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Tod überwinden

Sonntag, 08. April 2012     [Druckversion]

Wolf-Dieter Steinmann trifft Günter Franzen, Analytiker und Schriftstellerbegegnungen > franzen_guenter.jpg

Protest gegen den Tod
„Er ist auferstanden" grüßen sich Christen heute überall. Gott hat den Tod überwunden. Drei Tage nach der Kreuzigung Jesu, glauben Christen.
Günter Franzen hat den Tod seiner Frau noch nicht überwunden. Nach drei Jahren nicht. Sie war seine große Liebe. Aber er kämpft und hofft auf neues Leben.

Ich habe mich nicht mit der Möglichkeit anfreunden können, dass der Tod einfach nur das Nichts ist.

Günter Franzen hat aufbegehrt, wie der Tod ihre große Liebe misshandelt hat. Ua. mit einem Buch über seine Trauer.

Es war für mich auch eine wunderbare Form, mich zu erinnern und meine Phantasie ist halt, das ist das, was ich meiner Frau zum Abschied schenken konnte, eine Art von verzweifelter Liebeserklärung.

In seiner Trauer ist er auch wieder auf Gott gestoßen. Der eigentlich aus seinem Leben verschwunden war.

Günter Franzen tut sich wie schwer mit dem Glauben an die Auferstehung und damit, ins Leben zurück zu finden. Wie sehr Günter Franzen, Analytiker und Schriftsteller, gekämpft hat, hat er in seinem Buch „Zeit des Zorns" beschrieben.
Meistens bin ich positiv gespannt, wenn ich Menschen neu treffe. Bei Günter Franzen eher beklommen, als ich bei ihm klingle. Ich habe sein Buch gelesen: „Zeit des Zorns". Offen und kämpferisch, schreibt er, über sich, über den Tod, über Menschen um ihn herum. Er hat so geschrieben, weil die Trauer so schmerzhaft war und ist. Man möge verstehen:

Dass das eigentlich Fiktionen waren rund um den Schmerz. Ich habe Äußerungen, die eigentlich harmlos waren, in einer Weise zugespitzt erfahren, dass das sozusagen karikaturhafte Momentaufnahmen zT auch waren, über die Reaktionen meiner Umgebung, der Familie.

Auch wenn er manches überspitzt hat. Ich glaube, ich verstehe, was Günter Franzen meint. Tiefe Trauer macht andere leicht hilflos. Man will schnell drüber weg heben. Den Trauernden, und sich selbst. Aber das macht Verwandlung in neues Leben schwierig.

Was ich an der Reaktion meiner Umgebung vor allen Dingen vermisst habe, war so etwas wie ein ruhiger Ernst im Umgang mit dem Ereignis. Ich glaube gar nicht, dass das Reden wichtig ist, sondern das Gefühl zu haben, dass andere Menschen dem Grauen standhalten, das ich gesehen habe, mit mir zusammen.

Alles steht still, die Welt, das Leben. So hat Günter Franzen den Krebstod seiner Frau. Mittrauern heißt, auch eine Weile mit anhalten. Günter Franzen macht niemanden Vorwürfe. Aber:

Es bleibt das Gefühl einer völligen Verlassenheit, wenn man dann so sieht wie die anderen sich sozusagen rauswinden, ihr Unbehagen artikulieren oder weiter gehen oder aufmunternde Phrasen.

Dagegen ist er als Schriftsteller besonders sensibel. Genauso wie gegen schnellen frommen Trost. Im Radio hat er Andachten gehört, da hatte er das Gefühl, er müsste seine zornigen Gefühle unterdrücken.

Aber mir kam das so vor, also als ob es fast verboten sei, mit Gott zu hadern. Ich habe ihn nicht als freundlich empfunden.

Ich muss an Hiob denken im Alten Testament. Der hadert mit Gott. Protestiert gegen sein Leid. Günter Franzen hat den Krebstod seiner Frau -ähnlich Hiob- auch als ungerecht erlebt.

Ich habe mich gefragt wie es sein kann, dass Gott so an uns wütet. Was ich so unverzeihlich finde, ist weniger der Fakt des Todes, sondern die Art des Sterbens.

Ostern lässt mich hoffen, dass Leid überwunden wird. Darum muss man sich mit so einem Sterben nicht versöhnen. Kann hoffen, dass Gott solche Wunden heilt.

