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Cornelia Michels-Zepp

Von Cornelia Michels-Zepp, Mainz, Evangelische Kirche

Gelingendes Leben?

Freitag, 21. Dezember 2012     [Druckversion]

Kennen Sie das: Dass es ihnen wie Schuppen von den Augen fällt?
So ist es mir ergangen, als ich den Artikel in einem Buch gelesen habe. - Überschrift: „Wider die Tyrannei des gelingenden Lebens."
Ja, genau, dachte ich, das ist es! Überall ist die Rede vom gelingenden Leben; selbst in den neueren Gebeten. Alles soll einem gelingen. Und das löst ein Gefühl bei mir aus, das ich nicht mag - so ein Druckgefühl:
„Auch das noch - jetzt muss ich auch noch dafür sorgen, dass mein Leben gelingt!"
Nicht, dass das Gelingen etwas Schlechtes wäre. Ich kann mich geradezu diebisch über alles freuen, was mir gelingt, vom Apfelkuchen bis zur Morgenandacht. Und das sind nur die kleinen, überschaubaren Dinge.
Die gelungene Weihnachtsfeier, das gelungene Gespräch, das gelungene Essen - solche Erfolge finde ich wunderbar;  die können bei mir geradezu ein Hochgefühl auslösen.
Aber dieses Gelingen wird zur Tyrannei, wenn es ständig und überall von mir verlangt wird, das ganze Leben lang. - Als ob das nur eine Frage der richtigen Einstellung und der Anstrengung wäre. Und ganz allein in meiner Macht stünde.
Und davon abgesehen: ich habe schon viel gelernt aus dem, was mir völlig misslungen ist. Das ist zwar nicht angenehm, aber so ist das Leben.
Auch das Misslungene hat seinen Wert.
Auch das Unvollendete.
Der Theologe Henning Luther hat das Leben als Fragment betrachtet. Er sah: Das Leben ist immer unvollständig. Und deshalb finden wir uns selbst nur, wenn wir uns grundsätzlich als Fragmente, als Bruchstücke, begreifen und lieben lernen.
Ein Bruchstück ist immer nur ein kleiner Teil des Ganzen. Aber so klein es auch sein mag - als Bruchstück weist es über sich selbst hinaus. Als unvollständiges Leben erzählt es auch von Verlusten und zerbrochenen Träumen; und von Verletzungen. Und gleichzeitig erzählt ein Bruchstück immer auch vom Ganzen, zu dem es gehört. Es erzählt von Hoffnung, und von der Sehnsucht nach Ganzheit. Und einem Gelingen, das größer ist als wir.

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