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Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Nicht fertig werden

Samstag, 23. Januar 2016     [Druckversion]

„Nicht fertig werden.“ Eine (gute alte) Freundin hat mir eine Einladung geschickt. Eine Einladung zu ihrem „Ruhestandsfestle“. Auf der Rückseite der Karte stand ein Gedicht von Rose Ausländer. Es beginnt und endet mit eben diesem Satz „Nicht fertig werden“. Es geht so:

 

Nicht fertig werden.

Die Herzschläge nicht zählen,

Delfine tanzen lassen.

Länder aufstöbern,

aus Worten Welten rufen,

horchen, was Bach zu sagen hat.

Tolstoi bewundern.

Sich freuen, trauern.

Höher leben, tiefer leben.

Nicht fertig werden.

 

Ein wunderbarer Text gerade für den Ruhestand, in dem zwar die Arbeit zu Ruhe kommt, aber doch nicht das Leben! Und weil das auch ein guter Text für die Zeit vor dem Ruhestand ist, will ich ihm heute Morgen noch ein wenig nachspüren. Die Herzschläge nicht zählen. Ja, nicht immer ans Ende denken, nicht immer sammeln, messen, wägen und zählen, sondern das Herz ungezählt schlagen lassen, leben. Und die Delfine tanzen lassen. Wer schon mal gesehen hat wie elegant Delfine durchs Wasser gleiten und springen, der weiß wie natürliche Lebensfreude aussieht. Freude am Leben macht auch Länder aufzustöbern – klasse Bild. In der Welt zu kramen wie in einer alten Kiste. Aus Worten Welten rufen – durch ein gutes Buch oder ein befreiendes Wort zu einem Menschen, der es braucht. Horchen, was Bach zu sagen hat. Mit der Sprache der Musik, die Sprachgrenzen so wunderbar überschreiten und direkt in die Seele sprechen kann. Tolstoi bewundern, zum Beispiel welch tiefe Einblicke er in die Psyche des Menschen hatte und wie toll er das in Worte fassen konnte. Sich freuen, weiß Gott eine Kunst, nicht alles selbstverständlich zu nehmen und immer wieder auch das Herz hüpfen zu lassen. Und es genauso langsamer werden lassen, absinken lassen in Zeiten der Trauer, wenn man tiefer, bewusster und dadurch auch wesentlicher lebt, gerade auch wenn es schmerzt. Und dann irgendwann wieder höher leben, aufrecht, gerade wie ein Baum. Die Füße gut verwurzelt im Boden. Den Kopf hoch – dem Himmel entgegen. Und nie fertig werden. Immer weiter immer höher, dem Himmel entgegen…

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