Manuskripte

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Woche vom 29.05.2011 bis 04.06.2011




Michael Broch

Von Michael Broch, Leonberg, Katholische Kirche

Bleibt der Erde treu!

Donnerstag, 02. Juni 2011     [Druckversion]

Apostelgeschichte 1,1-1,11

„Eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken." - Das steht in der Bibel und hat mit dem Fest zu tun, das die Christen heute feiern: Christi Himmelfahrt. Die Wolke ist ein Bild.  Ein Bild für die Himmelfahrt Christi, für das  Unbegreifliche. Die Freundinnen und Freunde Jesu schauen in den Himmel. Und verstehen nicht, was passiert war. Ihr Freund und Meister war gekreuzigt worden. Sie waren erschüttert und fassungslos. Es heißt zwar, sie hätten nach der Kreuzigung Jesu die Erfahrung gemacht: Ihr Meister ist nicht im Tod geblieben. Er lebt. Er ist bei Gott, bei seinem „Vater im Himmel", in den sie immer wieder starren. Aber das scheint auch für sie weit weg zu sein.  Die glücklichen Tage von Ostern sind eine Weile her. Der Alltag hat begonnen, es gibt auch Probleme und Enttäuschungen. Jesu Anhänger stoßen auf Ablehnung. Einige werden schwach im Glauben. Und es gibt die ersten Streitigkeiten über den rechten Glauben. Da kommt nicht gerade Freude auf. Und so schauen sie zum Himmel: hilflos, ratlos, sprachlos. Das dauert aber nicht lange. Jesus selbst, so wird berichtet, spricht in ihnen und holt sie aus ihrer Erstarrung: „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" - Da fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen. Und sie erinnern sich an ein Versprechen, das Jesus ihnen gemacht hatte: „Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!" (Matthäus 28,20) 
Das hat den Freundinnen und Freunden Jesu wieder Mut gemacht. Das heißt nichts anderes als: Bleibt der Erde treu! Seid hier in der Welt beständig und zuverlässig. Ihr seid keinem ungewissen, blinden Schicksal ausgeliefert. Fürchtet euch nicht, habt keine Angst. Ich bin bei euch! Diese Ermutigung spricht mich an. Ich glaube, dass auch mir dieses Versprechen Jesu gilt: Wenn Glaubenszweifel kommen. Wenn ich schlapp machen möchte. Wenn ich resigniere, weil die Dinge gar nicht so laufen, wie ich es gerne hätte. Ich möchte vertrauen, dass Jesus bei mir ist, in mir spricht. Auch wenn er oft weit weg zu sein scheint, fernab von dem, was mich umtreibt ... und ich stumm in den Himmel starre. Ich möchte es mir immer wieder von Jesus sagen lassen: Fürchte dich nicht! Hab keine Angst! Ich bin bei dir! - Auch wenn Wolken mich verhüllen. ...

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Dr. Lucie Panzer

Von Dr. Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Vom Bitten

Sonntag, 29. Mai 2011     [Druckversion]

Bittet und es wird euch gegeben! Das ist ein Rat, den Jesus seinen Jüngern gegeben hat. Und er hat nicht nur gemeint, dass man andere Leute bitten soll. Er hat auch das Beten gemeint, als er geraten hat: „Bittet und es wird euch gegeben! Sucht und ihr werdet finden! Klopft an und es wird euch aufgemacht." (Lk 11, 8)

Bis vor Kurzem hätte ich da heftig widersprochen. „So einfach ist das nicht. Es hat mir mal jemand gesagt: Lass mich in Ruhe. Das ist doch deine Sache! Seither bitte ich niemanden mehr um Hilfe. Das soll mir nicht noch mal passieren." Und viele erzählen mir, dass es ihnen mit dem Beten so ähnlich gegangen ist. Es hat nicht geklappt, sagen sie. Gott hat mich nicht erhört. Beten hat keinen Sinn.
Ich muss zugeben: Ich tue mich auch schwer mit dem Bitten. Aber jetzt habe ich Christian und Martin kennen gelernt, 2 Studenten, beide gerade mit dem Examen fertig. Martin hat sich da ganz allein durchgebissen. Eine große Anstrengung war das, endlose Tage in der Bibliothek, am Ende ein paar Nächte durchgearbeitet und am Schluss eine Zitterpartie, ob er es schafft. Jetzt hinterher sagt er: Das war ja eine furchtbare Zeit und er hat jetzt schon Angst vor der nächsten Herausforderung.
Christan hat es anders gemacht. Er hat Helfer gehabt. Natürlich hat er die Aufgabe selber gelöst, den Entwurf gemacht und die Berechnungen. Aber er hat Leute gebeten, ihm zu helfen bei der Formatierung und bei der Reinschrift, Leute, die die Zeichnungen kopiert haben und das Modell zusammen geklebt, und Freunde, die ab und zu mal ein paar Pizzas für alle vorbei gebracht haben oder Erdbeeren mit Schlagsahne. Jetzt sagt er: das war eine richtig gute Zeit. Es ging auch ein paar Nächte durch. Aber es hat richtig Spaß gemacht. Im Grunde war es ein Abenteuer, das wir zusammen bestanden haben.
Bittet, so wird euch gegeben. Von Christian habe ich gelernt: Wer bittet, kann nicht erwarten, dass er sein Problem abgenommen bekommt. Aber: wer bitten kann, der öffnet sich für das Leben. Der findet Menschen, die ihm nah sind und ihn unterstützen. Bitten ist nicht ein Zeichen von Schwäche. Bitten ist kommunikativ. Bitten verbindet Menschen miteinander. Dann wird das Leben gut: ein Abenteuer und es macht Spaß, es gemeinsam zu bewältigen. Wer dagegen perfekt sein will und alles allein schaffen: dem wird das Leben schwer und anstrengend.
So ist das mit dem Bitten, sagt Jesus, und auch mit dem Beten. Es fällt nicht gleich die Lösung für mein Problem vom Himmel. Aber ich habe einen, der mich unterstützt und mir hilft, zu leben. Mit dem Bitten fängt das Leben an - gerade auch in schweren Zeiten.

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