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Manuela Rimbach-Sator

Von Manuela Rimbach-Sator, Oppenheim, Evangelische Kirche

Pro Allmende

Mittwoch, 11. August 2010     [Druckversion]

Gemüse, Salat und Obst im eigenen Garten anbauen - das macht unabhängig vom Angebot im Supermarkt. Aber nicht nur das: Es hilft, sich gesund zu ernähren und der Natur näher zu kommen.
Der Verein Pro Allmende vermittelt Gärten aus kommunalem Besitz an Geringverdiener und verbindet damit auch ein soziales Anliegen.

Teil 1
Unabhängig sein. Autark. Sich selbst versorgen können und selbst über mein Leben bestimmen, zum Beispiel in dem, was ich esse.
Im Keller meiner Eltern stehen leere Vorratsgläser in allen Größen und für alles Mögliche: für Gewürze und Obst, Gefäße zum Einfrieren von Vorgekochtem oder zum Trockenlagern.
Die Generation, die die Entbehrungen von Kriegs- und Nachkriegszeit überstanden hat, ist geübt darin, Vorratshaltung zu betreiben und aus dem eigenen Garten zu wirtschaften.
Da lagern Kartoffeln, Zwiebeln und Äpfel.
Wenn überraschend Besuch kommt, werden Waffeln gebacken und das Einmachglas mit Kirschen dazu aus dem Keller geholt. Und zum Mittag gibt es eine leckere Gemüsesuppe mit Karotten, Bohnen und Erbsen aus dem Garten.
Die verlockenden Angebote aus dem Supermarkt waren meinen Eltern immer ziemlich egal, denn mit ihrem Gärtchen waren sie ganz unabhängig davon. Ihre Erdbeeren und Pfirsiche waren von betörendem Aroma.
Solche Unabhängigkeit war stets ganz selbstverständlich für meine Mutter. Der Rhythmus des Jahres war ihr in Fleisch und Blut übergegangen. Sie wusste, wann die Tomaten vorzuziehen und wann sie einzupflanzen waren, wann es hieß, dass die Bohnen gelegt werden müssen und wann es an der Zeit war, die Pflaumen zu Latwerge zu verarbeiten. Das alles gehörte ganz selbstverständlich zu ihrem Leben dazu.
Autarkie nennt man diese Haltung. Dabei ist das Ziel: unabhängig zu sein von der Versorgungslage in der Region.
Autarkie liefert mehr als nur einen vollen Vorratskeller. Meine Mutter fühlte sich damit auch immer frei, zufrieden und unabhängig.
Autarke, unabhängige Menschen gibt es auch in der Bibel. Unabhängig zu sein von dem, was andere für ihn übrig haben - das ist das Lebensprinzip des Apostels Paulus. Er schreibt an die Christengemeinde in der Stadt Philippi:

Ich habe gelernt, autark zu sein, wie's mir auch geht. Ich verstehe, mich einzuschränken und ich verstehe im Überfluss zu leben; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, es reichlich und es karg zu haben; ich vermag alles durch den, der mich stark macht, Christus. (Phil 4, 11-13)

Für Paulus ist es wichtig, wirtschaftlich unabhängig zu sein, denn diese Autarkie bedeutet auch eine Unabhängigkeit und Freiheit im Denken. Er will von keinem Menschen abhängig sein, weil er sich nur gegenüber Christus in der Verantwortung sieht.
Die Idee des Apostels Paulus verfolgt auf seine Weise auch der Verein „Pro Allmende". Er will Kommunen dazu bringen, dass man Bedürftigen ein Stück Land zur Verfügung stellt, damit sie sich aus dem eigenen Garten ernähren können, wenn zum Beispiel ihr Einkommen nicht reicht.

Teil 2
Otto Schätzel ist der Leiter der Weinbauschule in Oppenheim und gehört zu den Gründern des Vereins „Pro Allmende". Der Name des Vereins ist zugleich das Programm. Allmend bedeutet Allgemeingut. „Pro Allmende" will sich dafür einsetzen, dass Bedürftige bei uns von der Gemeinschaft Land zur Verfügung gestellt bekommen, um dort Obst und Gemüse anbauen zu können.