Diese Aussichtlosigkeit im Hinblick auf eine Wiedervereinigung mit meiner Frau, die fand ich unerträglich. Das eigentlich hat es mir möglich gemacht, auch die Frage nach dem Sinn des Todes meiner Frau zu stellen. Das war wie eine Öffnung. Und auf diesem Weg ist es mir möglich gewesen, dieses naive Gottesbild meiner Kindheit wieder zu beleben.

Ein Gott, an den man sich anlehnen kann, und ein Himmel, der wieder finden lässt, die man verloren hat.

aufstehen ins Leben
Ich habe Günter Franzen früher nicht gekannt, trotzdem habe ich das Gefühl, Spuren der letzten Jahre zu sehen. Nicht dass er älter aussieht als seine 65. Bestimmt wirkt er. Nicht hart. Leben sehe ich. Er ist vor nichts weggelaufen. Hat seine Frau im Sterben begleitet. Und er kämpft darum, aufzustehen. Schreiben ist so ein Schritt ins Leben.

Es hat mir entsprochen, weil ich schon seit meinem mittleren Lebensalter im Schreiben mein Heil gesucht habe. Also man schreibt nur aus einem Mangel heraus.
Mit dem Buch bleibt sie ein bisschen länger in der Welt oder unsere Liebe. Das ist zumindest meine Phantasie.

Ihre Liebe lebt weiter auch in ihrer Tochter. 13 ist sie. Der Vater ist sehr wichtig für sie, aber genauso seine Tochter für Günter Franzen.

Ich hatte unsere Tochter, die hat mich sozusagen in der Spur gehalten. Aber ich könnte jetzt nicht sagen, die Zeit heilt alle Wunden. Heilt Welt - und Gottvertrauen.

Die schmerzliche Erinnerung, wie verletzlich das Leben ist, ist Günter Franzen immer noch nah. Er kann inzwischen auch wieder das Schöne im Leben sehen und genießen, aber das Misstrauen kommt leicht dazwischen.

Die Sonne scheint, es wird Frühling, damit kann ich schon etwas anfangen. Aber es hat gleichzeitig etwas Trügerisches. Also von wegen, glaube nicht, dass das anhält.

Die Zeit heilt nicht, das verstehe ich. Aber vielleicht kann heilen, wenn ich mich versöhnen kann, dass das Leben endlich ist. Und das Schöne kostbar. Und wenn es da ist: Genießen. Als Ahnung von Ewigkeit. Und wenn ich weiß, dass das Leben endlich ist, kann ich vielleicht auch anders leben.

Ich hätte den Eindruck, man geht mit sich und anderen vorsichtiger um, wenn man diese Ahnung zuließe, dass das Leben endlich ist und unter Umständen unschön endet.

Günter Franzen hat dennoch den Mut gefunden, eine neue Beziehung einzugehen. Allerdings: Beerdigt werden will er neben seiner Frau.

Das ist jetzt mein Versuch, mich aufs Leben zu zu bewegen ohne diese Liebe zu verraten. Vielleicht eine etwas eigenartige Konstruktion, aber da stehe ich jetzt so.

Ich spüre, er wünscht sich, dass die Sterbenserfahrung sein Leben nicht weiter vergiftet. Darum denkt er nach, noch ein Buch zu schreiben. Von einem Leben „nach dem Zorn."

Jeder Schritt, den ich ins Helle tue, ist davon bedroht, dass es sich verdunkelt. Ich merke das auch aktuell, dass ich mir noch einmal therapeutische Hilfe von außen suchen muss. Also einfach mehr Sicherheit zu bekommen, ob ich jetzt dazu verurteilt bin, mit dieser Amputation zu leben, oder ob es eine andere Wendung noch mal gibt. Ich versuche mich nur, offen zu halten.

Offen halten. Für mich ein anderes Wort für „leben". Ich verbinde damit auch, sich offen halten für überraschende Möglichkeiten Gottes. Ewigkeit. Jenseits des Todes. Auch wenn der Verstand sich da schwer tut. Ich hoffe fest, dass Gott wahr macht, was Günter Franzen sich wünscht: Auferstehung.

Ich möchte nicht im Wartezimmer des Todes sitzen bleiben. Mit welchen Erwartungen sich das verbindet, das weiß ich nicht. Diese Auferstehung wäre schön. Ich würde es mir sehnlich wünschen.

 Buchtipp:

 begegnungen > zeitdeszorns.jpg

Günter Franzen;
Zeit des Zorns
Verlag Kreuz  2011
ISBN 978-3-451-61042-4

18,95 Euro

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