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Dr. Peter Kottlorz

Von Dr. Peter Kottlorz, Rottenburg/N., Katholische Kirche

Ein hörendes Herz

Dienstag, 19. Januar 2016     [Druckversion]

„Ein salomonisches Urteil“, davon spricht man, wenn jemand, der etwas zu entscheiden hat, gerecht und menschlich entscheidet. Dieses geflügelte Wort stammt - wie so viele - aus der Bibel. Es ist interessant wie es entstanden ist. Es bezieht sich auf den sprichwörtlich weisen König Salomo. Er wurde schon jung ein König und litt unter der Last der Verantwortung. Eines Nachts erschien ihm Gott im Traum und sagte, dass er einen Wunsch frei hat. Und was wünscht sich der junge König Salomo? Nicht Geld, nicht Macht und auch kein langes Leben, sondern: ein hörendes Herz! Der junge Mann wünscht sich ein hörendes Herz, damit er ein guter König sein kann. Ich liebe diese beiden Worte: ein „hörendes Herz“. Denn ein hörendes Herz ist nicht nur für Könige reserviert. Es ist ein wunderbares Bild für Menschen, die auch innerlich hören können, mit dem Herzen hören können. Bei denen das, was gesagt wird, nicht nur durch die Ohren und durch den Kopf geht, sondern eben auch durch das Herz. Die das, was sie hören bedenken und befühlen. Die beim Hören nicht nur auf das WAS achten, sondern auch auf das WIE, wie etwas gesagt wird. Die auch zwischen die Zeilen hören.  
Im öffentlichen Bereich zum Beispiel. Im Parlament, bei Festreden oder in Talkshows: Macht jemand nur Sprüche? Will jemand mich rhetorisch über den Tisch ziehen? Spricht ein Mensch zwar warme Worte, aber seine Augen sind kalt? All das spürt ein hörendes Herz und mahnt zur Vorsicht. Oder in der Schule: Ist ein Kind ungewöhnlich verschlossen? Oder ein anderes kaspert unaufhörlich herum, dann spürt ein hörendes Herz, dass diese Kinder Zuwendung brauchen. Oder zu Hause: Allein wie das allabendliche „Hallo“ klingt, sagt einem hörenden Herzen schon wie der Tag des anderen war. Ob er reden möchte, reden muss oder es gerade nicht möchte.

Und wie kommt man zu einem hörenden Herzen, wenn es einem nicht im Traum von Gott geschenkt wird? Ich denke, es wird einem schon auch geschenkt, im wahrsten Sinne des Wortes in die Wiege gelegt. Durch Menschen, die auch schon mit dem Herzen hören können. Aber man kann es auch lernen – mit der Zeit, mit Geduld und vor allem mit der Liebe zu den Menschen.

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