Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 30.03.2008 bis 05.04.2008




Dr. Stefan Warthmann

Von Dr. Stefan Warthmann, Stuttgart, Katholische Kirche

Zeit sparen

Freitag, 04. April 2008     [Druckversion]

Hast Du mal Zeit? Wenn ich diese Frage gestellt bekomme, muss ich meine Antwort erst mal mit dem Terminkalender abstimmen. Der Blick in den Kalender entscheidet, ob ich einen Termin ab oder zusagen kann.
Filofax, Terminplaner oder Kalender - egal, wie ich es nenne, unsere Kultur hat Techniken entwickelt, die Zeit einzuteilen und zu planen. Es gibt sogar Seminare, bei denen ich lernen kann, wie ich am effektivsten mit der Zeit umgehe und Zeit spare.
Das heißt zum Beispiel, dass ich Tätigkeiten, bei denen ich konzentriert sein muss, in die besten Zeiten des Tages lege, und in Zeiten, wo ich nicht ganz so fit bin, staubsauge, einkaufen gehe oder eben was Leichteres tue. Sport ist abends dran, natürlich einige Zeit vor dem Schlafengehen. Ich kann den ganzen Tag so durchstylen und wenn ich es gut mache, dann plane ich sogar Freizeitaktivitäten, Pausen und Zeiten mit Freunden mit ein. Es hat Zeiten gegeben, da war ich richtig perfekt drin. Der Clou ist nur: Ich habe so zwar viel Zeit gespart, aber bei der Zeit ist es eben so: Je mehr ich von ihr spare, desto weniger habe ich. Das macht sich bemerkbar, wenn mal was Ungeplantes dazwischenkommt oder der Einkauf länger dauert als geplant, weil die Schlange an der Kasse lang ist oder weil der Kunde am Postschalter vor mir noch ein paar komplizierte Fragen hat. Ich merke, wie ich dann innerlich ungeduldig werde und umplanen muß…
Zeit sparen durch perfektes Einteilen bringt also nicht mehr Zeit, sondern eher weniger! Außerdem bin ich so immer unflexibler, weil ich ja keine Möglichkeit habe, spontan mal was zu unternehmen und eine Lücke im Tag auszufüllen.
Seit ich das weiß, bin ich zwar kein Trödler geworden. Zeit ist für mich immer noch etwas Heiliges. Es ist ja meine Lebenszeit! Aber meine Lebenszeit besteht nicht nur in der Zeit, die ich mir abspare, sondern auch in der Zeit, in der ich arbeite, einkaufe, aufräume und sogar in der Zeit, in der ich in einer Schlange anstehe und warte. Es gelingt mir zwar nicht immer, aber ich versuche jetzt, Wartezeiten bewußt in Kauf zu nehmen und mich daran zu freuen, dass ich Zeit habe. Denn mit meiner Ungeduld mache ich diese Zeiten ja nicht kürzer oder schöner. Stattdessen versuche ich durchzuschnaufen und mir Gedanken über zu dieses und jenes zu machen. Also auch eine Zeit, in der ich lebe - einfach nur so! Und das hat noch einen Nebeneffekt: Indem ich so mit meiner Zeit umgehe, behandle ich sie auch wie etwas Kostbares, Heiliges. Nicht nur, wenn ich sie mit anspruchsvollen Dingen fülle. Sondern, weil ich sie gerade nicht verplane.
Am deutlichsten spüre ich das wenn ich an der Kassenschlange jemand vorlasse, Wenn ich da sage „Gehen Sie ruhig vor, ich habe gerade Zeit!“, ernte ich erstaunte Blicke und bewundernde Kommentare: „Das gibt’s auch selten. Sie müssen ja ein glücklicher Mensch sein“. Und recht haben sie, denn wenn mir das gelingt – und es gelingt mir auch nicht immer – dann bin ich wirklich ein entspannter und damit glücklicher(er) Mensch.
(In diesem Sinne: Eine glückliche Zeit an diesem Abend!)
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Die innere Stimme

Donnerstag, 03. April 2008     [Druckversion]

