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Wolfgang Kraska

Von Wolfgang Kraska, Karlsruhe, Freikirche

Alt werden und jung bleiben

Dienstag, 08. Mai 2012     [Druckversion]

Seit einigen Jahren coache ich junge Kollegen und Mitarbeiter. Ohne Honorar und zusätzlich zu dem, was ich sonst zu tun habe. Es ist eine richtig gute Erfahrung, wenn ich sehe, wie sie sich positiv weiterentwickeln. Nicht nur in ihrer Arbeit, sondern - wichtiger noch - in ihrer Persönlichkeit. Ich kann das richtig mitfeiern, wenn sie Erfolg haben und es ihnen gut geht. Was ich ihnen mitgeben kann ist vor allem, wie sie mit Spannungen und Konflikten umgehen können. Mir macht es Freude, wenn ich anderen an dieser Stelle helfen kann.
Dieser Gedanke ist mir vor 10 Jahren wichtig geworden. Ich hatte damals in einem Vortrag gehört, dass man mit 50 die Ausrichtung und Zielsetzung seines Lebens ändern solle, um weiterhin produktiv zu sein. In diesem Alter solle man zum Förderer der nächsten Generation werden, anstatt möglichst viel selbst zu machen. Ich war damals gerade 50 geworden, deshalb hatte mich das Thema angesprochen. Ich kannte ja genug Beispiele von alt gewordenen Menschen, die unbedingt noch mal zeigen wollen, wie gut sie noch drauf sind und dass sie es mit den Jungen immer noch aufnehmen können. Mich hat es immer schon eher abgestoßen und peinlich berührt, wenn alt gewordene Menschen einfach nicht loslassen können. In der Politik genau so wie im privaten Umfeld. Und ich bin überzeugt, dass man früh anfangen muss, neu zu definieren, wer man im Alter eigentlich sein will. Fünfzig Jahre ist aus meiner Sicht tatsächlich ein gutes Alter dafür. - Nun höre ich manchmal: „Die Jungen wollen ja überhaupt keinen Rat. Die wissen ja eh alles besser und wollen mit uns Älteren gar nichts zu tun haben." Es stimmt sicher, dass man solche Erfahrungen machen kann, und man will sich ja auch nicht anbiedern. Ich kann es nicht einfordern, vielleicht nicht einmal erwarten, dass man meinen Rat sucht und mich um Hilfe bittet. Aber ich kann ein Angebot machen. Und das hat vor allem mit meinem eigenen Wesen, meiner Persönlichkeit zu tun. Mein Gegenüber wird spüren, ob es mir um mich und meine eigene Profilierung geht, oder ob ich wirklich etwas Gutes für ihn will. Im Grunde ist das nichts anderes als das, was die Bibel unter Nächstenliebe versteht: Ich will nicht auf Kosten, sondern zugunsten des anderen leben. Oder wie der Apostel Paulus es einmal formuliert: „Denkt nicht an euren eigenen Vorteil, sondern auch an den der anderen (Phil 2,4)". Für mich steckt in diesem Gedanken ein Geheimnis. Ich werde nämlich nicht arm, und ich selbst komme nicht zu kurz, wenn ich andere fördere. Mir gibt es eine Menge zurück, wenn ich erlebe, dass meine Hilfe, meine Freundlichkeit, mein Engagement für einen anderen Menschen Früchte tragen. Es hat sich gelohnt, mich zu investieren. Was will ich mehr?