Manuskripte

SWR1 Sonntagmorgen 3vor8

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Woche vom 26.10.2008 bis 01.11.2008




Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Selig die Armen im Geiste (Mt 5, 1-12) - Ist das Christentum was für Doofe?

Samstag, 01. November 2008     [Druckversion]

„Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich!“
- Ist das Christentum was für Doofe? Auf die Frage könnte man kommen, wenn man diesen Satz aus der Bergpredigt so missversteht wie der Philosoph Arthur Schopenhauer und nach ihm so manch andere. Wenn man den Satz so versteht, dass intellektuell eher schlichtere Gemüter, besonders willkommen sind bei dieser Religion.
Ein klassisches Missverständnis. Klassisch, weil dieser Satz, der heute in den katholischen Kirchen gelesen wird, missverständlich übersetzt wurde.
Denn es geht dabei eben nicht um die Armen im Kopf, dem Intellekt, sondern um die geistlich Armen. Es geht, besser übersetzt, um Menschen, die aus dem Geiste heraus bescheiden, demütig sind. Was aber nicht unterwürfig meint, sondern eine Haltung die sich bewusst ist wie begrenzt der Mensch doch ist. Eine Haltung in der man spürt wie unbeschreiblich groß und gütig Gott sein muss.
Und warum sollte ein solch „armer“ Mensch selig sein? Warum gerade ihm eine rosige Zukunft im Jenseits versprochen werden?
Weil eine solche Armut den Mensch außerordentlich frei und offen macht. Frei und offen für den Glauben macht, für einen Glauben der sich weder an Macht noch an Ideologien bindet. Zu sehen an den Heiligen die sich in der Geschichte des Christentums von weltlichen oder auch kirchlichen Abhängigkeiten gelöst hatten und den christlichen Glauben so intensiv wie spürbar gelebt haben.
Eine solche geistliche Grundhaltung hat gerade auch die materiell Armen immer im Blick. Und verändert damit auch die Verhältnisse. Als eine Art Vorgriff auf die himmlische Freiheit und Gerechtigkeit.
Was aber keine Vertröstung auf den Sankt Nimmerleinstag sein soll, sondern ein Vorgeschmack auf die Welt, in der die Verheißungen der Bergpredigt volle, umfassende Wirklichkeit werden:
Verheißungen wie Trost, Gerechtigkeit, Geborgenheit, Frieden, Güte.
Alte Worte, große Verheißungen, die mit Bedacht gesagt und gehört sein wollen. Weil sie immer, zu allen Zeiten auf Menschen treffen die sich danach sehnen.
Und darum ist der christliche Glaube eine Religion für alle – egal wie viel sie wissen oder können. Eine Religion für Menschen, die sozial sensibel und emotional intelligent sind. Und die sich so in ihren zeitlosen Sehnsüchten begegnen. Menschen, die auf Gerechtigkeit hoffen und Menschen, die Gerechtigkeit schaffen. Menschen, die Güte brauchen und Menschen, die gütig sind. Menschen, die Trost suchen und Trost spenden. Sich Frieden wünschen und Frieden schaffen.

Einen schönen Feiertag wünsch’ ich Ihnen!


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Wolf-Dieter Steinmann

Von Wolf-Dieter Steinmann, Ettlingen, Evangelische Kirche

Interview mit Gott (zu 1. Mose 18)

Sonntag, 26. Oktober 2008     [Druckversion]

….Aber Abraham blieb stehen vor dem HERRN und trat zu ihm und sprach: Willst du denn den Gerechten mit dem Gottlosen umbringen? …..Das sei ferne von dir! Sollte der Richter aller Welt nicht gerecht richten?

Udo Lindenberg hat mit Gott ein Interview gemacht. In einem Lied auf seiner letzten CD. Er stellt Gott in dem Interview kritische Fragen. Über den schlechten Zustand der Welt, voller Waffen usw.. Und fragt ihn: Willst Du die Welt verkommen lassen? Der liebe Gott fragt zurück. ‚Wer lässt hier die Welt verkommen. Ihr oder ich? Ich habe Euch doch immer meine besten Berater geschickt, Jesus, Gandhi, Einstein usw. und habt ihr auf sie gehört?’ Unversehens ist aus dem Frager einer geworden, der sich verantworten muss.
Der Mensch Udo tritt vor Gott auf wie ein Journalist. Das könnte Abraham nicht verstehen. Abraham hat auch mit Gott geredet. In der Geschichte, an die heute in den Evangelischen Kirchen erinnert wird. Abraham interviewt nicht, er bittet. Eindringlich bittet er Gott, die Menschen von Sodom zu verschonen. Ziemlich verkommen sind die. Jeder denkt nur an sich. Die Gier nach immer mehr macht die einen reich, die anderen arm, aber gierig sind die auch. Verkommenheit breitet sich aus wie eine Epidemie.
Gott will sich das nicht länger anschauen. Will die Stadt umkommen lassen. Abraham stellt sich Gott in den Weg. Und redet mit ihm. Nicht wie ein Journalist wie Udo Lindenberg. Abraham würde zu Udo wahrscheinlich sagen: „So wie Du können wir Menschen nicht mit Gott reden. Wer sind wir denn.“
Abraham bittet Gott für die Menschen. Mit Hochachtung und Ehrfurcht. Ungeheuer eindringlich. Sehr menschlich. Er versucht alles, dass es nicht zur Katastrophe kommt. „Vielleicht gibt es ja doch ein paar gute Menschen in Sodom, die kannst du doch nicht mit den anderen umkommen lassen.“ Und Gott lässt mich sich reden.
Abraham fühlt sich verantwortlich für seine Mitmenschen. Und das finde ich sehr vorbildlich. Es ist ihm nicht egal was mit den anderen passiert. Und mit der Welt. Er weiß, Verkommenheit führt in den Abgrund. Da darf ich nicht zuschauen und Menschen und die Welt verkommen lassen und mich auch nicht. Man kann sich nicht raushalten und auch nicht rausreden und sagen: Wenn’s schief geht, ist der liebe Gott schuld. Oder wie sehen Sie das? Per E-Mail empfehlen