Otto Schätzel:
Der Gedanke ist mir gekommen, als ich in Ungarn und Georgien beruflich im Einsatz war. Da habe ich erlebt, dass gerade in Ungarn in größeren Ortschaften sehr viel autarke Ernährung vorherrschte. Dort haben die Menschen, die normal in der Fabrik arbeiten oder vielleicht auch kleinere Beamte sind, die haben hinter ihrem Hof noch Stallungen angebaut, wo sie Schweine halten, Hühner halten, Hasen halten, und hinter den Stallungen ein kleines Grundstück wo sie dann die Futtermittel für diese Tiere erzeugen und ihre Bedürfnisse so abdecken.

Das Prinzip der Allmendfelder gibt es schon lange.
Allmendfelder waren Grundstücke für bedürftige Menschen, die nach dem 2. Weltkrieg zugezogen waren, in der Mehrzahl Flüchtlinge aus den ostdeutschen Ländern eben gewohnt waren, sich autark zu ernähren.

Das waren die Schlesier, das waren die Ostpreußen, das waren eben auch viele, die Arbeiter waren auf großen Höfen und dort wurde ja schon dieser Dialog seit Jahrhunderten hergestellt, seit Friedrich dem Großen, der seinen Großgrundbesitzern empfohlen hat, den Leuten auf dem Hof Grundstücke zuzuteilen. Und auf den großen Höfen der ostdeutschen Gebiete war diese Allmende, also dieses zugeteilte Land, ein Teil des Lohnes.

In Oppenheim am Rhein denken seit einiger Zeit die Bürger in vielen Veranstaltungen darüber nach, wie man der zunehmenden Armut begegnen kann. So hat z.B. die evangelische Kirche den Fachmann für Weinbau und Landwirtschaft Otto Schätzel zu einer Podiumsdiskussion eingeladen. Der erinnerte sich daran, dass nach dem 2. Weltkrieg die Gemeinden insbesondere für die Ärmeren, das waren damals die Flüchtlinge, die neu Zugezogenen, sogenannte Almendfelder eingerichtet haben.

Das sind kleine Pflanzstücke die zugeteilt worden sind auch nach sozialem Einkommen, die den ärmeren Bevölkerungsschichten die Möglichkeit gegeben haben, sich selbst zu ernähren. Dort wurden Kartoffeln angepflanzt, Gemüse angepflanzt, es wurden dort Hasen gehalten, Kaninchen gehalten und Obst bis zu kleinen Weinbergen vorgehalten.

Und das hat dazu geführt, dass man sich autark ernähren konnte.

Teil 3
Autarkie - das heißt Selbständigkeit. Den Menschen die Autarkie buchstäblich schmackhaft zu machen, das heißt den Anbau von ökologisch und gesundheitlich wertvollen Nahrungsmitteln zu fördern.  Bedürftige Familien sollen von der Kommune Pachtland bekommen, um es für den Eigenbedarf zu bewirtschaften. Das will der Verein „Pro Allmende e.V.".
Das ganze Jahr über sind Gemüse und Obst im Supermarkt verfügbar, unabhängig davon, wann es bei uns reif ist - das sehen die Mitglieder des Vereins pro Allmende e.V. mit Besorgnis.
Otto Schätzel, Vorstandsmitglied des Vereins, sieht erstens, dass die Bevölkerung sich zunehmend nicht mehr so gesund ernährt und die Lebensmittel aus der Tiefkühltruhe zunehmend mehr gebraucht werden,

das Zweite ist dass die Kenntnisse der Herkünfte der Lebensmittel nicht mehr bei Kindern und deren Eltern vorhanden sind und
das Dritte ist, dass es Kreise in unserer Gesellschaft gibt, die einfach nicht mehr das Notwendigste zum Leben haben.

Und genau die sollen unterstützt werden. Damit die aber ein Allmendfeld bewirtschaften können, dazu braucht es einen Verein, der das alles in die Wege leitet und den Menschen die Würde und den Wert, der in  dieser Arbeit liegt, vermittelt, so Otto Schätzel.

