Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W



Martin Denger

Von Martin Denger, Karlsruhe, Katholische Kirche

Evangelische Räte

Donnerstag, 04. Februar 2010     [Druckversion]

Was ist der Sinn des Lebens? Auch wenn es wohl die wenigsten zugeben würden: Bei vielen Menschen scheinen es Geld, Macht und Sex zu sein. Geld, Macht und Sex sind verführerisch. Glücklich scheint zu sein, wer möglichst viel davon hat. Prominente Beispiele für Menschen, die auf der Jagd danach erfolgreich sind, werden uns in der Klatschpresse jeden Tag präsentiert: Reich, schön und mächtig lächeln sie in die Kameras.
Es gibt aber auch Menschen, die sagen: Das kann nicht alles sein. Die nach ganz anderen Wegen zu einem erfüllten Leben suchen. In vielen Kulturen und Religionen finden sich dafür Beispiele – unter vielen anderen auch die Lebensform als Mönch oder Nonne in einem Kloster. In der christlichen Tradition versprechen die Mönche oder Nonnen, sich an die drei evangelischen Räte zu halten. Diese drei evangelischen Räte sind genau das Gegenteil von Geld, Macht und Sex. Sie stehen für Armut, Gehorsam und sexuelle Enthaltsamkeit, auch Zölibat genannt. In vielen Kulturen war und ist diese Lebensform hoch angesehen. Natürlich: Auch in Klöstern gibt es menschliche Schwächen und nicht immer wird man dort den eigenen Ansprüchen gerecht. Aber ich finde es mutig, sich überhaupt diesen Herausforderungen zu stellen und so ganz anders zu leben.
Wenn ich selbst in einem Kloster zu Besuch bin, tut es mir immer richtig gut, an diesem alternativen Leben teilzunehmen. Es verbraucht viel Energie, sich ständig mit anderen zu messen und im Wettbewerb zu stehen. Klöster sind lebendige Beispiele dafür, dass es auch anders geht. In Gemeinschaft statt als Einzelkämpfer. In der Ruhe des Gebetes statt im Dauerstress. Viele Klöster laden auch dazu ein, einige Wochen oder Monate bei ihnen mit zu leben. Dieses so genannte „Kloster auf Zeit“ ermöglicht, unverbindlich Einblick zu nehmen, in eine Welt, in der Geld, Macht und Sex nicht im Vordergrund stehen.
Vielen mag es so vorkommen, als gehe es im Kloster vor allem um Verbote. Doch die Mönche und Nonnen, mit denen ich gesprochen habe, erleben es vielmehr als Freiheit. Freiheit, von dem Zwang reich, schön und mächtig sein zu müssen.
Wie eindrücklich ein Klosterbesuch sein kann, habe ich erfahren, als ich letztes Jahr mit Jugendlichen im Kloster Münsterschwarzach war. Eine Woche haben wir dort verbracht. Die Jugendlichen kamen mit einem Mönch ins Gespräch und stellten viele Fragen. Am meisten wunderten sie sich darüber, dass im Kloster nicht Sylvester gefeiert wird. Diese Vorstellung fanden viele ganz schrecklich. Die Frage tauchte dann immer wieder auf: Kann ein Leben ohne Sylvesterparty Spaß machen?
Ja, sagte der Mönch: Das gemeinsame Gebet ist mir auch in dieser Nacht wichtiger. Diese Freiheit nehmen wir uns einfach.