Es ist später Nachmittag in einer Schülerbibliothek. Der Vorlesewettbewerb für die Sechstklässler findet statt. Vorentscheid. Ich bin als Lehrer dabei. Während die kleinen Wettbewerbsteilnehmer vorne an einem Tisch sitzen und lesen, habe ich die Gelegenheit die Leute um mich herum zu studieren: Überwiegend die Mütter sind mitgekommen, ein paar Väter sind auch zu sehen. Wenn fremde Kinder dran sind, wird kritisch beäugt, Maß genommen, ob das eigene Kind eine Chance hat und es wird flüsternd ermutigt. Wenn es dann dran ist, bewegen sich beim Vorlesen die Lippen der Eltern mit, die Konzentration ist ganz auf das eigene Kind gerichtet. Wenn alles glatt läuft, ist die Erleichterung im Gesicht der Eltern deutlich abzulesen, bei Versprechern oder Verzögerungen halten sie die Luft an. Kurz gesagt: Sie fiebern mit. Und wenn der Sohn oder die Tochter wieder zurückkommt, wird gelobt, ermutigt oder getröstet. Das ganze wiederholt sich und spitzt sich zu, als die Jury bekanntgibt, wer gewonnen hat.
Wenn ich das von außen beobachte, wie Eltern mit ihren Kindern mitfiebern und sie für die Größten halten, finde ich das einfach nur schön. Klar habe ich als Lehrer auch mit Schülern zu tun, deren Leistung nicht zu ihrem starken Selbstbewußtsein paßt. Aber es gibt mehr, die innerlich aufgebaut werden müssen.
Und wenn ich diese mitfiebernden Eltern sehe, dann wünsche ich mir nur noch eines: Dass alle Kinder solche Eltern haben könnten, die ihnen Rückhalt geben, Mut machen, sie trösten und mit ihnen mitfiebern, damit ihr Leben gelingt. Und nicht nur Eltern, sondern auch Großeltern, Lehrer, Freunde, Kollegen und Chefs und eine innere Stimme, die ihnen dies zusagt.
Psychologen haben herausgefunden, dass diese innere Stimme dann in uns Menschen entstehen kann, wenn wir sie von außen her erlebt haben - als Kinder. Trost und Ermutigung, die sich im wahrsten Sinn des Worts ver-innerlichen und das Vertrauen ins Leben stärken.
Wenn ich als Christ glauben soll, dass Gott sich um mich sorgt, mich stützt und trägt, dann frag ich mich wie ich das spüren, wie ich das erkennen kann. Ich stelle mir vor, dass er das auf vielerlei Weise tut: Indem er mich schützt. Indem er mir Momente der Liebe und des Glücks schenkt. Aber vielleicht ja auch in Krisen, die mich letztlich weiterbringen und in denen ich mich immer an ihn wenden kann. Aber ich glaube dass ich Gott auch spüren kann durch die Menschen, die mich stützen und tragen. Die mich trösten und ermutigen. Und ich bin dankbar, dass es solche Menschen gibt. Per E-Mail empfehlen

Resilienz

Mittwoch, 02. April 2008     [Druckversion]

