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Andreas Föhl

Von Andreas Föhl, Bad Dürrheim, Evangelische Kirche

Stoner

Samstag, 02. Januar 2016     [Druckversion]

Die guten Vorsätze zum neuen Jahr haben einen großen Nachteil, finde ich. Sie machen einen unzufrieden. Man ist dabei ganz auf das fixiert, was im eigenen Leben nicht gut läuft. Und meistens hat man dabei so ein Idealbild im Kopf. Ein Bild vom rundum glücklichen Leben, das man erreicht, wenn man Stress abbaut, sich mehr Zeit für die Familie nimmt, mehr Sport treibt, abnimmt oder gesünder lebt.
Aber dieses ideale Leben gibt es nicht. Das hat mir ganz deutlich ein Roman gezeigt, den ich neulich gelesen habe: Er heißt Stoner. Der amerikanische Schriftsteller John Williams hat ihn in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben. Er erzählt darin die erfundene Lebensgeschichte des Literaturprofessors William Stoner von seiner Geburt bis zu seinem Tod. Vieles in Stoners Leben läuft nicht gut: Er führt eine katastrophale Ehe, wird von seinem Vorgesetzten schikaniert und klein gehalten, eine kurze glückliche Liebesbeziehung findet ein jähes Ende, seine einzige Tochter wird alkoholkrank und schließlich stirbt Stoner an einem bösartigen Tumor.
Es gibt schon auch glückliche Episoden im Leben von Stoner, und beim Leser keimt die Hoffnung auf, dass alles gut wird. Aber dann macht irgendein Ereignis diese Hoffnung wieder zunichte.
Mir ist beim Lesen bewusst geworden, wie wenig selbstverständlich ein glückliches Leben ist. Und mir ist klar geworden: Es gehört zum Leben dazu, dass Vieles nicht gelingt. Umso kostbarer sind die glücklichen Momente. Irgendwie hat dieser Roman die Dinge für mich zurechtgerückt: Er entlarvt zu hohen Erwartungen an das Leben als unrealistisch. Gleichzeitig bringt er einen dazu, auf die guten Dinge im Leben achtzugeben und sie wertzuschätzen.
Als Stoner auf dem Sterbebett auf sein Leben zurück schaut, ist er – dankbar. Er schafft es, das Gute zu sehen, das es neben allem Schlechten auch gegeben hat: Er ist dankbar dafür, dass er als einfacher Farmersohn an einer Universität lehren durfte. Er denkt gern daran zurück, wie er seine Frau kennen gelernt und sich in sie verliebt hat. Und er erkennt, dass sich die Leidenschaft wie ein roter Faden durch sein Leben zieht: Er hat – trotz allem – leidenschaftlich gelebt.
Von dieser Dankbarkeit möchte ich mir eine Scheibe abschneiden. Ich habe mir deshalb für das neue Jahr nicht vorgenommen, mein Leben an irgendeiner Stelle zu verbessern. Mein Vorsatz für das neue Jahr lautet: Ich will aufmerksamer als bisher auf das schauen, was schon gut ist. Ich will mich daran freuen und dankbar dafür sein. Es ist nämlich nicht selbstverständlich.

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