Das ist die große Herausforderung, dass man in dieser Arbeit  den Menschen  den Sinn der Lebensmittelproduktion erläutert,  und sie nicht wiederum degradiert in der Gesellschaft und sie in die Ecke stellt derer, die können sich das nicht leisten, die müssen sich das ja selbst im Garten erzeugen.

Otto Schätzel weiß, dass einige Menschen schon wieder auf den Geschmack der Autarkie gekommen sind. Buchstäblich.

Es gibt wieder die Rückbesinnung auf die Erzeugung von gesunden Nahrungsmitteln. In diesen Trend müsste man auch den ärmeren Teil der Bevölkerung mit rein nehmen und sagen: Es ist keine minderwertige Arbeit, es ist eine sinnvolle Arbeit, die dir Freude macht und dir letztlich die Natur wieder nahe bringt, 
und damit ist die Kirche auch gefordert,

...indem sie hilft, diese Idee weiterzutragen und umzusetzen. Der Apostel Paulus jedenfalls wäre bestimmt davon begeistert. Den Ärmsten unter uns die Möglichkeit zu geben, sich gesund zu ernähren und dabei wirtschaftlich autark zu sein, das wäre ganz in seinem Sinne. Dann wären diese Ärmsten unter uns auch diejenigen, die allen im Land mit gutem Beispiel vorangehen würden: Gesunde Ernährung und die Wertschätzung von Obst, Gemüse und anderen Nahrungsmitteln aus der Region. Das wäre für alle ein erstrebenswertes Ziel.
Ich wünsche mir, dass viele Menschen mitmachen bei diesem Plan von Pro Allmende e.V..

Wenn Sie mehr davon wissen oder gerne mitmachen möchten bei Pro Allmende, wenden Sie sich an den Vorsitzenden Dr. Jürgen Micksch.
Er ist täglich erreichbar  unter der Darmstädter Telefonnummer 06151 33 99 71;
oder schreiben Sie an „Pro Allmende" in der Goebelstraße 21 in 64293 Darmstadt.

 

Kleidung-eine innere Haltung

Mittwoch, 16. Juni 2010     [Druckversion]

Wie waren Sie eigentlich gekleidet, als Sie einmal einen wichtigen Schritt in Ihrem Leben gegangen sind? Was ist die angemessene Kleidung für besonders wesentliche Momente? Und wie verändert die Kleidung unsere innere Haltung?

