Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W



Frithjof Schwesig

Von Frithjof Schwesig, Ulm, Evangelische Kirche

Miteinander

Dienstag, 18. Oktober 2011     [Druckversion]

Früher, bevor es Radio und Fernsehen gab, kannte man den Feierabend. Alte Leute erzählen einem: Da saßen die Alten mit den Enkeln auf der Ruhebank vor dem Haus. Die Arbeit war getan und man konnte einfach nur so dasitzen und nachsinnen. Dabei wurden Erinnerungen wach und man kam ins Erzählen.
Die Alten haben aus ihrer Lebensgeschichte erzählt, von den guten Tagen, die sie hatten, aber auch von der schweren Zeit im Krieg. Und so sind die Genera­tionen miteinander ins Gespräch gekommen. In den Lebens­geschichten der Alten lagen verborgene Schätze, die von den Enkeln entdeckt werden konnten und von denen sie profitierten. So haben die Enkel zum Beispiel gelernt, dass das Älterwerden nicht nur Verfall ist, sondern ein Reichtum an Erfahrung. In den Geschichten ihres Lebens haben die Alten ihren Enkeln zugeflüstert: „Das Leben ist zu schaffen! Auch du kannst es!"
 „Nehmt einander an!", fordert die Bibel die Jungen und die Alten auf. Denn die Bibel findet es wichtig, dass die Generationen zusammenkommen, um voneinander zu lernen.
Heute gibt es diesen Feierabend nicht mehr. Schade, eigentlich! Denn wenn junge Menschen keinen Kontakt zu alten Menschen haben, dann gibt es für sie auch keine Gelegenheit, im Miteinander zwischen Jung und Alt Erfahrungen zu sammeln. Die Folge ist, dass Alt und Jung oft wenig voneinander wissen und folglich wenig voneinander profitieren können. In der Begegnung zwischen ihnen wachsen Unsicherheiten, weil die Begegnung durch Vorurteile belastet ist.
Um Brücken zu schlagen zwischen den Generationen gibt es in manchen Kirchengemeinden ein Erzählcafe. Dort treffen sich 13- und 14-jährige Konfirmanden zu einer Gesprächsrunde mit der Generation der 60- und 70-Jährigen. Zum Beispiel über das Thema: „Konfirmation damals und heute". Die Jungen fragen bei den Älteren nach: Wie war das Lebensgefühl der Jugendlichen damals? Welche Träume und Hoffnungen hatten sie? Und was bedeutete ihnen Konfirmation, Glaube und Kirche? Und die Älteren fragen die Jungen: Welche Vorstellungen vom Leben habt ihr? Was bedeutet euch Gott, Glaube und Kirche? Darüber tauschen sich die Generationen aus - und kommen sich so näher. So kann es gelingen, Vorurteile aus dem Weg zu räumen. Viele sagen, wir brauchen eine Solidargemeinschaft der Generationen. Vielleicht kann so etwas in diesen Erzählcafes entstehen.
 „Nehmt einander an!", fordert die Bibel die Jungen und die Alten auf. Eine Möglichkeit ist das Erzählcafe. Sie ist eine gute Idee, die Schule machen sollte. Denn einander verstehen kann man erst, wenn man von einander weiß!