
Von Gabriele Hofmann, Hohenwart, Evangelische Kirche
Allein unter Paaren
Dienstag, 22. Mai 2012
„Seit ich mein Mann tot ist", hat mir eine Frau erzählt, „werde ich immer weniger eingeladen von unseren Freunden. „ Du fühlst dich doch unter lauter Paaren sicher nicht mehr wohl", sagen sie. Früher waren wir immer so ein netter Kreis. Vier Paare. Wir sind zusammen wandern gegangen und haben Doppelkopf gespielt und uns zu den Geburtstagen getroffen. Aber seit ich allein bin", sagt sie, „gehöre ich anscheinend nicht mehr dazu."
Sie ist nicht die erste, von der ich das höre. Das empfinden viele Witwen so. Und zu ihrem Schmerz, den geliebten Mann verloren zu haben, kommt jetzt noch die Enttäuschung über das Verhalten der Freundinnen und Freunde dazu. Viele Frauen erleben nach dem Tod ihres Mannes, dass die Menschen jetzt anders mit ihnen umgehen als vorher. Irgendetwas stimmt nicht mehr. Irgendetwas ist aus der Balance gekommen. Dabei sind die Frauen doch dieselben geblieben. Und Zuwendung von ihren Freunden bräuchten sie heute noch mehr als früher.
Eine alleinstehende Frau hat mir auch erzählt, dass sie manchmal das Gefühl habt, sie könnte mit ihren alten Freunden nicht mehr so unbekümmert umgehen wie früher, weil sie Angst hat, die Ehefrauen könnten meinen, dass sie ihnen jetzt den Mann ausspannen wollte.
Witwe zu sein, ist ein sensibler Familienstand. Darum standen die Witwen in biblischen Zeiten unter dem besonderen Schutz Gottes und der Gesellschaft. Die Fürsorge ihnen gegenüber galt sogar als religiöse Pflicht.
Mir persönlich gefällt eine Geschichte, die Jesus erzählt hat, besonders gut: die von der bittenden Witwe (Lk 18, 1-8). Hier fordert die Witwe einen selbstgefälligen Richter immer wieder auf, er möge ihr Recht verschaffen gegenüber einem Widersacher. Sie setzt sich beharrlich ein für ihre Rechte. Und tatsächlich nimmt der Richter ihre Klage an und eröffnet einen Prozess für sie. Jesus hat erklärt: Genauso wird Gott denen Recht verschaffen, die immer wieder darum bitten.
Mir gefällt diese Geschichte so gut, weil sie erzählt, dass eine alleinstehende Frau einfach nicht den Mut verliert. Sie wartet nicht, bis die anderen sich um sie kümmern. Sie beginnt, sich selbst beharrlich Tag für Tag ein neues Leben aufzubauen.
Ihren Mut und ihre Kraft wünsche ich allen, denen es ähnlich geht. Damit sie um die eine oder andere alte Freundschaft kämpfen können und sich auch auf neue Freundschaften einlassen.



