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Harry Waßmann

Von Harry Waßmann, Tübingen, Evangelische Kirche

Gottes-Teilchen

Donnerstag, 12. Januar 2012     [Druckversion]

Wo soll man Gott suchen?
Wenn ich höre, ein Mensch sucht Gott, denke ich zuerst an bohrende Fragen und schwere Lebenssituationen. Doch Menschen suchen Gott auch aus anderen Gründen.
Aus Neugier. Aus wissenschaftlicher Neugier: Wenn Gott ist - wo ist er dann?
In einer Pressemeldung vor ein paar Wochen hieß es:
„Cern-Forscher erspähen Spuren des Gottesteilchens"(13.12.2011) Sind Atomphysiker Gott auf die Spur gekommen?
Oder wenigstens einem Teil von ihm? Worum geht es?
Im Kernforschungszentrum Cern bei Genf untersuchen Physiker in einem 27 km langen, unterirdischen Teilchenbeschleuniger die Bedingungen, wie Materie entsteht.
Alle Elementarteilchen der Urmaterie seien bekannt - bis auf das noch nicht nachgewiesene so genannte Higgs-Teilchen, benannt nach dem schottischen Physiker Peter Higgs.
Wer nun das letzte Detail der Entstehung von Materie entdeckt - so die Annahme - kann auch die Entstehung der Welt erklären und hat damit angeblich auch Gott in die Karten geguckt.
Diese Annahme rührt her von einer großen Tradition europäischer Philosophie.
Der gilt Gott als prima causa, als erste Ursache allen Seins.
Und die Theologen - die Gotteswissenschaftler - sie haben das lange Zeit auch so behauptet: Gott ist die Ursache der Schöpfung - Physik und Metaphysik - die Natur und das Übernatürliche ­- haben den einen Ursprung: nämlich Gott.
Doch ganz so schwer erforschbar und verborgen wie das Higgs-Teilchen verhält sich der Gott der Bibel nicht.

Fassbar für immer, festlegbar für immer - das will er zwar nicht sein:
„Ich bin, der ich bin - ich werde sein, der ich sein werde." Das lässt Gott Mose so wissen - auf die Frage, wer er sei - und was sein Name sei. (2. Mose 3)
Und doch hat sich Gott identifizierbar geoutet, verbindlich. Nicht in einem Riesen - aber auch nicht in einem winzigen Elementarteilchen.
Christen sagen: In einem Stall - in der Krippe - in einem Kind - in Jesus - da ist Gott fassbar. Das ist sein menschliches Elementarteilchen.
Da ist Urmaterie seiner Zuwendung zu seinen Geschöpfen, zu Menschen und Tieren -zu seiner ganzen Schöpfung.
Viele Physiker glauben an das Higgs-Teilchen, auch wenn sie es nicht gesehen haben.
Möge es ihnen bald gelingen, es nachzuweisen. Ein Nobelpreis winkt für die Entdeckung.
Für alle, die darüber hinaus auch einen sinnlich-spürbaren Gott suchen, empfehle ich:
Sucht ihn in der Krippe, sucht ihn bei den Kindern, den Sanftmütigen, den Friedensstiftern, bei den Menschen, die leiden und von seinem Heiligen Geist getröstet werden.
Da habe ich ihn gefunden.

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