Bis vor kurzem ist der Begriff für mich noch neu gewesen: Resilienz. Er kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie „abprallen“, „zurückspringen“.
Psychologen haben beobachtet, daß es Menschen gibt, die in Extremsituationen wie schweren Krankheiten, Arbeitslosigkeit und Trennung eine besondere Widerstandskraft entwickeln. Wo andere sich aufgeben, können sie ihre Situation nicht nur bewältigen, sondern sogar gestärkt aus ihr herausgehen. Unglaublich! Diese Fähigkeit nennt man nun Resilienz: An resilienten Menschen „prallen“ Schicksalsschläge wie Verlust und Trennung scheinbar „ab“. Das „Abprallen“ klingt vielleicht, als ob das so einfach ginge, aber es soll vielleicht die Kraft zeigen, die in diesen Menschen steckt. Denn sie bleiben nicht nur Opfer ihres Schicksals, zerbrechen an ihren Erfahrungen oder sterben sogar daran, Sie haben offensichtlich die Fähigkeit selbst da noch Widerstandskräfte mobilisieren und neue Hoffnung entwickeln.
Sicher - vermutlich können das die wenigsten von selbst.
Und ich will auch nicht behaupten, dass Leiden gut ist, weil es stark macht oder so. Ich wünsche keinem Menschen, dass er leiden muß!
Was mich daran fasziniert, ist, daß diese Leute etwas intuitiv können, was scheinbar jeder lernen kann: Und an diesem Punkt setzen die Psychologen mit ihrer Forschung an. Sie haben herausgefunden, dass es viele Faktoren gibt, die diese seelische Widerstandskraft bei uns Menschen ausbilden:
Zum Beispiel, dass ich meine Situation realistisch sehe und akzeptiere, aber trotz allem auch glauben kann, dass es nochmals besser (werden) wird;
dass ich in jeder Situation neue Ziele ins Auge fasse und mich nicht als Opfer sehe, sondern handle und die Verantwortung für mein Schicksal anpacke;
und dass ich Verbindungen zu Menschen aufbaue, denen es ähnlich wie mir geht und zu solchen, die mir helfen können.
Nach dem Verlust eines lieben Menschen kann es ja wirklich helfen, wenn ich mir vorstelle, wie seine schwere Krankheit weiter verlaufen wäre und dadurch vielleicht auch sehen, dass der Tod ihm unsagbares Leiden erspart hat.
Und wenn ich mich dann noch mit anderen Trauernden zusammenfinde und Erfahrungen austausche, kann das auch die Basis für neue Zukunftspläne sein.
Alles vielleicht noch machbar, aber ein Punkt macht mich besonders nachdenklich: Es gehört scheinbar zu dieser Widerstandskraft auch dazu, dass ich dem Schlimmen in meiner Situation einen Sinn abgewinnen kann. Und das finde ich nicht so einfach. Obwohl ich das als religiöser Mensch doch können müßte. Aber ich kann nicht einfach sagen: Gott will das so oder er prüft mich. Ich weiß nämlich nicht, warum ein Gott, der mich liebt und mein Vertrauen will, mich Prüfungen unterwerfen sollte. Aber ich kann ein Minimum an Sinn darin sehen: Ich hoffe, dass es einen Sinn gibt, den ich noch nicht einsehe, aber eines Tages einsehen werde - vielleicht erst am Ende meines Lebens.
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Sorgen der Gegenwart

Dienstag, 01. April 2008     [Druckversion]

Nicht einschlafen können vor Sorgen. In der Nacht über Probleme grübeln und sich von der einen Seite zur anderen wälzen bis es endlich Morgen wird und der Tag (mit seiner Routine) die Probleme erst mal zur Seite schiebt. Wahrscheinlich kennt jeder solche Nächte.
Und ich kenne sie leider auch. Am besten wäre es, wenn ich meine Sorgen dann aus dem Schlafzimmer rausschmeißen könnte und sie gar nicht erst mit in mein Bett kommen könnten.
Ich habe auch schon versucht dagegen anzukämpfen, indem ich mir meine schönsten Urlaubserinnerungen ins Gedächtnis hole. Aber leider gelingt mir das nicht immer.
Und dann werden die Sorgen und Probleme so übermächtig und groß, daß sie alles andere beherrschen. Tagsüber kann ich sie vielleicht noch wegschieben und mit Arbeit und Aktivitäten übertünchen, aber dann kommen sie nachts. Erst nur ein kleiner Gedanke, der aber schnell anwächst und sich als Problem immer mehr im Kreis dreht. Dass diese Sorgen in der Nacht manchmal noch stärker erscheinen als sie sind, ist mir auch schon passiert. Nichts ist dann so schlimm wie das, was mich momentan beschäftigt.
Bei Licht betrachtet ist es schon seltsam, daß ich die Sorgen der Gegenwart so stark sein lasse. Eigentlich könnte ich als bald 40jähriger (Mensch) doch auf jahrelange Erfahrung bauen: Denn welche Probleme, die ich mit 8 Jahren oder mit 18 Jahren gewälzt habe, sind jetzt noch akut?! Ich könnte einfach mal darauf bauen, dass sich die Sorgen bisher meistens irgendwie gelöst haben. Und mich an das erinnern, was ich schon erreicht und geschafft habe. Ich weiß zwar nicht, ob es dieses Mal auch funktionieren wird, aber ich gebe ja mein Bestes.
Ich könnte ja auch mal versuchen, ganz anders damit umzugehen und die Tatsache, dass ich immer das, was ich momentan zu lösen habe, so ernst nehme, so rum wenden:
Meine Sorgen, die ich jetzt habe, habe ich jetzt. Aber das ist nicht mein ganzes Leben. Ich weiß doch noch gar nicht, wie mein Leben in der Zukunft sein wird und ob die Sorgen von heute nicht nur gelöst sein werden. Vielleicht gewinne ich sogar Kraft aus ihrer Lösung für das, was noch kommen wird!
Ich finde es zwar wichtig, dass ich als Mensch in der Gegenwart lebe und nicht nur aus dem Vergangen zehre oder in die Zukunft hoffe. Aber wenn die Gegenwart mich erdrücken will, warum sollte ich dann nicht Kraft tanken aus dem, was ich bereits erlebt habe und aus dem, was ich mir von der Zukunft noch erhoffen kann?
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Basejumper