Teil 1
Festlich gekleidet schreiten die Jugendlichen auf die Kirche zu. Die Kleidung macht sie sehr erwachsen. Und ums Erwachsenwerden geht es bei diesem Fest. Es ist ihre Konfirmation. Die Kleidung passt sehr gut zum Anlass.
In diesen Tagen feiern viele evangelische Gemeinden das Fest der Konfirmation. In den katholischen Gemeinden  werden Jugendliche gefirmt.
Was mag sie wohl erwarten, und sind sie dafür gut ausgerüstet? Was braucht ein Mensch für den Schritt ins Leben? Und ist die Kleidung dabei womöglich hilfreich?
Gibt es für den Schritt ins Leben eigentlich speziell geeignetes Schuhwerk?
Und wenn es so wäre: Müssen diese Schuhe eher besonders robust und stabil sein oder eher flexibel und wandlungsfähig?
Früher, vor 30, 40 Jahren oder noch davor, fiel die Schulentlassung im Frühjahr mit dem Fest der Konfirmation zusammen. Wenn Leute aus meiner Gemeinde nach 50 Jahren ihre Goldene Konfirmation feiern, dann erzählen sie manchmal von: „Damals, als ich aus der Schule gekommen bin. Was waren wir schick!  Wir Mädchen haben Handschuhe gehabt und ein weißes Kränzchen im Haar. Die Jungs haben alle einen schwarzen Anzug angehabt und eine Krawatte."
Sie unterscheiden sich gar nicht so sehr von den Konfirmanden von heute. In unserer Gemeinde ist gerade wieder schwarze, eher traditionelle Kleidung im Trend. Die Konfirmation, - auch die katholische Firmung - steht heute nicht mehr am Ende der Schulzeit und ist doch ein Fest, das die 14jährigen Jugendlichen mit großer Ernsthaftigkeit begehen. Sie empfinden wie die Generationen vor ihnen: Es ist das Fest an der Grenze zum Erwachsenwerden. Und sie feiern es sehr nachdenklich und legen heutzutage viel Wert auf die rechte Kleidung zu diesem Anlass. Die Mädchen tragen dazu häufig vornehme, hochhackige Schuhe. Ganz anders als im Alltag.
Nicht immer sind sie wirklich geübt darin, mit hochhackigen Schuhen zu laufen. Und auch das passt ja ins Bild: Erwachsen-sein - das passiert nicht von heute auf morgen. Bis einem Erwachsenen-Schuhe passen, braucht es schon einige Übung. Und bei manchen Schritten ins Leben haben wir den Eindruck, dass uns die Kleidung nicht von Anfang an passt und wir erst noch hineinwachsen müssen und lernen müssen, uns darin zu bewegen.
Uns Frauen sagt man ja nach, dass wir so gerne Schuhe kaufen. Die Großmutter einer Konfirmandin verriet mir dagegen, dass das bei ihr ganz anders ist und dass sie überhaupt nicht gerne neue Schuhe trägt.
„Meine alten Füße sind froh, wenn sie in den bequemen, ausgetretenen Schuhen laufen dürfen," lacht sie und meint: Das ist ja wie im richtigen Leben. Wenn man sich mal mit einer Haltung angefreundet hat, ist es nicht so leicht, sie abzulegen. Oder gegen eine unbequemere einzutauschen."
Dort, wo eine bestimmte Kleiderordnung vorgeschrieben ist, spricht man vom Dresscode. Gibt es einen Dresscode, der Christen auf ihrem Lebensweg oder in ihrer Glaubenshaltung unterstützt?

Teil 2
Welche Schuhe trägt man für schwierige Wegstrecken?
Im Alten Testament der Bibel gibt es eine Geschichte, in der jemand seine Schuhe ausziehen muss für die schwierigste Wegstrecke in seinem Leben.
Mose soll sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten herausführen. Und da passiert ihm Folgendes:

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.
Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde.
Da sprach er:
„Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt."
Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach:
„Mose, Mose!"
Er antwortete:
„Hier bin ich."
Gott sprach:
„Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!"

(Ex 3, 1-5)

Ausgerechnet in dem Moment, als Mose von Gott für eine große Aufgabe berufen wird, soll er barfuß sein. Ungeschützt gegen die Hitze des brennenden Busches, gegen spitze Steine oder die Schlangen in der Steppe.
In dieser Geschichte sind die Schuhe ein Sinnbild für das, was uns verhüllt und schützt. Was übrigens in der Wortbedeutung des deutschen Wortes „Schuhe" auch enthalten ist.
Und dass Gott von Mose verlangt, ungeschützt vor ihn zu treten, könnte bedeuten: Mose soll sich ganz und gar auf die Begegnung mit dem Heiligen einlassen. Ohne Vorbehalt. Die staubigen Schuhe des Alltags soll er ablegen und ohne Ver- Kleidung vor Gott treten. Mit festem, unmittelbarem Kontakt zum Boden. Wer Kontakt aufnimmt mit dem Himmel, muss gut geerdet sein.
Kein Wunder, dass Mose da erst mal kalte Füße kriegt. Er hat allerhand Ausflüchte und will den Auftrag nicht annehmen. „Ich kann doch gar nicht gut reden," sagt er. Gott wird erst einmal ziemlich ärgerlich, hat aber zuletzt ein Einsehen mit Mose und stellt ihm Aaron als Helfer zu Seite. Und er sagt zu ihm: „Ich bin für dich da. Und das ist auch mein Name: ich bin der „Ich bin für dich da - Gott"
Mich begeistern in dieser Geschichte am meisten die nackten Füße. Die Vorstellung, wie Mose mit seinen nackten Füßen da steht. Heiliger Boden ist es dort mitten in der Steppe am Berg Horeb.
Vielleicht wird der Boden ja gerade auch dadurch erst heilig, dass Mose seinen Auftrag annimmt. Er übernimmt die schwere Aufgabe, zum Pharao zu gehen und im Namen Gottes für sein Volk zu bitten.
Im Islam betreten die Gläubigen die Moschee, ihren heiligen Ort, immer ohne Schuhe. Christen setzen ihre Kopfbedeckung ab, wenn sie eine Kirche betreten. Beides sind Zeichen der Verehrung, wenn Menschen sich unverhüllt dem Heiligen nähern.
Festliche oder rituelle Kleidung und Kleidervorschriften kennen alle Religionen der Welt. Denn Kleidung, also seinen Körper zu verhüllen, unterstreicht und bekräftigt oft eine innere Haltung, zum Beispiel die beim Beten.

