
Von Monika Renninger, Stuttgart, Evangelische Kirche
Christian Fürchtegott Gellert
Freitag, 04. Mai 2012
Wer würde sein Kind schon Fürchtegott nennen? Im Jahr 1715 ist es ein passender Name für ein Pfarrerskind. Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769). Er wird in Hainichen im sächsischen Erzgebirge geboren und wächst im Pfarrhaus zusammen mit 12 Geschwistern auf. Der Junge wird Professor: Er unterrichtet Poesie, Rhetorik, Ethik, und er schreibt Balladen und moralische Erzählungen für das einfache Volk. Nach seinem 40. Lebensjahr wendet er sich der geistlichen Lieddichtung zu.
Mit den Gellert-Liedern zieht ein aufgeklärter Geist in das gottesdienstliche Singen ein. Sein Name „Fürchtegott" wird zum Programm in seinen Liedern: die Ehrfurcht vor Gott. Gellert übersetzt diese Haltung in die Sprache der Aufklärung. Zu seinen Lieblingsworten gehören: Pflicht, Arbeit, Gehorsam. Aber auch: Glück, Liebe, Freundschaft.
Ich finde sie auf Schönste zusammengedacht in seinem Morgenlied, eines meiner Lieblingslieder im Gesangbuch. Eine Strophe daraus heißt: „Gib mir ein Herz voll Zuversicht, erfüllt mit Lieb und Ruhe, ein weises Herz, das seine Pflicht erkenn und willig tue." (EG 451) O ja, Nächstenliebe kann harte Arbeit sein. Wer es ernstlich versucht, weiß das. Sie ist keine Frage von Lust und Laune, sondern die Pflicht jedes Christenmenschen, so Gellert.
Pflicht: ein in jener Zeit gerne verwendetes, heute verpöntes Wort, das man mit spießig oder zwanghaft verbindet. Aber Pflicht heißt eben auch: Es ist selbstverständlich. Was ich tue, gehört zu der Aufgabe, die ich übernommen habe, auch wenn es mal keinen Spaß macht.
Ich möchte ganz bestimmt nicht als spießig gelten und schon gar nicht als gedankenloser Pflichtmensch. Ich finde natürlich auch: Wo Menschen sich engagieren, muss man dem Wertschätzung entgegen bringen. Aber genauso wichtig ist es, dabei nicht aus dem Blick zu verlieren, dass ein Tun schlicht und einfach auch selbstverständlich sein kann, im Gellertschen Sinne also eine Pflicht.
Wie um den Gedanken von der Pflicht in der Balance zu halten, hat Gellert ein anderes Lieblingswort, das geradezu gegensätzlich dazu scheint. Es heißt: Glück: „Dass ich das Glück der Lebenszeit in deiner Furcht genieße und meinen Lauf mit Freudigkeit, wenn du es willst, beschließe." (EG 451) Die Welt ist zum Glück des Menschen geschaffen. Gott will für den Menschen und sein Leben das Gute. Dieser Gedanke ist weit entfernt vom Zungenschlag falscher Demut und stoischer Pflichterfüllung. Aber ganz nah bei der Empfindung: Wer das Glück seiner Lebenszeit begreift, lebt dankbar.