Montag, 31. März 2008     [Druckversion]

Sie springen von Hochhäusern, von hohen Felswänden in den Alpen oder vom Arm der Christusstatue in Rio de Janeiro. Freier Fall fast bis zum Schluss. Fast. Erst in den letzten Sekunden wird die Reißleine des Fallschirms gezogen. Diese Sportart heißt „Basejumping“. Ich habe neulich einen Bericht darüber im Fernsehen gesehen. Und es hat mich irgendwie fasziniert. Allein schon die Filmaufnahmen dazu reichen, daß es in der Magengegend kribbelt.
Aber es macht mich auch nachdenklich, worauf wir Menschen immer wieder kommen, um unsere Grenzen zu spüren. Und wohin wir diese Ideen steigern.
Basejumping ist ja nicht die erste Risikosportart: Manche fahren in Schlauchbooten Wasserfälle und gefährliche Gebirgsbäche hinunter, andere springen an einem Gummiseil kopfüber in die Tiefe.
Vielleicht geht’s dabei ja auch um Mutproben. Aber sicher nicht nur das. Denn die Interviews in dem Bericht über die Basejumper zeigen Menschen, die gar nicht mehr damit aufhören können oder wollen. Es scheint für sie wie eine Sucht zu sein, vielleicht, weil der Kick, der Adrenalinschub im Körper wie eine Droge wirkt.
Sie gehen bis an die äußerste Gefahrengrenze und reizen sie immer weiter aus: Noch näher an der Todesgefahr oder sogar näher am Tod. Aber vielleicht muss man ja umgekehrt denken.
Vielleicht wollen sie näher am Leben sein: Spüren, dass sie leben, wissen, dass, sie leben. Es ist schon seltsam, dass manche Menschen scheinbar solche Grenzerfahrungen brauchen, um das Wesentliche zu spüren. Und Menschen, die ein sogenanntes Nahtoderlebnis gehabt haben oder manche Heilige beschreiben Ähnliches.
Sicher: Spüren, dass ich lebe, das will ich ja auch. Und nicht einen gleichförmigen, langweiligen Tag an den anderen reihen und das ganze „Alltag“ nennen.
Sondern an Grenzen kommen und an diesen Grenzen spüren, daß es auch noch jenseits meines Horizonts etwas gibt. Das mein Leben schöner, freier und intensiver macht..
Ich frage mich nur, ob ich damit auch an die äußerste Grenze gehen muß, oder ob es für mich nicht auch eine Alternative gibt. Mitten im Alltagsleben drin. Spüren, dass ich lebe, könnte ich doch zum Beispiel auch dann, wenn ich eine Pause habe und mitten im Geschäft einfach mal durchschnaufe, nichts tun muß, das Telefon überhören darf und den Augenblick genieße, als ob ich die Zeit anhalten könnte. Das gibt zwar keinen Kick. Aber ich überschreite meine Grenzen in einem anderen Sinn - ohne mein Leben zu riskieren. Die französische Mystikerin Madeleine Delbrel hat diese kleinen Alltagsmomente festgehalten Für sie sind solche Augenblicke nicht nur Momente des Lebens, sondern sogar Momente des Gebets. Sie sagt: „Welche Freude, zu wissen, dass wir unsere Augen zu Deinem Angesicht erheben können ganz allein, während die Suppe aufkocht, während wir beim Telefon auf den Anschluß warten, während wir an der Haltestelle nach dem Bus Ausschau halten...“
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