Teil 3
Für viele Situationen im Leben gibt es Kleidervorschriften und Kleiderempfehlungen. Die Kleidung ist dann ein Zeichen für eine innere Haltung, die darin zum Ausdruck kommt. Kann man so eine innere Haltung - zum Beispiel Freundschaft - durch äußere Kleidung zeigen?
Früher haben Mädchen Kupferpfennige gesammelt, um sich davon eines Tages ihre Brautschuhe leisten zu können. Viele Jahre begleitete sie so - Pfennig für Pfennig - die Erwartung des Hochzeitstages. Der Höhepunkt im Leben, äußerlich festgemacht an den Schuhen.
Die Urchristen vor 2000 Jahren gingen zu ihrer Taufe in weißen Gewändern. Weiß ist die Farbe der Reinheit. Das lateinische Wort für „weiß" ist candidus. So sind es die Weißgekleideten - die Candidaten - die getauft wurden. Wer das weiße Kleid zum Taufgottesdienst anlegte, hat gezeigt: Jetzt fange ich neu an. Ein neuer Weg in meinem Leben.
Nach der Taufe soll sich ihr Leben ändern. Die Kandidaten setzen in ihrem Leben um, wozu sie in der Taufe ja gesagt haben und legen das neue Leben an wie ein neues Kleid.
Im Kolosserbrief in der Bibel gibt es eine Art Kleiderempfehlung für Christenleute. Sie sollen ihre neuen Verhaltensweisen als Christen anziehen wie ein neues Kleid, heißt es:

So zieht nun an als die Auserwählten Gottes herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.... Über alles aber zieht an die Liebe.
(Kol 3, 12+14a)

Was für eine Kleiderordnung fürs Christsein! Sie unterscheidet sich von der Kleiderordnung unserer Gesellschaft enorm.
Heute soll man sich vor allem in Selbstbewusstsein und Selbstbehauptung einhüllen. Geiz ist geil, Habgier und Hartnäckigkeit - das sind die Tugenden unserer Zeit, die Erfolg und Anerkennung garantieren. Und manch einer legt sich die zu wie einen Kampfanzug oder eine Trainingsmontur.
Die Gnadengaben der Christenheit - Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld - sind weit davon entfernt.  Und sie haben dem Zeitgeist der Moderne gegenüber ein besonders markantes Unterscheidungsmerkmal: Sie beziehen sich allesamt auf die Gemeinschaft.
Aber sie lassen sich auch nicht so einfach aus dem Kleiderschrank holen wie eine frische Bluse oder ein Abendkleid. Wer in solche Haltungen hineinschlüpfen will, tut gut daran, sie nicht als fertige Konfektionsware zu begreifen, sondern sie sorgfältig auszuwählen.
In unserem Konfirmandenjahrgang gab es in diesem Jahr drei Freundinnen, die zum Einkaufen ihrer Konfirmationskleidung gemeinsam losgezogen waren. Fröhlich sind sie vom Einkaufen zurück gekommen und haben sich alle das gleiche Kleid ausgesucht.
Sie wollten damit zeigen: Wir drei haben nicht nur denselben Mode-Geschmack. Wir sind auch als Freundinnen miteinander unterwegs. Eine prima Idee, finde ich. Freundschaft kann man offenbar anziehen. Und mit dieser Kleidung das Fest des Erwachsenwerdens und das Ja zum Glauben feiern.

