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Mechthild Peters

Von Mechthild Peters, Kirchwald/Eifel, Katholische Kirche

Die Chance der Bärenraupe, über die Strasse zu kommen?

Dienstag, 18. September 2012     [Druckversion]

Chance der Bärenraupe, über die Strasse zu kommen?
Keine Chance.
Sechs Meter Asphalt.
Zwanzig Autos in einer Minute.
Fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk.
Die Bärenraupe weiß nichts von Autos.
Sie weiß nicht, wie breit der Asphalt ist.
Weiß nichts von Fußgängern, Radfahrern, Mopeds.
Die Bärenraupe weiß nur, dass jenseits Grün wächst.
Herrliches Grün, vermutlich fressbar.
Sie hat Lust auf Grün. Man müsste hinüber.
Keine Chance. Sechs Meter Asphalt..
Sie geht los. Geht los auf Stummelfüßen.
Zwanzig Autos in der Minute.
Geht los ohne Hast. Ohne Furcht. Ohne Taktik.
Fünf Laster. Ein Schlepper. Ein Pferdefuhrwerk.
Geht los und geht und geht und geht und kommt an.* 

Das ist ein Gedicht von Rudolf Otto Wiemer; Ein Dichter, Puppenspieler und Lehrer (1905 bis 1998). Ich kenne den Text seit vielen Jahren und mich begeistert immer wieder seine knappe Sprache und die unaufgeregte Art. Als wäre das nichts, so beschreibt Wiemer den Erfolg der Bärenraupe. Dabei hat sie eigentlich etwas komplett Unmögliches geschafft, nicht schwer, sich das vorzustellen. Eine Raupe auf einer viel befahrenen Straße, das kann nicht gut gehen. Geht es gut, weil die Raupe an keine Gefahr denkt? Geht es gut, weil sie Glück hat? Weil sie einen guten Schutzengel hat? Keine Ahnung. Und tausendmal geht so was schief. Aber ich freue mich außerordentlich, dass die Bärenraupe es schafft. Und genau so freu ich mich, wenn ich etwas schaffe, was unmöglich erschien. Auch in meinem Leben sind manchmal sechs Meter Asphalt zu überqueren, um an das Grün zu kommen. Fünf Laster, ein Schlepper, ein Pferdefuhrwerk. Und hinterher denke ich: wie hast du das nur geschafft? Und bin froh und dankbar.  

* R.O. Wiemer    Ernstfall     Heilbronn 1973

 

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