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Judith Schmitt-Helfferich

Von Judith Schmitt-Helfferich, Heidelberg, Katholische Kirche

Krippe mal anders

Samstag, 09. Januar 2016     [Druckversion]

Maria und Josef, Hirten und Könige, Schafe, Ochs und Esel. Und natürlich das Jesuskind. Sie alle gehören ganz klassisch zu einer Weihnachtskrippe.

In der Jesuitenkirche in Heidelberg tummeln sich aber noch jede Menge anderer Figuren:

Neben Maria und Josef stehen dort Obdachlose, Junkies mit ausgemergelten Gesichtern, Aidskranke und Prostituierte in schrillen Kostümen. Aber auch demonstrierende Studenten, ein raffgieriger Banker und sogar Stuttgart 21-Gegner.

Was gerade aktuell ist und die Menschen bewegt, das kommt in die Krippe: 2014 war es die Deutsche Fußballnationalmannschaft, 2013 Papst Franziskus. Und im vergangenen Jahr Flüchtlinge, die im Wasser ertrinken.

Mitten in unsere Welt, mitten in das aktuelle Geschehen, in die Sorgen und Nöte der Menschen hinein – dort ist Jesus geboren. Das spricht mich an dieser Krippe besonders an. Denn es geht nicht um eine idyllische Darstellung, die nur einfach schön anzusehen ist. Diese Krippe zeigt, dass mein Glaube heute noch relevant ist.

Denn Gott ist in dieser Welt. Davon bin ich überzeugt. Gott hat die Welt nicht nur irgendwann mal erschaffen und will jetzt nichts mehr mit ihr zu tun haben. Im Gegenteil. Er ist gerade auch in den heutigen Herausforderungen dabei.

Die Krippe ist aber auch interessant, weil die etwa 50 cm großen Figuren im Untersuchungsgefängnis entstehen. Die Häftlinge arbeiten mit Papier, Draht, Kleister und Farben. Und der Seelsorger, der vor vielen Jahren die Idee dazu hatte, sagt: „In manchen von ihnen stecken ungeahnte Talente.“

Neben den vielen Figuren haben die Häftlinge den Betrachtern der Krippe auch noch etwas anderes hinterlassen. Es ist eine schwarze Gestalt, ähnlich einem Tier, das mitten in der Krippe sitzt. Diese Gestalt soll die Angst symbolisieren. Die Angst, die gerade bei den Häftlingen Tag und Nacht da, aber nie wirklich zu greifen ist.

Und es ist die Angst, die vielleicht in jedem Menschen irgendwo sitzt: Angst davor, zu wenig zu gelten, zu verlieren, ohnmächtig oder nicht geliebt zu sein.

Wenn morgen offiziell die Weihnachtszeit endet, sind viele Krippen schon längst wieder aus den Wohnzimmern geräumt worden. In der Heidelberger Jesuitenkirche bleibt die Krippe der Häftlinge noch bis zum 2. Februar stehen. Diese Krippe macht besonders deutlich: Gott kommt in diese Welt und damit in die tiefsten menschlichen Abgründe. Allen Menschen, jedem einzelnen, will Gott mit seiner Liebe nahe sein.

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