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Ute Haizmann

Von Ute Haizmann, Weinheim, Evangelische Kirche

Lieblingsmensch

Dienstag, 26. Januar 2016     [Druckversion]

„Hallo Lieblingsmensch.“
Dieses Lied habe ich im Radio in den letzten Monaten rauf und runter gehört. Namika, eine junge Frau aus Frankfurt, hat 2015 damit die Charts gestürmt.
„Hallo Lieblingsmensch! / Ein Riesenkompliment, dafür dass du mich so gut kennst. /
Bei dir kann ich ich sein, / verträumt und verrückt sein…“
Wer genau der Lieblingsmensch ist, das lässt sie offen. Vielleicht sind es ja auch mehrere. Der Herzallerliebste, die beste Freundin, der Bruder? Auf jeden Fall jemand, bei dem ich ich sein kann, mich nicht verstecken muss und es wohl auch nicht kann. Da fühl ich mich aufgehoben, egal was ist. Mit einem Lieblingsmenschen kann ich streiten und mich wieder versöhnen. Vergnügt plaudern und zusammen schweigen. Wir können einander vertrauen, einander etwas anvertrauen. Uns auch mal kritische Kommentare zumuten und einander nerven. So ist das mit einem Lieblingsmenschen.
Und wenn ich gerade ein gebrochenes Herz hätte: ich hoffe, mir würde trotzdem jemand einfallen als Lieblingsmensch. Und jemand, für den ich ein Lieblingsmensch sein kann.
„Wir wollen einander lieben“ lese ich in der Bibel (1. Johannes 4,7). „Wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott.“
Das finde ich einen spannenden Gedanken. Schon bevor ich für jemanden Lieblingsmensch bin oder selbst einen Lieblingsmenschen habe – schon vorher bin ich ein Lieblingsmensch von Gott. Nicht weil ich so toll bin, sondern weil er die Liebe erfunden hat. Er kann gar nicht anders als einen Menschen zum Lieblingsmenschen zu erklären. Bei ihm „kann ich ich sein“. Bei ihm bin ich gut aufgehoben, egal was gerade los ist.
Der Satz aus der Bibel erinnert mich aber auch, dass Gott nicht nur einen Lieblingsmenschen hat, sondern viele. Diesen Gedanken finde ich nicht nur aufbauend. Er fordert mich heraus: „Wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott.“ Wenn ich dabei nur an meine eigenen Lieblingsmenschen denke, ist das nicht wirklich schwierig. Aber was ist eigentlich mit den anderen? Natürlich fallen mir Leute ein, die ich nicht als Lieblingsmensch bezeichnen würde. Eher als Nervensäge oder als Mensch, dem ich ganz gern aus dem Weg gehe, oder so. Denen wird von Gott auch gesagt: “Hallo Lieblingsmensch“.
Hm. Wenn Gott sie so sieht, wird es für mich vielleicht Zeit, auf sie zuzugehen. Sie müssen ja nicht gleich meine Lieblingsmenschen werden…

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