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Lucie Panzer

Von Lucie Panzer, Stuttgart, Evangelische Kirche

Kopftücher

Donnerstag, 14. Januar 2016     [Druckversion]

Frauen mit Kopftüchern saßen seit den 1980er Jahren der Kirche immer ganz hinten, in der drittletzten Reihe. Es waren alte Frauen, ihre Kopftücher bunt, Aussiedlerinnen aus Kasachstan oder aus Siebenbürgen.
Jetzt sind mir beim Familiengottesdienst auch ganz vorne junge Frauen mit Kopftuch aufgefallen. Muslimische Frauen, ich habe sie noch nicht gefragt, woher sie kommen. Ihre Kinder gehen in den evangelischen Kindergarten und die Mütter und Väter und Geschwister waren gekommen, um ihnen zuzuschauen. Die Kindergartenkinder haben vorne gestanden und die Lieder gesungen, die sie geübt hatten: „Gott hält die ganze Welt in seiner Hand…“ und „Gott hat alle Kinder lieb…“ und dann noch ein Lied vom Nikolaus, der auch die Kinder liebt. Die Frauen mit den Kopftüchern waren genauso stolz auf ihre Kinder da vorne wie die deutschen und haben am Ende des Gottesdienstes fotografiert. Manche sind hinterher noch zum Essen im Gemeindesaal geblieben. Ich hatte den Eindruck, dass das alles ok war für sie. Sicher kommen sie beim nächsten Familiengottesdienst wieder, wenn der Kindergarten dabei ist.
Mir ist in dem Gottesdienst eingefallen, dass so viele Menschen Angst haben vor der Islamisierung unseres Landes. Heinrich Bedford-Strohm, der Vorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, hat dazu gesagt: „Trauen wir unserem Glauben so wenig zu, dass wir befürchten müssen, bei 50 Millionen Christen könnte durch ein, zwei oder drei Millionen Muslime in Deutschland die christliche Kultur verschwinden? Wie kleingläubig ist das denn?“
Seit dem Familiengottesdienst am Nikolaustag finde ich: Er hat wirklich recht. Und wir ängstlichen Christen sollten uns vielleicht einfach neu interessieren für die Kirchengemeinde, in die Gottesdienste gehen und die Bibel wieder mehr lesen. Wenn wir selbst unseren Glauben neu entdecken, dann müssen wir nicht befürchten, ihn zu verlieren.
Ich meine deshalb, wir Christen sollten mehr zeigen und davon sprechen, was wir glauben. Das respektieren die meisten Muslime nämlich. Viele von ihnen aber meinen, wir Deutschen glauben überhaupt nichts. Weil die Kirchen so leer sind und wir nicht von dem reden, was wir glauben. Das verstehen sie nicht.
Jesus hat gesagt: „Seid barmherzig, wie auch euer himmlischer Vater barmherzig ist.“ Und auch: „Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben – was tut ihr da Besonderes? Das tun doch alle!“ (Mt 5, 46) Ich finde, davon sollten wir reden. Und mit unserem Verhalten zeigen, dass wir das ernst nehmen. Ich glaube, das werden die Fremden respektieren. Wahrscheinlich werden sie sogar zustimmen.

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