Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 24.02.2008 bis 01.03.2008




Hans-Martin Steffe

Von Hans-Martin Steffe, Linkenheim, Evangelische Kirche

Freitag, 29. Februar 2008     [Druckversion]

Schmeckt’s dir? So wurde ich manchmal gefragt, wenn ich als Jugendlicher mich mit gutem Appetit über das Essen her machte. Dir schmeckt’s wohl. Heute schmeckt’s besonders gut.
Aber es gab und gibt auch andere Zeiten, da schmeckt es mir nicht, da habe ich keinen Appetit. Wenn ich krank bin oder wenn der Druck auf mich zu groß ist. Dann schmeckt das beste Essen nicht. Kennen Sie das auch?
Der Geschmacksinn ist eine unschätzbare Möglichkeit, leckere Speisen und köstliche Weine zu genießen. Unsere Lippen, unsere Zunge, unser Gaumen sind mit feinfühligen Geschmacksnerven ausgestattet. Wenn der Geschmacksinn ausfällt, wird das Leben ärmer. Wenn jemand den Geschmack auf Leben verloren hat, ist er arm dran.
Man verliert den Geschmack am Essen oder am Leben, wenn es einem zuviel geworden ist. Wenn man es satt hat. Wenn man übersatt ist, dann mag man nicht mehr. Das passiert auch, wenn man sich zu sehr an etwas gewöhnt hat. Dann schmeckt man gar nicht mehr, wie schön das Leben ist.
Wie kann man dann wieder mehr Geschmack finden am Leben und am Essen? Für mich ist das Heilfasten dazu eine Hilfe. Ich mache das in der Fastenzeit. Fünf Tage lang nehme ich nur Flüssigkeit zu mir, eine Gemüsebrühwürfelsuppe, Kräutertee und viel Wasser. Kaffee lasse ich ganz weg, auch das Essen. Das mache ich schon seit 20 Jahren zweimal jährlich. Und es tut mir gut. Ich fühle mich freier, entlaste mich, habe mehr Zeit, verlangsame das Tempo, nehme intensiver wahr, bete lieber. Unangenehm ist dann nur der Geschmack auf der Zunge. Ich brauche öfter eine Zitronenscheibe, um den faden Geschmack zu verlieren.
Das schönste an der Fastenzeit ist der erste Apfel am sechsten Tag morgens um 10 Uhr. Da schmecke ich die ganze Fülle der Süße eines reifen Apfels. Ganz gemächlich beiße und kaue ich ihn. Das ist ein richtiges Gaumenfest. Da merke ich auch, wie oft die Überfülle verschiedener und intensiver Gewürze und das Durcheinander unterschiedlicher Geschmackseindrücke das feine Wahrnehmen hindern. Aber dieser eine Apfel, mit ich das Fasten breche, der erinnert mich immer wieder an ein Wort aus den Psalmen der Bibel: „Schmecket und sehet, wie freundlich Gott ist.“

Donnerstag, 28. Februar 2008     [Druckversion]

Was wir mit den Händen greifen, be-greifen wir leichter. Das gilt auch für den Glauben, finde ich. Erlebt habe ich das im Ostergarten, der in Linkenheim-Hochstetten in dieser Passions- und Osterzeit zum siebten Mal für drei Monate begangen werden kann. Im Ostergarten sind die Stationen der Leidensgeschichte Jesu dargestellt.
Zu Beginn der Führung nimmt sich jeder Besucher in einem nachgebauten Gefängnis der Römer eine Kette. Das soll an die Unterdrückung in Israel zurzeit von Jesus und an seine Gefangennahme und Kreuzigung erinnern. Zu zweit nehmen die Besucher des Ostergartens eine Kette in die Hand. Dabei sollen sie auch Belastendem in ihrem eigenen Leben nachspüren, was sie selbst gefangen hält und womit sie andere gefangen halten.
Später werden sie am Kreuz eingeladen, sich erleichtern zu lassen und ihre Ketten bei Jesus abzulegen.
Die Ketten bewusst spüren ist eine Erinnerungshilfe. Es gibt noch weitere Hilfen im Ostergarten. Vor seiner Kreuzigung hat Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen. Sie sollten spüren, dass er sie liebt und sich ihnen zuwendet, jedem einzelnen. Bei der Führung im Ostergarten werden den Besuchern die Hände gewaschen. Sie sollen sich berühren lassen und nachspüren, dass sich jemand ihnen zuwendet, jedem einzelnen.
Die Handinnenflächen sind besonders sensibel. Sie spüren das Raue und Kantige, aber auch das Sanfte und Schmeichelnde. Mit den Händen kann man sich gut erinnern, nicht nur im Ostergarten.
Vor einiger Zeit habe ich ein Holzkreuz geschenkt bekommen. Es ist aus weichem, abgerundetem Holz. Es liegt gut in der Hand. Wenn ich es in meine Hand nehme, erinnere ich mich an das Kreuz von Jesus, an seinen schweren Weg und seine Hingabe aus Liebe zu uns. Ich darf mich an diesem Kreuz von Jesus festhalten.
Manchmal fehlen mir die Worte zum Beten. Dann nehme ich dieses Kreuz in die Hand und weiß, dass ich nichts sagen muss, dass ich einfach das Kreuz fest in meiner Hand halten darf. Oder „Du“ sagen, „Du, Jesus, weißt schon, was mich bedrückt. Du meinst es gut mit mir. Du nimmst mir, was mich bindet und gibst mir, was ich zum Leben brauche. Danke.“

