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Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Barmherzigkeit

Mittwoch, 20. Januar 2016     [Druckversion]

„Seine Grundsätze sollte man für die wenigen Augenblicke in seinem Leben aufsparen, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“ Als ich diesen Satz von Albert Camus gelesen habe, musste ich an meine katholische Kirche denken. Natürlich braucht eine Religion Grundsätze. Religiöse Grundsätze und ethische Grundsätze. Und auch Grundsätze in Sachen privater Lebensführung und Sexualität. Das Problem der Katholischen Kirche aber war, dass sie sich zu lange, zu viel und zu detailliert in allzu private Dinge ihrer Gläubigen eingemischt hat. Wo doch der Glaube und das Seelenheil der Menschen Vorrang haben sollten. Darum sollte auch und gerade bei Fragen der Sexualmoral eine spirituelle Haltung der Kirche im Vordergrund stehen. Und bei einer solch spirituell-christlichen Haltung steht nicht der rigide Grundsatz an oberster Stelle, sondern eben die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit hat mit Weite, mit Wohlwollen und Wärme zu tun. Sie weiß um die Möglichkeit des Scheiterns, aber auch der Entwicklung des Menschen. Auf der Basis einer solch spirituell-barmherzigen Haltung ist und bleibt die Familie ein großes Glück, das es zu schützen und zu fördern gilt. Wo aber eine Familie oder eine Ehe scheitert, gilt es nicht das Scheitern zu verurteilen und die Gescheiterten auszugrenzen, sondern sie in ihrem Leid zu begleiten. Nicht anders bei der Sexualmoral der Kirche. Keine lebensfernen Vorgaben mehr, sondern warten bis wir Christenmenschen gefragt werden. Wenn zum Beispiel Jugendliche zahllose Pornos auf ihrem Smartphone gesehen haben bevor sie zum ersten Mal selbst mit jemandem schlafen. Oder wenn die Menschen heute durch all die Normierung und Kommerzialisierung der Sexualität so unter Druck stehen, dass sie sich schwer tun mit Leib und Seele erfüllendem Sex. Erst wenn sie uns Christenmenschen danach fragen, dann und erst dann sollten wir ihnen antworten. Dann sollten wir aber auch Antworten parat haben, die liebevoll und lebbar sind. Und schließlich: wenn nun etwa 5% der Menschen dasselbe Geschlecht lieben, dann ist das nicht all die Aufregung wert, sondern eine Variante in Gottes schöner Schöpfung. Darum will ich homosexuelle Menschen nehmen wie sie sind. Und schon gar nicht  verändern. Will sie nicht anders behandeln als alle Anderen. Denn jeder Mensch, ob hetero- oder homosexuell, ist doch so viel mehr als seine geschlechtliche Orientierung.

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