„Abend wird es wieder“

Mittwoch, 10. März 2010     [Druckversion]

Teil 1

Abendlieder aus der Zeit der Romantik besingen nicht nur die Dämmerung am Tag und die Nacht sondern sprechen auch von der Dämmerung des Lebens.
Sie helfen uns, an jedem Abend unseres Lebens uns auf den Abend unseres Lebens vorzubereiten.

Das will ich Ihnen an einem Abendlied von Johann Christian Heinrich Rinck zeigen.
Ganz gleich, ob Sie ein Morgenmuffel, ein Frühaufsteher oder eine Nachteule sind: Jede Tageszeit hat ihre eigenen Reize und Mühen. Und die Themen, die wir mit ihnen verbinden, haben sich über die Jahrhunderte gar nicht so sehr verändert. Ob es uns der Biorhythmus diktiert oder die Liturgie der Gottesdienstfeier: Jede Tageszeit hat ihre eigene Thematik.
In den Klöstern ist es seit alter Zeit üblich, im regelmäßigen Rhythmus eine Gebetszeit zu haben. Alle drei Stunden halten die Menschen dieser Konvente inne und sprechen und singen miteinander nach vorgegebenen Ordnungen.
In diesen sogenannten Stundengebeten der Mönche und Nonnen zeigt sich schon seit Jahrhunderten:

Mit dem Sonnenaufgang ist der Gedanke an alles Neubeginnen verknüpft. Auch an den Schöpfungsmorgen und die Herrlichkeit des Himmels und der Erde.

Der Mittag gehört dem Gedanken an das Essen, an die Ernte, das volle Leben, das Innehalten und sich dran freuen in Dankbarkeit.

Und das Abendgebet stellt das Loslassen in den Mittelpunkt. Menschen kommen zur Ruhe, legen alle Mühe ab, kommen heim und wissen sich bei Gott geborgen. Auch der Gedanke ans Sterben gehört ins Abendgebet.
Nicht nur geistliche, auch ganz volkstümliche Abendlieder folgen dieser Logik.

Abend wird es wieder.
Über Wald und Feld
säuselt Frieden nieder,
und es ruht die Welt.


Von Heinrich Hoffmann von Fallersleben stammt dieser Lied-Text.
Ganz unaufgeregt lädt uns das Lied ein, ihm zuzustimmen: Ja, so ist es. Jeden Abend dasselbe. Die Welt kommt zur Ruhe.
Vielleicht haben Sie eben auch geschmunzelt über das alte Wörtchen „säuselt“. Wenn wir heutzutage von Säuseln sprechen, dann meinen wir das abschätzig. Wer säuselt, spricht mit unnatürlicher Stimme.
Ganz wörtlich meint der Ausdruck in dem Liedtext aber eine Naturerscheinung: die zarte und leise Bewegung der Blätter, wenn der sanfte Abendwind mit ihnen spielt. Das Gegenteil von Sausen und Brausen, von wildem Herumtoben.
Abendstimmung in der Natur ist verhalten. Und wer in der Zeit der Romantik über den Abend nachdachte, der dachte nicht zuerst an Hektik und Lärm, an Neonlicht, Unterhaltung oder Geschäftigkeit wie an den Abenden unserer Zeit sondern an die leiser werdenden Töne.
So wie der Mensch am Abend seines Lebens auch immer weniger geschäftig wird.

Teil 2

„Abend wird es wieder“, so beginnt ein Abendlied, von dem ich Ihnen im SWR 4 Blickpunkt Kirche erzählen möchte. Der Text dieses Liedes stammt von Heinrich Hoffmann von Fallersleben. Johann Christian Heinrich Rinck hat dazu eine kleine Melodie geschrieben, die ganz wunderbar die Stimmung des Textes aufnimmt.

