Gott in der Arbeitswelt ?
Sonntag, 29. April 2012
Wolf-Dieter Steinmann trifft Esther Kuhn-Luz, Wirtschafts- und Sozialpfarrerin beim KDA in Stuttgart
Pfarrerin „draußen"
Esther Kuhn- Luz ist Pfarrerin. Nicht in der Gemeinde, sondern quasi „draußen". In der Arbeitswelt als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin. Dort bringt sie ihren Glauben ein. ZB. indem sie kritische Fragen stellt.
Wir sind in einer Leistungsgesellschaft? Hej, war nicht Leistung unser Gott, sondern der gnädige Gott.
Arbeitswelt kann gnadenlos sein, erlebt Esther Kuhn- Luz. ZB. wenn die Arbeit das Leben in Beschlag nimmt. Wie eine Abteilungsleiterin ihr erzählt hat.
Ich habe mir dann Stück für Stück den Sonntag zurückerobert. Ich merke wie wichtig es ist, einen Tag in der Woche zu haben, der eine ganz andere Zeitkultur hat.
Arbeit ist wichtig, darum soll sie gut sein. Dazu will sie als Pfarrerin beitragen.
Seit fast 30 Jahren ist Esther Kuhn- Luz Pfarrerin. Auch in der Gemeinde. Aber immer wieder hat es sie in die „normale" Arbeitswelt gezogen: Gleich nach dem Studium ein halbes Jahr Industriepraktikum. Anfang der 1990 er Jahre Aufbau der kirchlichen Betriebsseelsorge in Böblingen.
Und seit 6 ½ Jahren ist sie als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin eines der Gesichter des KDA, des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt.
Sie freut sich auf den 1. Mai. Der „Tag der Arbeit" bedeutet ihr was. Sie freut sich auf die Kundgebung in Stuttgart mit dem DGB Vorsitzenden. Auf viele Kolleginnen und Kollegen aus den Betrieben, die sie als Wirtschafts- und Sozialpfarrerin schätzen. Und aufs Thema: „Gute Arbeit für Europa". Sie sieht „gute" Arbeit in Gefahr. Durch Entgrenzung. Was eine Abteilungsleiterin ihr erzählt hat, ist symptomatisch.
Meine Arbeit kam nie an ein Ende und ich hab dann gemerkt: Entweder ich verändere das oder ich komm an mein Ende und bin in ein paar Wochen in der Psychiatrie. Und dann hat sie gesagt: 'Ich hab mir Stück für Stück den Sonntag zurückerobert. Ich schreibe jetzt keine Mails mehr am Sonntag.' Ihre Mitarbeitenden waren sehr dankbar. Das hatte große gute Auswirkungen.
Die einen droht die Arbeit aufzufressen, andere können kaum leben von ihrer Zeitarbeit. Und zu viele sind erwerbslos. Esther Kuhn- Luz begegnet verschiedenen Menschen und Sorgen.
Die Menschen, die erwerbslos sind, sind in unserer Gesellschaft so was von ausgegrenzt. Das ist ein materielles Problem, es ist aber nachher auch ein menschliches Problem und das Schlimme ist, dass das die ganze Identität betrifft, dass Menschen nur noch „Hartz IV- Bezieher" heißen.
Sie ist „daheim" in der modernen Arbeitswelt. Inzwischen. Von Haus war sie ihr fremd. Wie mir auch und vielen Theologen. Sie hat gegengesteuert, nach dem Studium, vor fast 30 Jahren.
Als Pfarrerstochter habe ich gemerkt, der Bereich der Erwerbstätigkeit ist mir eigentlich sehr fremd. Ich war drei Monate Greiferin und Packerin bei Opel in Rüsselsheim und danach gab es noch ein Praktikum bei der Gewerkschaft und das ist natürlich die Prägung, die mir auch meinen Blickwinkel gibt.
Bewusst fremde Erfahrungen suchen. Das täte gut für jeden Beruf. Bei Esther Kuhn-Luz ist das ein Markenzeichen: Sie muss mit vielen können: Mit Erwerbslosen und Führungskräften. Manchmal spürt sie Misstrauen, ob sie nicht 'Partei' ist.
Bei den Führungskräften kam einer auf mich zu und sagte: 'Ich war ja ziemlich sauer, dass Sie hier eingeladen wurden, weil ich gelesen habe, dass Sie da beim DGB gesprochen haben. Aber ich muss sagen, Sie haben was zu sagen.'
Da könnte ich ihm sagen: Wissen Sie, als Pfarrerin gehört man nicht auf die eine oder andere Seite. Sondern wir gehören zu den Menschen.
Mit ihren Fragen. Sie hält viele Vorträge. Leitet Wochenenden im Kloster. Da kommen die Fragen leichter: 'Bin ich noch Herr in meinem Leben oder verliere ich mich?' Für sie als Pfarrerin gehört das zusammen: Der Glaube an einen gnädigen Gott und dass Menschen menschlich leben können.
