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Woche vom 18.02.2007 bis 24.02.2007




Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Sonntag, 18. Februar 2007     [Druckversion]

Und Jesus sagte zu dem Blinden: „Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 18, 42)

Zu sehen, was wirklich los ist, das ist gar nicht so leicht. Manchmal braucht man dazu Hilfe von außen. Denn selber kann man oft die Wirklichkeit nicht richtig wahrnehmen.
Was in der Welt vorgeht: wer könnte sagen, da sehe ich klar? Eigentlich kann ich doch nur sehen, was in der Zeitung steht und was das Fernsehen bringt. Da steckt dann immer schon die Sichtweise irgendeines anderen drin. Und was mit mir selbst los ist – auch das ist nicht so leicht zu erkennen. Manches kann ich nicht sehen. Und manches will ich nicht sehen. Manchmal mache ich mir selbst was vor, weil ich nicht ertragen kann, wie es wirklich ist. Und irgendwann weiß ich gar nicht mehr, was los ist. Dann fühle ich mich hilflos und sehe keinen Ausweg.

Die Bibel erzählt eine Geschichte, in der es einem Mann im buchstäblichen Sinne so ging. Er konnte nicht sehen, was los ist. Er war blind. Als Jesus in seine Nähe kam, rief er um Hilfe. Und Jesus hilft ihm, zu sehen. „Sei sehend“, sagt er, „dein Glaube hat dir geholfen.“ (Lk 18, 42) Ich bin nicht sicher, ob Jesus ihm im medizinischen Sinn die Augen gesund gemacht hat. Aber ich weiß, dass der Glaube hilft, die eigene Situation besser zu sehen. Ich meine das so: Glauben heißt, Gott zu vertrauen. Ich kann darauf vertrauen, dass Gott mich geschaffen hat, so wie ich bin: mit dem, was gut und gelungen ist in meinem Leben. Und das, was kaputt gegangen ist oder was mir schwer fällt oder was ich selber verdorben habe, das gehört auch zu mir. Das brauche ich nicht zu verstecken. Gott liebt mich mit allem drum und dran. Ich muss nichts verdrängen oder verstecken, damit ich das glauben kann. Ich muss nicht die Augen verschließen vor der Wirklichkeit, und mir was vormachen. Ich kann genau hinschauen, sogar nach Ursachen fragen und manchmal ist es dann auch möglich, etwas zu verändern. Oder ja zu sagen: ja, so ist es gut und auch in meinem Leben stecken viele Möglichkeiten.
Ich stelle mir vor, dass es damals bei dem Blinden so war. Er hatte gemeint, von Gott und aller Welt im Stich gelassen zu sein. Und jetzt hilft ihm sein Glaube, auch das andere zu sehen: wie viel Schönes es auch in seinem Leben gibt, welche Möglichkeiten er hat und was gerade er für die Leute tun kann, die um ihn herum sind.
Der Glaube macht das möglich, sagt Jesus, das Vertrauen auf Gott. Solches Vertrauen wünsche ich Ihnen und mir. Per E-Mail empfehlen