die verantwortlich ist, die sich eben sorgt, und manchmal dann zu sehr oder da, wo es nicht sein müsste...“
„Oder nichts bringt“, sagt Erwin.
„Aber warum tu ich es dann? Warum lasse ich den Sorgen so viel Raum?“ Erika ist ganz ratlos.
„Ach, Alte“, sagt Erwin, „wahrscheinlich ist das einfach deine zweite Natur geworden in all den Jahren, wo du dich um uns gesorgt hast, um mich und vor allem die Kinder. Und wenn ich ehrlich bin – mir geht es gar nicht viel anders. Aber wir sind nicht mehr für alles zuständig. Wir müssen lernen, manches aus der Hand zu geben.“
„Ja, irgendwann muss es auch ohne uns gehen“, sagt sie. „Das ist eigentlich gar kein so schlechter Gedanke.“
„Ja, aber das ist doch gut“, sagt Erwin, „was ist daran seltsam? Ich war doch auch erleichtert, als er sich endlich gemeldet hat.“
„Ja“, sagt Erika, „aber seltsam ist, dass jetzt auf einmal all das andere wieder kommt. Es ist, wie wenn vorher kein Platz da gewesen wäre, da hat die Sorge um Thomas alles andere vertrieben. Und jetzt, wo diese große Sorge weg und wieder Platz da ist, füllt sich dieser Platz wieder auf mit dem kleinen Sorgenkruscht.“
„Das klingt fast so“, sagt Erwin, „als ob du einfach ein bestimmtes Maß an Sorgen haben müsstest, damit es dir gut geht. Oder damit es dir nicht zu gut geht – kann es das sein?“
Erika ist kurz beleidigt, das heißt, sie überlegt sich kurz, ob sie jetzt beleidigt sein sollte, aber dann nimmt sie den Ball auf. „Mal sehen“, sagt sie, „wie sich das anhört: Ich mache mir Sorgen, damit es mir nicht zu gut geht. Hm, damit kann ich nichts anfangen. Muss es anders versuchen: Wie wäre das, wenn ich gar keine Sorgen mehr hätte? Wenn mich nichts belasten würde? Müsste es mir da nicht einfach nur gut gehen? Eigentlich doch schon, aber irgendwie kann ich mir’s nicht vorstellen, wie das wäre.“
„Siehst du“, sagt Erwin, „du bist es einfach nicht gewöhnt. Du denkst, es müsste so sein, es wäre sozusagen deine Pflicht oder es gehört einfach zu deinem Leben dazu, dass du dir Sorgen machst, aber warum eigentlich?“
„Ein Leben ohne Sorgen“, sagt sie langsam, „ohne unnötige Sorgen..., ich müsste mich total umstellen. Also, da geb’ ich dir Recht, es liegt sicher auch an der Gewohnheit. Oder weil ich mich so sehe, als eine, die verantwortlich ist, die sich eben sorgt, und manchmal dann zu sehr oder da, wo es nicht sein müsste...“
„Oder nichts bringt“, sagt Erwin.
„Aber warum tu ich es dann? Warum lasse ich den Sorgen so viel Raum?“ Erika ist ganz ratlos.
„Ach, Alte“, sagt Erwin, „wahrscheinlich ist das einfach deine zweite Natur geworden in all den Jahren, wo du dich um uns gesorgt hast, um mich und vor allem die Kinder. Und wenn ich ehrlich bin – mir geht es gar nicht viel anders. Aber wir sind nicht mehr für alles zuständig. Wir müssen lernen, manches aus der Hand zu geben.“
„Ja, irgendwann muss es auch ohne uns gehen“, sagt sie. „Das ist eigentlich gar kein so schlechter Gedanke.“

