Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W

Woche vom 15.07.2007 bis 21.07.2007




Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Hoffnungsvoll leben

Freitag, 20. Juli 2007     [Druckversion]

„Jetzt, wo er alt wird, wird er fromm!“ habe ich neulich jemanden über einen anderen sagen hören. Wir hatten uns über den alten Herrn unterhalten, der sonntags in die Kirche geht, seit er im Ruhestand ist und sich in seiner Kirchengemeinde engagiert.
Der das gesagt hat, hat ein bisschen spöttisch dabei geschmunzelt und wohl gemeint: „Jetzt, wo er alt wird, will er sich noch schnell einen Platz im Himmel sichern, deshalb geht er jetzt so fleißig in die Kirche.“ So habe ich schon öfter Leute reden hören und ich finde das nicht ok.
Denn erstens hat der alte Herr ja vielleicht schon längst darauf gewartet, im Ruhestand endlich Zeit zu haben für seine Mitarbeit in der Gemeinde. Und zweitens: es könnte ja sein, dass erst ältere Leute merken, dass unser Leben nur ein kleiner Ausschnitt ist aus einer viel größeren Wirklichkeit. Dass die Geschichte Gottes mit seinen Geschöpfen lange vor uns angefangen hat und noch längst nicht zu Ende ist, wenn wir alt werden und schwach und sterben. Das Leben geht weiter. Gottes Welt umfasst mehr als unsere Erde und meine Lebensjahre. Da ist noch viel mehr und es kommt noch mehr. Ich glaube, ältere Leute spüren das mehr als wir jüngeren. Wir sind doch sehr mit dem beschäftigt, was heute ist und morgen sein wird. Da gibt es so viel zu regeln und zu schaffen. Erst wenn man älter ist, sieht man weiter hinaus, scheint mir. Und ich kenne viele alte Leute, denen gibt das Hoffnung und Zuversicht.
So war das auch bei Simeon und Hanna. Zwei alte Leute, von denen die Bibel erzählt, dass sie beinahe ihr ganzes Leben im Gotteshaus, im Tempel verbracht haben. Sie haben Hoffnungen für sich und für die Welt, obwohl sie schon so alt sind. Das macht sie geduldig und gelassen. Und weil sie genau hinschauen, finden sie, was sie erwarten. Sie erkennen in dem kleinen Kind Jesus, das von seinen Eltern in den Tempel gebracht wird, den Messias. Den Gottesmann, der die Welt und die Menschen verändern wird. Sie erkennen: mit diesem Kind fängt Gott ganz neu an mit seiner Welt. Wie gesagt: alte Leute sehen oft mehr, weil sie mehr erwarten und hoffen können.
Auf einmal, bei dieser eigentlich unscheinbaren Begegnung mit einem Säugling im Tempel begreifen die beiden Alten: Hier fängt die Zukunft Gottes an. Gott gibt seine Welt nicht auf. Und Simeon sagt: „Jetzt kann ich beruhigt gehen. Ich habe gesehen, dass die Welt Gottes Zukunft hat. Dieser Zukunft will ich mich anvertrauen.“ Simeon und Hanna haben das begriffen, weil sie immer wieder im Haus Gottes genau hingehört und hingesehen haben:und schließlich haben sie Hoffnung gefunden. Den alten Leuten tut das gut. Und ich meine: uns jüngeren auch.

Zurück treten

Donnerstag, 19. Juli 2007     [Druckversion]

