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Woche vom 05.12.2010 bis 11.12.2010




Michael Broch

Von Michael Broch, Leonberg, Katholische Kirche

Johannes der Täufer und Jesus - Matthäus 3,1-12

Sonntag, 05. Dezember 2010     [Druckversion]

2. Adventssonntag (A)

„Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Gericht entrinnen könnt?" - wo steht denn so was grausig-gruseliges? Das steht im Matthäus Evangelium und ist heute, am 2. Adventssonntag, in den katholischen Gottesdiensten zu hören.  Das sagt Johannes der Täufer, eine markante Prophetengestalt zur Zeit Jesu. Es war eine Zeit, in der die Menschen in Israel auf Erlösung hofften, auf Befreiung: aus sozialem, gesellschaftlichem und religiösem Elend, auf Befreiung von politischer Unterdrückung durch die römischen Besatzer. Mit prophetischem Ernst und in schneidender Schärfe hält Johannes seinen Zeitgenossen den baldigen Weltuntergang vor Augen und das bevorstehende Gericht Gottes. Und er erschreckt die Menschen, wenn er sagt: „Jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen." Oder: „Die Spreu wird vom Weizen getrennt und wird dann in nie erlöschendem Feuer verbrennen." Gibt es für den Advent keine andere Botschaft? - Doch!  Jesu Botschaft ist ganz anders. Und das spürte auch Johannes. Beide kannten sich. Und Jesus schätzte den Johannes. Wegen seiner Geradlinigkeit hatte ihn die politische Elite ins Gefängnis gesteckt. Und weil Jesus so ganz anders war, fragt Johannes, ob er der ersehnte Messias sei. Und Jesus lässt Johannes ausrichten: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören ... den Armen wird das Evangelium verkündet." Jesus fügt noch hinzu: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt." (Matthäus 11,2-6) Wie Johannes mit dieser ganz anderen Botschaft umgegangen ist, darüber erfahren wir nichts. Aber das beschäftigt mich: „Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt." Die Geschichte der Kirche zeigt sehr wohl, dass die Kirche recht oft Anstoß an ihrem Herrn genommen hat. Sie ist immer wieder der Gefahr erlegen, sich eher an der düsteren und Angst machenden Drohbotschaft des Johannes zu orientieren als an der Frohen Botschaft Jesu. Wenn ich Jesus in den Evangelien nachspüre, dann bin ich fasziniert von einem Mann mit einer unvergleichlichen Ausstrahlung. Fasziniert von einer Botschaft, die menschlich ist, die Ängste nimmt und die aufatmen lässt. Eine Botschaft, die sagt, dass Gott uns gut will, dass er uns liebt - ohne Vorbedingungen. Ich glaube, das sagt mir Jesus auch heute. 

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