
Von Monika Renninger, Stuttgart, Evangelische Kirche
Glocken
Donnerstag, 03. Mai 2012
Wenn ich nachts unruhig bin und aufwache, dann höre ich auf die Glockenschläge vom nahen Kirchturm. Es tröstet und beruhigt mich, die Viertelstundenschläge und die Uhrzeit mit zu zählen. Die Nacht ist nicht so dunkel und nicht so unendlich, wenn ich mich an den Glockenschlägen orientieren kann.
Mir ist bewusst, dass es nicht allen so geht. Aber bei mir ist es so: Wenn die Glocken aus irgendeinem Grund nicht in der gewohnten Weise den Rhythmus des Tages und der Nacht anzeigen, fehlt mir etwas. Am liebsten ist mir der Moment, wenn am Samstagabend mit allen drei Glocken der Sonntag eingeläutet wird: Der Alltag klingt aus, der Sonntag beginnt.
Der Klang der Glocken kann Verschiedenes bedeuten. Zum Beispiel: Achtet auf die vergehende Zeit. Oder: Der Gottesdienst beginnt. Oder: Lasst uns beten. Oder: Jetzt wird ein Kind gesegnet. Oder: Nun wird ein Mensch zu Grabe getragen.
So kennt man die Glocken: als Instrument der Kirche. Obwohl es sie schon lange vorher gab. Seit der Zeit der ersten christlichen Kaiser Konstantin und Theodosius werden Glocken geläutet, um die Gläubigen zusammenzurufen. Doch nicht nur in der Kirche gibt es Glocken: Viele Rathäuser haben Glockenspiele, bei Feuergefahr wurde ein Sturmglocke geläutet, auch die Gerichtsglocke kennt man, das Armesünder-Glöcklein.
Die Glocken sind aber auch wirklich ein Instrument: Das Glockengießen braucht nicht nur ein besonderes handwerkliches Geschick, es ist auch eine hohe musikalischer Kunst. Denn in einem Geläut werden die Töne der Glocken aufeinander abgestimmt.
In den Kirchengeläuten hat jede Glocke einen eigenen Klang und einen eigenen Namen: Es gibt zum Beispiel die Friedensglocke, Taufglocke, Betglocke. In der Regel ist ein Bibelspruch eingraviert. Und oft weiß man aus den Kirchenbüchern, welche Personen oder Kreise aus der Gemeinde für sie das Geld zusammen getragen haben. An meiner Kirche hat das Geld für die vierte Glocke nicht gereicht, sagt die Gemeindechronik, eigentlich sollten alle vier ein Te Deum singen.
Heute hört man übrigens die Glocken da, wo ich wohne, nicht mehr sehr weit. Die Stadt ist lauter: die Autos, Motorräder und Busse, die Musik aus den geöffneten Fenstern der Nachbarn, die Baustellen, der nahe Bahnhof. Umso tröstlicher, wenn ich sie dann doch höre, die rufenden und singenden Glocken, die meinen Alltag unterbrechen. Denn jeder Glockenschlag erinnert mich an das Leben. Das ich nicht meinem Können und Produzieren verdanke, sondern Gott.