Zurück treten zu können ist die Chance des Älterwerdens. Zurück treten und die anderen, die jüngeren machen lassen. Die haben doch auch Ideen und sind interessiert. Die wollen ändern, was nicht so bleiben kann. Die Jüngeren machen lassen, nur noch zuschauen, aber da sein und raten und helfen, wenn ich gefragt werde. Ich stelle mir das wunderbar vor. Oder nicht?
Zugegeben: ich bin noch mittendrin in den Aufgaben und Projekten. Da träumt man gern von Entlastung. Aber wenn es dann so weit ist? Dass es dann ganz anders sein kann, das erlebe ich auch. Und sogar in der Bibel wird so eine Geschichte erzählt. Wie in einem Spiegel kann man da sehen, wie schwer es ist, zurück zu treten. Ich denke an Saul, den in seiner Jugend umjubelten König Israels. Als er älter wird, trauert er den Erfolgen seiner jungen Jahre nach. Und engagiert David, den jungen tapferen Krieger und Musiker an seinen Hof. Der soll ihn aufmuntern, Musik machen gegen seine depressiven Stimmungen. Und Saul muss erleben, wie die Leute jetzt David zujubeln. (vgl 1. Samuel 18) Immerhin hatte der gerade eine wichtige Schlacht gewonnen. Er hatte ein Mittel gefunden gegen die Bedrohungen der Gegenwart. Einfach, weil er es ganz neu versucht hat, ganz anders, als Saul es bisher gemacht hatte. Kein Wunder, dass die Menschen ihm zujubeln.
Das klingt bitter. Aber eigentlich ist es doch gut so. Wenn die Zeiten sich ändern und die Sorgen, dann braucht man neue Ideen und neue Rezepte. Dann braucht man junge Leute, die die richtigen Fragen stellen und sich nicht zurückziehen auf die Lösungen von gestern. Die Bibel sagt übrigens ausdrücklich: Gottes Geist war mit dem jungen David. Gott selbst macht ihm Mut, beflügelt ihn. Das wäre für den alten König die Zeit, um zurück zu treten. Eigentlich einleuchtend. Aber Saul, will das nicht verstehen. Er sieht nur: da verdrängt mich jemand von meinem Platz. So ein junger Wilder. Der wird wahrscheinlich alles anders machen und am Ende bleibt nichts mehr von dem, wofür ich mich eingesetzt habe.
Saul kann das nicht ertragen. Er will nicht zurücktreten. Er wird böse, unberechenbar. Am Ende von allen gefürchtet. Und beide, der junge und der alte müssen viel Kraft dafür aufwenden, ihren Konflikt zu regeln. Kraft, die an anderer Stelle so dringend gebraucht würde.
So sehe ich Sauls Geschichte. Ein bisschen sehe ich auch mich, wie in einem Spiegel. Und ich nehme mir vor, rechtzeitig zurück zu treten. Darauf zu vertrauen, dass Gott anderen die richtigen Fragen und Ideen geben wird. Damit sie für neue Fragen neue Antworten finden können. Hoffentlich merke ich, wenn es soweit ist.

Älter werden

Mittwoch, 18. Juli 2007     [Druckversion]