Vielleicht kennen Sie das Lied noch aus Kindertagen, denn früher war es vielerorts üblich, dass Eltern mit ihren Kindern dieses Lied am Abend gesungen haben.
Die Melodien guter Abendlieder sind entsprechend ihrem Text gestaltet. Es geht nicht um einen großen Tonumfang und komplizierte Rhythmen, sondernd das Lied entspricht in seiner Form dem Inhalt des Textes: In kleinen Melodieschritten nimmt es den Sänger mit hinein in die Stimmung des Abends, legt sich wie eine Zudecke behutsam auf die Seele.
Der Klang ist ganz friedvoll. Das Lied will ja zur Ruhe zu kommen lassen und soll den Kindern beim Einschlafen helfen. Kindern fällt es nicht immer leicht, am Abend zur Ruhe zu kommen. Einschlafen heißt für das Kind: Ich gebe die Kontrolle auf und überlasse mich dem Schlaf. Dass man dafür loslassen muss, macht manchem Kind Angst. Schlaflieder wollen dabei helfen, Vertrauen in dieser Situation zu haben.
Der Text unseres Abendliedes wurde von mehreren Komponisten vertont. Eine der bekanntesten Vertonungen stammt von Johann Christian Heinrich Rinck. Er war ein Lehrer und war Zeitgenosse von Mozart und Beethoven. Er schrieb Musik für Organisten und Lehrer. Für Multiplikatoren also, die mit ihrer Musik intensiv teilhatten an dem, was in den Häusern und Schulen gelebt wurde.

In der zweiten und dritten Strophe entdecken wir mit dem Lied zunächst eine Gegenbewegung zur Abendstimmung.

Hier heißt es:

Nur der Bach ergießet
sich am Felsen dort.
Und er braust und fließet
Immer, immerfort.

Und kein Abend bringet
Frieden ihm und Ruh.
Keine Glocke klinget
ihm ein Rastlied zu.


Das klingt schon fast nach der Umtriebigkeit der Abende unserer heutigen Zeit.
Es ist also doch nicht alles in Ruhe und Frieden in der Natur am Abend.
„Ruh und Frieden“ ist eine Redewendung, die wir auch benutzen, wenn wir vom Sterben sprechen. An dieser Stelle schimmert schon durch, was das Lied uns zeigen will.
Und vielleicht ahnen Sie es schon: Der Bach ist in dem Lied ein Sinnbild und meint nicht nur das fröhlich ungebremste Dahin fließen sondern steht für etwas anderes, was unaufhörlich weitergeht. Und das erfahren wir in der letzten Strophe:

So in deinem Streben
bist, mein Herz, auch du.
Gott nur kann dir geben
wahre Abendruh.


Mit dem Bach meint das Lied das Herz. Das ja auch immer weiter schlägt solange wir leben. Auch, wenn wir schlafen. Wenn unser Körper und unser Geist zur Ruhe kommen.
Der Bach hat ein Ziel, dem er entgegen strebt.
Und das Lied nimmt uns mit hinein in dieses Bild vom Streben auf ein Ziel zu.

Teil 3

Wer sich auf den Inhalt dieses Liedes einlässt, gelangt am Ende zu der Entdeckung:
Es gibt eine ganz besondere Abendruhe, auf die alles, was vorher war, hinausläuft. So wird das ganze Leben und jedes alltägliche zur-Ruhe-Kommen eine Vorstufe dieser allerletzten Ruhe.
Ganz tröstlich beschreibt diese Ruhe, dass das Leben nicht abbricht, nicht aufhört - womöglich gar zur Unzeit. Wie beim Bach in der Natur, der vorwärts strebt, mündet das Leben in ein Ziel. Und der Mensch wird beschenkt mit dem, wonach das Herz ein Leben lang gestrebt hat: mit Erfüllung.
„Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in Dir". So hat es der Kirchenvater Augustinus im 4. Jahrhundert in seinen Confessiones formuliert. Wer stirbt, kommt zur Ruhe; und er findet Ruhe in Gott, sagt er.

