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Woche vom 22.08.2010 bis 28.08.2010




Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Schlagen heißt nicht lieben

Sonntag, 22. August 2010     [Druckversion]

(zu Hebräer 12,5-7.11-13)

 Ich bin Peter Kottlorz von der Katholischen Kirche in Stuttgart, einen schönen guten Morgen! Aus pädagogischer Sicht ist es eine der gräuslichsten Stellen des Neuen Testaments. Und nicht nur das, der Text, der heute in den Katholischen Kirchen gelesen wird, wurde von Generationen von Eltern als biblischer Freibrief interpretiert ihre Kinder zu schlagen:" Wen der Herr liebt, den züchtigt er", heißt es im zwölften Kapitel des Hebräer-Briefes. „Er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat. Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet, Gott behandelt euch wie Söhne, denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt? ..."Das ist nicht nur rabenschwarze Pädagogik, sondern auch ein schreckliches Gottesbild: Gott als ein Vater, der seine „Liebe" dadurch zeigt, dass er seine Kinder züchtigt, schlägt.Ich bin in einem katholischen Internat aufgewachsen und hab' am eigenen Leib erlebt wozu dieser religiös verbrämte Sadismus führt - in alle möglichen Richtungen nur in keine, die der Botschaft Jesu Christi entspricht. Nicht nur deshalb habe ich nie auch nur einen Finger gegen eines meiner Kinder erhoben. Aber was fängt man jetzt mit einem solchen Text an, der nun mal so in der Bibel steht? Er ist ein typisches Beispiel dafür, dass die Bibel oft nicht eins zu eins genommen werden kann, dass sie gerade nicht wortwörtlich genommen werden darf! Vieles ist umstritten bei diesem Text, nicht nur seine schwarze Pädagogik. Die Wissenschaftler sind sich weder einig, wer ihn geschrieben hat noch wann genau er geschrieben wurde. Klar ist nur, dass er an die zweite oder dritte Generation der Christen gerichtet war, die wohl stark unter Druck waren und wegen ihres Glaubens leiden mussten. Und da nimmt der Verfasser des Hebräerbriefes eben eine gängige Erziehungspraxis seiner Zeit als Bild zur Erklärung ihrer Situation: Dass sie leiden müssten, weil Gott sie liebe, ja dass es geradezu ein Liebesbeweis Gottes sei, weil er sie durch seine züchtigende Zuwendung läutere und stärke. Nun, ich bin kein Mensch, der auf die Verhaltensweisen früherer oder anderer Kulturen besserwisserisch herabschaut und ich kann schon auch die Dinge in ihrer Zeit betrachten. Zum Beispiel dass bis zu meiner Elterngeneration Schlagen zu Hause oder in der Schule selbstverständlich waren. Ich weiß auch, dass es auch psychische Bestrafungen gibt, die genau so weh tun wie Schläge. Und ich weiß auch, dass es oft die schiere Not und ein Zeichen von Hilflosigkeit ist, wenn Eltern ihre Kinder schlagen. Aber all das macht weder derartige Erziehungsmethoden noch ein solches Gottesbild besser. Denn wenn ich eines sicher weiß, von den Worten und Taten Jesu - dann dies: Wenn er seine Hände erhoben hat, dann nur um zu beten, zu segnen oder zu heilen. Einen schönen Sonntag wünsche ich Ihnen!

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