Wenn man älter wird, kann man das Leben leichter nehmen. Dann kann man lächeln über das, was vor Jahren wie ein großer Berg vor einem lag. Jetzt bin ich ja schon oben, vielleicht schon über den Gipfel hinüber. Jetzt geht es leichter. Obwohl: Manche sagen ja auch: Es geht alles schwerer, je älter man wird. Und die Angst vor dem, was noch kommt, bedrückt einen.
Eine Frau, von der die Bibel erzählt, zeigt mir: Wenn man alt wird, kann man lachen. Und zwar gar nicht zynisch oder bitter – sondern voller Freude über das, was vielleicht noch möglich werden kann. Die Angst scheint nicht mehr so groß zu sein vor dem, was kommt. Deshalb kann sie lachen und getrost hoffen: alles wird gut.
Ich denke an Sarah. Von der erzählt die Bibel, dass sie ihrem Mann Abraham gefolgt ist in ein ganz neues Leben. Noch im Alter haben sie neu angefangen und es weit gebracht. Nur der erhoffte Erbe hat sich nicht eingestellt. Sarah blieb kinderlos. Irgendwie, mit allerlei Auseinandersetzungen, haben sie sich auch damit arrangiert und eine Lösung gefunden. Und jetzt waren sie alt, alles war gut, scheint es. Da, auf einmal, wird ihnen doch noch ein Erbe, ein eigener Sohn sogar, angekündigt. (vgl 1. Mose 18). Irgendwelche Besucher sind es, die von dieser ganz neuen Möglichkeit reden. Aber sie reden so, dass Sarah das ganz ernst nimmt. Sie hat das Gefühl, da redet Gott selbst von noch einem neuen Anfang. Und Sarah? Lacht!! Richtig vergnügt klingt, was sie sagt: „Soll ich jetzt noch das Glück der Liebe haben? Wo ich so alt bin und mein Mann auch?“ Sarah lacht. Sie freut sich, dass da noch mal was Neues kommt.
Sarah ist alt und kann lachen. Sie hat keine Angst mehr vor dem, was kommt. Es könnte ja auch anders sein. Bitter könnte ihr Lachen klingen – solange habe ich gewartet und mich gegrämt, weil es nicht geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe, jetzt mag ich nicht mehr. Jetzt mag ich nichts Neues mehr. Wer weiß, ob ich dem noch gewachsen wäre? Ich will nichts mehr, was meine Ruhe durcheinander bringt.
So könnte Sarah denken, ich kenne diese Bequemlichkeit auch bei mir. Aber Sarah reagiert anders. Sie freut sich darauf, dass sie noch mal was Neues in die Welt setzen wird.
Anscheinend hat Sarah in ihrem langen Leben gelernt, das was kommt aus Gottes Hand anzunehmen. Immer wieder gab es Neues und neue Aufgaben. Und trotz mancher Schwierigkeiten, ging es immer gut. Denn Gott war dabei und hat sie begleitet und ihr Halt gegeben. Weil sie das erlebt hat – deshalb kann Sarah auch jetzt von Herzen lachen. Denn das Leben wird leichter, wenn man so wie sie älter geworden ist.

Aufhören können

Dienstag, 17. Juli 2007     [Druckversion]

Aufhören ist schwer, besonders im Alter. Manche schaffen es einfach nicht. Können nicht aufhören und machen sich und manchmal auch den anderen damit das Leben schwer. Denn die Kraft reicht einfach nicht. Nicht zum weiter machen. Aber eben auch nicht zum Aufhören.
Ich verstehe das. Jemand hat viel Kraft und viel Arbeit reingesteckt in sein Ehrenamt, in seinen Beruf, in seinen Verein. Endlich läuft alles so, wie es gut ist. Dafür habe ich schließlich jahrelang geschuftet, auf vieles verzichtet. Und jetzt soll ich das anderen überlassen, die die Lorbeern ernten, wo ich beackert habe? Die womöglich alles wieder schleifen lassen und am Ende bleibt nicht viel übrig von dem, was ich aufgebaut habe?? Und es gibt auch noch Baustellen, die nicht fertig sind. Soll ich das anderen überlassen, die gar nicht wissen, worauf es ankommt? Aufhören ist schwer, wenn man zurückschaut auf das, was mal möglich war. Dann übersieht man leicht, dass es anders geworden ist und die Kräfte weniger geworden sind..
Die Bibel erzählt von einem, der aufhören konnte: Mose. Der hat seine Leute viele Jahre angeführt, aus schlimmen Verhältnissen hin zum gelobten Land von Freiheit und Wohlstand. Durch Höhen und Tiefen, mit Erfolgen und durch Durststrecken. Und als sie es endlich fast geschafft haben – da ist Mose alt. Da kann er nicht mehr. Da hört er Gott sagen: Ihr seid fast am Ziel. Aber du wirst nicht mehr hineinkommen in das gelobte Land. Deine Zeit ist zu Ende.
Und Mose? Der hadert nicht und ist nicht enttäuscht. Der wird nicht bitter. Sondern: Er segnet die Jungen, die weiter gehen werden. (vgl 5. Mose 33) Er gibt ihnen gute Worte mit. Seine gesammelten Erfahrungen und seine guten Wünsche. Er lässt sie gehen und lässt sie spüren: ich will, dass es euch gut geht. Dafür war ich mit euch unterwegs. Und jetzt werdet ihr es allein schaffen. Mit seinen Ratschlägen, mit seinen guten Worten und seinen Wünschen begleitet er die Jungen. Und das wird ihnen weiter helfen.
Wie Mose so gelassen aufhören kann? Weil er weiß: bis hierher habe ich es nicht allein geschafft. Und weil er nach vorn schaut, anstatt zurück. Er redet nicht von dem, was war und was er geleistet hat. Er schaut auf das, was kommt. Gott selbst zeigt ihm die gute Zukunft für die, die nach ihm kommen. Mose hat sein Teil dazu beigetragen, dass sie das erreichen konnten. Das war seine Aufgabe. Die hat er erfüllt. Er war ein Glied in der Kette. Ein wichtiges. Ohne ihn wären sie nicht da, wo sie jetzt stehen. Das sieht Mose. Und kann zufrieden sein. Er schaut nach vorn – da fällt ihm das Aufhören leicht..

