Manuskripte

SWR4 Abendgedanken B-W



Martin Denger

Von Martin Denger, Karlsruhe, Katholische Kirche

Immer gestresst?

Montag, 23. Mai 2011     [Druckversion]

Immer wenn ich zu einer Beerdigung gerufen werde, treffe ich mich vorher mit den Angehörigen zu einem Gespräch. Eine junge Frau hat mir bei so einem Trauergespräch über das Leben ihrer Oma erzählt. Über einen Satz aus diesem Gespräch habe ich immer wieder nachgedacht. Sie sagte: „Meine Oma hat immer viel gearbeitet, aber sie war nie gestresst." Kaum zu glauben, oder? Vor allem in den Jahren nach dem Krieg gab es doch sehr viel zu tun! Häuser mussten wieder aufgebaut werden, Nahrungsmittel waren häufig knapp. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass damals viele Menschen gelassener oder sogar glücklicher waren. Heute leben wir viel sicherer und in größerem Wohlstand.  Viele setzen sich aber unter Druck, weil sie ihre Zeit so gut wie möglich nutzen wollen. So auch die junge Frau aus dem Trauergespräch. Sie sagte: „Ich bin eigentlich immer gestresst." Mir geht es oft ähnlich: Selbst bei ganz vollen Tagen habe ich abends das Gefühl, nur die Hälfte geschafft zu haben.
Ich will an dieser Stelle nicht darauf hinaus, dass früher alles besser war. Das Leben dieser jungen Frau ist sicher vielseitig und unabhängig: Sie hat einen guten Beruf, eine eigene Wohnung und kann tolle Reisen unternehmen - ein Leben, von dem ihre Großmutter damals nur träumen konnte. Auch ich fühle mich oft nur deshalb gestresst, weil sich so viele Möglichkeiten bieten: Alles kann noch gesteigert und verbessert werden. Ich kann gar nicht mehr richtig genießen, was ich bereits habe. Aber was kann ich tun, damit ich nicht ständig im Hamsterrad laufe? Gut wäre es, einen Blick für das Ganze zu entwickeln. Unterscheiden zu können, was wirklich zählt und was nur eine kurze Mode ist. Von ihrer Oma erzählte mir die junge Frau, dass sie oft in der Bibel gelesen hat. Vielleicht hat ihr das geholfen, den Blick für das Ganze zu schärfen. Auch ich werde immer wieder überrascht, wenn ich biblische Geschichten lese. Wer in der Bibel nur fromme Geschichten erwartet, der wird enttäuscht. Es geht oft drunter und drüber. Die Bibel stellt uns Menschen vor, die geliebt, gekämpft, getrauert und gefeiert haben. Und so viel hat sich seit damals gar nicht geändert. Gerade weil diese Geschichten so zeitlos sind, geht mir dabei immer wieder ein Licht auf. Denn ich werde herangeführt an die Fragen, die das Leben der Menschen zu allen Zeiten bestimmen: Wie kann ich gut mit anderen zusammen leben und arbeiten? Was lohnt sich wirklich? Wo ist Gott? Mit diesen Fragen bekomme ich das Ganze in den Blick. So kann ich gegenüber dem alltäglichen Stress gelassener werden.