Mittwoch, 27. Februar 2008     [Druckversion]

Wenn ich Fliederduft rieche, erinnere ich mich an mein Elternhaus und an eine behütete Kindheit. Vor dem Haus stand ein großer Fliederbaum mit dunkelvioletten Fliederblüten im Frühjahr. Der Duft von Hortensien erinnert mich an den Friedhof, auf dem meine Großeltern beerdigt liegen. Als Junge bin ich mit meiner Großmutter oft auf den Friedhof gegangen, um das Grab meines Großvaters zu pflegen und meiner Großmutter das Wasser in der Gießkanne vom Friedhofsbrunnen zu holen.
Von Jesus wird erzählt, dass er in den letzten Tagen vor seiner Kreuzigung im Haus von Simon dem Aussätzigen Gast war. Dort saß er zu Tisch. Da trat eine Frau zur Gruppe der Männer hinzu. Die hatte eine Alabasterflasche mit echtem, teurem Nardenöl bei sich. Sie öffnete die Parfumflasche und goss Jesus das kostbare Nardenöl auf seinen Kopf. Der Duft verströmte sich im ganzen Haus.
Einige Männer regten sich darüber auf. Sie nannten dies eine unverantwortliche Verschwendung. Statt Jesus mit diesem Nardenöl im Wert eines Jahreslohns für einen Arbeiter zu salben, hätte man es verkaufen sollen und den Armen geben.
Jesus stellte sich auf die Seite der Frau und forderte die Männer auf, die Frau in Frieden zu lassen und sie nicht zu beleidigen. Denn sie habe ein gutes Werk an ihm getan. Im übrigen können und sollen sie jederzeit Armen ihre Hilfe zukommen lassen.
Sich für die Armen einsetzen war in dieser Geschichte aber kein guter Einwand. Er durfte nicht gegen die verschwenderische Liebe der Frau gemacht werden. Die Salbung von Jesus war nicht not-wendig, sie war im wahrsten Sinn des Wortes: über-flüssig. Überflüssige Liebe. Denn Liebe braucht Überflüssiges. Parfum verschenken ist immer überflüssiger Luxus. Aber manchmal braucht die Liebe zwischen Mann und Frau ein solch wohlriechendes Parfum und erinnert an die Liebe zueinander. Gut Riechen als Erinnerung an die Großzügigkeit der Liebe.
Liebe liebt Verschwendung. Ängstliches und kleinliches Berechnen widerspricht der Liebe. Die übergroße Verschwendung dieser Frau entspricht der übergroßen Liebe, die Gott in der Hingabe seines Sohnes an uns verschwendet hat. So viel sind wir ihm wert. Darum sollen wir nicht kleinlich und berechnend sein, sondern großzügig in der Liebe zu Gott und den Nächsten. Das darf man sogar riechen.

Dienstag, 26. Februar 2008     [Druckversion]