Verstehen helfen

Montag, 16. Juli 2007     [Druckversion]

Wenn man nicht mehr weiter weiß, braucht man jemanden, der einen versteht und unterstützt. Es hilft wenig, wenn einem jemand auf die Schulter haut und sagt: „Kopf hoch, du schaffst das schon!“ Nötig ist vielmehr jemand, der begreift, wie es einem geht und der einem Mut macht.
Die Bibel erzählt von einer alten Frau, die das scheinbar besonders gut konnte. Die Frau hieß Elisabeth. Zu ihr kam eines Tages ein junges Mädchen, Maria aus Nazareth. Die Maria, die später die Mutter von Jesus wurde. Maria hatte gerade bemerkt, dass sie schwanger war. Verlobt war sie zwar – aber das machte die Sache eher schlimmer: ihr Verlobter war nicht der werdende Vater. Anscheinend hat Maria nicht recht gewußt, was nun werden soll. Es sieht ein bisschen so aus, als sei sie von zu Hause davon gelaufen. Ich möchte auch nicht wissen, wie ihre Eltern und ihr Verlobter reagiert haben.
Maria jedenfalls flüchtet sich vor dem Allen und vor dem Gerede der Leute zu Elisabeth, ihrer viel älteren Cousine. Dem Alter nach könnte sie auch Marias Großmutter gewesen sein. Zu der traut sie sich hin. Von der weiß Maria: die hat schon viel erlebt. Die weiß, worauf es ankommt und was nicht so wichtig ist. Die wird mich vielleicht verstehen. Also geht Maria zu Elisabeth. (vgl Lukas 1, 39-45)
Und Elisabeth denkt nicht an sich selbst. Nicht an die Pläne, die mit Marias Schwangerschaft sinnlos werden. Nicht an das, was die Leute sagen werden. Elisabeth sieht nur die junge Frau und was mit ihr los ist. Sie schaut genau hin, sie nimmt ernst, was Maria ihr erzählt. Elisabeth kann die Situation anders sehen, als die anderen Leute: Sie begreift, hier geht es um viel mehr als um eine Schwangerschaft zur falschen Zeit. Hier hat eine junge Frau eine ganz besondere Möglichkeit bekommen. Hier wird ein Kind geboren werden, mit dem bekommt die Welt eine neue Chance.
Für diese neue Sichtweise öffnet sie Maria die Augen. Sie redet nicht von den Schwierigkeiten, sie macht ihr keine Vorwürfe. Sie redet von den Möglichkeiten, die sich auftun. Sie redet von der Freude über das Kind, das Maria erwartet. Sie redet von dem, was Gott möglich machen kann.
Da kann Maria aufatmen. Da kann auch sie sich freuen. Jetzt kann sie mit Zuversicht auf ihr Kind warten.
In der Bibel steht, Elisabeth war mit Gottes Geist erfüllt, dass sie so reden und helfen konnte. Diesen großherzigen Geist Gottes können ältere Leute weiter geben, wenn sie nicht an ihre eigenen Pläne denken müssen. Diesen Geist Gottes, der Mut macht, den wünsche ich Großeltern und Enkeln.