Jesus, der nicht sich in den Tempel gesetzt hat, sondern der immer zu den Menschen gegangen ist, um mit zu bekommen, wie geht es den Menschen. Da finde es insgesamt ganz notwendig, dass Kirche vielmehr nach außen geht.
Ich spüre, ihre Arbeit macht Esther Kuhn-Luz Spaß, gibt ihr Sinn. Weil sie vielen Menschen begegnet und zwar oft dann, wenn es für die um viel geht.
Dort sollte eine junge Türkin gekündigt werden. Die Frau war Muslima, ich bin Pfarrerin. Die Frau hat nachher zu mir gesagt, es war für mich so wichtig, dass Sie als Frau der Religion da waren.
Gute Arbeit
Wir treffen uns nicht in ihrem Büro, sondern bei ihr zu Hause. Für die 54 -jährige kein Problem. Diese Wohnung ist offen. Andererseits: Im Laufe des Gesprächs wird mir klar: Wenn man die Arbeit in die Wohnung lässt, das ist nicht ungefährlich: Sie könnte sich immer weiter ausbreiten. Esther Kuhn- Luz findet, darum müssen wir gegensteuern.
Ich bin froh, dass das Thema Burnout mich gefunden hat. Großes Stichwort ist das Thema Einsicht in die eigenen Grenzen. Mir gefällt das mit diesem „ora et labora". Labora steht für alles Aktive, Zielorientierte und Erfolgreiche. Aber dann muss es auch immer wieder diese „ora" geben, Zeit der Besinnung zu haben, Zeit für mich zu haben, und das muss in einer guten rhythmischen Wellenbewegung sein.
Gute Arbeit braucht Grenzen. Ich muss da auch aufpassen. Für Esther Kuhn-Luz gehört noch mehr zu guter Arbeit: Kollegialität und vor allem Wertschätzung. Nicht nur Finanzielle.
Es geht den Leuten auch um die wirklich menschliche Anerkennung. Zu sagen 'ich danke Ihnen für Ihre Arbeit.' Dh. Gute Arbeit braucht direkte Begegnung. In unserer Zeit können wir alles per Mail machen. Die jeweiligen Führungskräfte merken aber wie wichtig es ist, zu den Mitarbeitenden wieder hinzugehen.
Wertschätzung. Als politisch denkende Pfarrerin ist für sie aber auch Mitbestimmung wichtig und: Schluss damit, Berufe nur als „Zuverdienstberufe" zu bezahlen. Was ja vor allem Frauen trifft.
Lauter honorige Forderungen, denke ich: Aber wie kommt sie dazu als Pfarrerin? Sie liest die Bibel, sagt sie, für heute. ZB:
Die Geschichte vom reichen Kornbauern. Vom dem wird gesagt: 'Hej, ich fordere heute Nacht Deine Seele von Dir,' sagt Gott. Warum macht er das? Weil der nicht in der Gemeinwohlökonomie gearbeitet hat, sondern nur für sich. Gute Arbeit bedeutet, dass ich mit anderen für andere zusammen arbeite.
Erstaunlich wie direkt biblische Erfahrungen moderne Verhältnisse kritisieren und Maßstab geben. Auch für Kirche und Diakonie als Arbeitgeber.
Da machen wir als KDA uns auch manchmal ein bisschen unbeliebt: Wenn wir nach außen hin gute Arbeit unterstützen, dann muss das auch gute Arbeit in der Kirche sein. Auch eben mit guten Löhnen, es darf keine Zeitarbeit geben.
Esther Kuhn- Luz macht mich eindringlich aufmerksam: Das Thema Arbeit müsste in Kirche und Gemeinde viel präsenter sein. ZB. bei jedem Taufgespräch.
Wie arbeitest Du, was sind da grade Deine Themen, Deine Belastungen, Deine Freuden? Und dann wird es ein spannendes Gespräch.
Weil es dann heißt: Wir sind in einer Leistungsgesellschaft? Hej, war nicht Leistung unser Gott, sondern der gnädige Gott. Und was bedeutet das noch einmal auch im Umgang mit Arbeit.
Arbeit darf nicht alles bestimmen. Das hat sie mir ganz neu deutlich gemacht. Damit das gelingt, rät sie, den Sonntag wieder aufzuwerten. Die Woche „rumzudrehen": Sonntag nicht als letzter Tag, sondern als Anfang. Der den Takt vorgibt für die Woche und die Prioritäten des Lebens klar macht.
Das ist wirklich wichtig. Weil da geht es um einen anderen Menschen, um ein wichtiges Thema.
Der Sonntag ist der erste Tag in der Woche: Was hat Gott mir gegeben für Möglichkeiten, Fähigkeiten, Zeit, Menschen, Beziehungen? Aus diesem Nachdenken heraus dann in die Woche zu gehen.
Wenn Sie weitere Informationen zur Arbeit des KDA haben wollen, hier lesen Sie mehr..