Von einem Indianer wird erzählt, dass er mitten im Lärm einer Großstadt einen Vogel zwitschern hörte und am Gezwitscher erkannte, um was für einen Vogel es sich handelte.
Ein Weißer, der mit ihm ging, war völlig erstaunt, wie es dem Indianer gelang, einen Vogel im Großstadtlärm zu hören und zu erkennen, um was für einen Vogel es sich handelte. Der Indianer sagte, das wäre nicht erstaunlich, man höre immer, was man kenne. Dann ließ er im Gedränge der Menschenmenge eine Münze fallen. Viele Passanten blieben stehen und sahen sich auf dem Boden nach dem Geldstück um. „Siehst du“, sagte der Indianer zu seinem weißen Begleiter: „Was die Leute kennen, hören sie.“
In der Bibel wird von einem jungen Mann erzählt, wie er nachts hörte, dass sein Name gerufen wurde: „Samuel“. Er war Schüler des Priesters Eli an einem heiligen Ort in Israel.
Als der junge Mann seinen Namen gerufen hörte, konnte er sich niemand anderen vorstellen, der ihn gerufen hatte, als seinen Lehrer. Darum ging er zum Priester Eli. Der aber verneinte, dass er ihn gerufen habe. Das wiederholte sich noch zweimal. Beim dritten Mal wurde es Eli klar, dass die Stimme, die Samuel in der Nacht hörte, die Stimme Gottes selbst war. Samuel erinnerte sich, dass Gott selbst immer wieder einmal einen Menschen ganz persönlich angesprochen hatte.
So wurde Samuel auf die Stimme Gottes vorbereitet. Als er dann ein weiteres Mal seinen Namen gleich zweimal hörte, wusste auch Samuel, das war Gott und antwortete der Stimme, wie Eli es ihn gelehrt hatte: „Rede, denn dein Knecht hört.“
Ich glaube, Gott redet auch heute und will, dass wir seine Stimme hören. Aber auch da gilt: Man hört nur, was man kennt. Deshalb muss man Gott kennenlernen, um ihn hören zu können. Kennenlernen kann man Gott durch die Geschichten der Bibel. Die erzählen, wer Gott ist und was er will und tut. Sie erzählen von Jesus, durch den Gott geredet und gehandelt hat. Wie Jesus von Gott geredet hat und von dem, was Gott schenkt und will.
In der Bergpredigt, im Matthäusevangelium im Kapitel fünf bis sieben steht das. Die Bergpredigt ist das Grundgesetz für das Miteinander von Gott und uns Menschen. Wer sie liest, übt, auf die Stimme Gottes zu hören.
Und wer zu Gott betet und damit rechnet, dass Gott heute zu uns spricht, wird das erleben. Ganz bestimmt.

Montag, 25. Februar 2008     [Druckversion]

Er war nicht beliebt. Und sie waren froh, wenn sie ihn nicht sahen und ihm nicht begegneten. Zachäus, dem Oberzöllner. Zur Zeit von Jesus war das einer, der mit der Besatzungsmacht zusammen arbeitete und von seinen eigenen Landsleuten das Geld abzockte. Auf jede Ware mussten sie überzogene Abgaben machen. Und Zachäus achtete besonders darauf, dass keiner übersehen wurde, der etwas zu bezahlen hatte. Kein Wunder mochte keiner den kleinen Mann.
Was Zachäus bewogen hatte, unbedingt Jesus zu sehen, wird vom Evangelisten Lukas in der Bibel nicht erzählt. Nur die Schadenfreude der anderen ist zu spüren. Zachäus musste auf einen der vielen Maulbeerfeigenbäume klettern, weil er klein war und ihm die anderen die Aussicht versperrten. Vielleicht war das aber auch strategisch klug durchdacht. Zachäus hatte jetzt wieder einmal den Überblick und gleichzeitig konnte er sich hinter den dichten Blättern verstecken.
Von Jesus wird erzählt, wie er in die Stadt hineinging und hindurchzog, aber dann unter dem Feigenbaum stehen blieb und aufsah und Zachäus entdeckte. Er rief ihn herunter und lud sich bei ihm ein. Es heißt, dass Zachäus sofort herunterstieg und Jesus mit Freuden aufnahm. Denn der, von dem er so viel hielt, der hatte zu ihm aufgesehen, nicht auf ihn herunter, wie alle anderen.
Die anderen, die das Ganze mit ansahen, fanden das nicht gut. Jesus, der so viel von Gott sprach und von Recht und Gerechtigkeit, der war bei einem unübersehbar ungerechten Menschen eingekehrt. Das konnten sie nicht einsehen.
Aber Zachäus kam zu einer neuen Sicht. Er teilte seinen Besitz mit den Armen und gab denen, die er betrogen hatte den vierfachen Betrag zurück.
Jesus versuchte den anderen seine Sichtweise einsichtig zu machen. Als einer, der Gott den Menschen nahe bringen wollte, sucht er vor allem jene auf, die kein Ansehen hatten. Denen, die das Ansehen verloren hatten, wollte er neues Ansehen geben. Denn wer Ansehen hat, kann großzügig sein. Nur wer mit dem Herzen sieht, sieht gut, hat später ein anderer gesagt.