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Woche vom 13.03.2011 bis 19.03.2011




Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

kein Paradies

Sonntag, 13. März 2011     [Druckversion]

Ein wunderbarer Tag soll das heute werden, sagt der Wettermann. Warm und sonnig, Vorfrühling - beinah wie im Paradies.
Wenn da bloß nicht diese Bilder wären: Das Erdbeben in Japan, die gewaltige Flutwelle, die alles mit sich reißt, verstörte Menschen. Wie sich das wohl anfühlt, wenn man den Boden unter den Füßen verliert? Wenn unsicher wird, worauf man sich bisher verlassen hat. Ich denke an die Menschen, die alles verloren haben, was ihr Leben bedeutet hat. Ich hoffe und bete, dass sie bald wieder auf das Leben vertrauen können und Halt finden.
Geologen wissen Erklärungen für diese Katastrophe, reden von Erdplatten und tektonischen Verschiebungen. Und doch bleibt es im Grunde unfassbar, dass das Leben so bedroht ist. Dafür gibt es keine Erklärung, außer vielleicht, dass die Welt eben nicht das Paradies ist. Deshalb gibt es beides: Wunderbare Frühlingstage - und so schreckliche Katastrophen. Und es zeigt sich immer wieder, welche Gefahren in den Entwicklungen des Fortschritts liegen, die uns doch eigentlich das Leben leichter machen sollen. Die beschädigten Atomkraftwerke in Japan sind jetzt eine weitere, unberechenbare Gefahr. Gutes und Böses liegen ganz nah beieinander in unserer Welt, die nicht das Paradies ist. Wenn ich die verzweifelten Menschen dort in Japan sehe, dann macht mich das ängstlich und traurig.
In der Bibel wird erzählt, wie das Paradies verloren gegangen ist. Diese Geschichte ist mir eingefallen, weil sie gerade heute in den evangelischen Kirchen vorgelesen wird. Sie kennen die Geschichte von Adam und Eva vielleicht, mit eindrücklichen Bildern wird erzählt, wie die Welt geworden ist, wie sie ist: wunderschön und schrecklich. Gutes und Böses ganz nah beieinander, manchmal sogar in einem einzigen Menschen. Es friert mich, mitten im Frühling, wenn ich daran denke.
Aber die Geschichte erzählt auch etwas anderes: Gott selbst, heißt es, rüstet die Menschen aus, damit es sie nicht friert in dieser schrecklichen, schönen Welt. Er macht ihnen Kleider, sagt die Bibel, damit es nicht so kalt wird, wenn der Schreck ihnen in die Glieder fährt. Damit sie nicht frieren, wenn der Tod ihnen ganz nah kommt. Er gibt ihnen Kleider. Ich verstehe das so: Gott gibt ihnen das Mitgefühl. Gibt den Menschen die Liebe. Damit es nicht so schrecklich kalt wird. Damit sie einander Mut machen können zu helfen, zu trösten und neu anzufangen, wenn alles in Trümmer gefallen ist.
Gott hat uns Menschen die Liebe gegeben, damit wir füreinander da sein können, gerade weil die Welt nicht das Paradies ist. Ich hoffe, dass auch in Japan niemand allein sein muss mit seinem Leid. Vielleicht können ja auch unsere Gedanken und Gebete ein bisschen dazu helfen.

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