Diese Einstellung gegenüber dem Leben und dem Tod ist vielen heute nicht mehr sehr vertraut. Was Augustinus unruhig nennt und überwinden will, bezeichnen wir heute als Lebendigkeit. Und das erscheint vielen geradezu als ein Attribut von besonderer Güte. Was lebendig ist, was in Bewegung ist, was mobil ist und flexibel, das gilt als gut.
Zur Ruhe kommen, Kontrolle abgeben, sich Gott überlassen, das sind Ziele, die als wenig erstrebenswert gelten.
Und das tägliche Einschlafen gar als Vorbereitung auf das Sterben zu begreifen, bereitet manchem von uns eher Angst als Zuversicht.
Die Ruhe, von der Augustinus spricht und um die es auch im Abendlied von Rinck geht, meint vor allem eins: bei Gott ankommen. Im doppelten Sinn des Wortes: Bei Gott kommen wir an, so wie wir sind. Und wir kommen an und haben alles erledigt. Alles geschafft. Alles absolviert. Und zwar vollendet und vollständig.
Der Unruhestand des Lebens ist dagegen nur vorläufig.

Abend wird es wieder.
Über Wald und Feld
säuselt Frieden nieder,
und es ruht die Welt.


Am Anfang dieses Liedes fällt es ganz leicht, einzustimmen in das, was das Lied beschreibt. Wer es mag, den nimmt dieses Lied sanft mit in seine ganz eigene Sicht auf die Dinge des Lebens.
Dieses - wie viele andere Abendlieder der Romantik helfen uns, uns einzuüben in eine Haltung, wie ich sie bei Sterbenden manchmal erlebe. Wenn ich als Pfarrerin einen sterbenden Menschen in meiner Gemeinde besuche, dann singe gerne mit ihm ein Abendlied. Und dann erlebe ich oft, dass das dem Sterbenden gut tut. Manche kennen das Lied von Christian Heinrich Rinck und singen oder summen es mit.
In solchen Abendliedern tritt die Geschäftigkeit des Lebens mehr und mehr zurück. Der herannahende Tod vermittelt mir nicht, dass mein Leben abbricht oder infrage gestellt ist. Er zeigt mir, dass ich ans Ende meines Lebens gelange und ans Ziel.
Und das kann ich an jedem Abend meines Lebens einüben. Indem ich mein Abendlied singe. Bis ich es schließlich auswendig und mit ganzer Seele singen kann.

„Wunschzettel“

Mittwoch, 16. Dezember 2009     [Druckversion]

Wunschzettel – sie gehören zu den Weihnachtsvorbereitungen in vielen Familien. Wunschzettel können helfen, das beste Geschenk zu finden.

Die Mitarbeiter der Suchtprävention des Diakonischen Werkes haben dazu eingeladen, Wunschzettel auszutauschen. Damit wollen sie Familien helfen, Wunsch und Wirklichkeit zusammenzubringen.

Teil 1
Ist das, was ich mir wünsche, auch wirklich das, was ich suche? Sozialpädagogen des Diakonischen Werkes wissen: Wünsche und wirkliche Bedürfnisse sind nicht immer dasselbe.

Das richtige Geschenk für Ihr Kind. – Aktion Wunschzettel 2010

Das ist keine neue Werbestrategie, die es gerade jetzt in den Tagen vor Weihnachten auf Käufer abgesehen hat. Die Aktion „Wunschzettel“ des Diakonischen Werkes hilft Eltern und Großeltern bei den Fragen: Was ist das richtige Geschenk für mein Kind? oder: Ist meine Geschenkidee sinnvoll? Ist das Geschenk gut für mein Kind?

Nico Blug:
Ja, die Vorweihnachtszeit ist die Vorfreude auf das große Fest. Das große Fest kann nur dann ein großes Fest werden, wenn wir uns davor auch wirklich damit auseinandersetzen, d.h. der Abend wird unter Umständen dann schön, wenn mein Kind das richtige Geschenk kriegt. Viele Eltern überlegen sich, was sie ihren Kindern schenken, was steht hinter dem Geschenk, was steht hinter dem Wunsch meines Kindes.
Und das wollten wir raus kriegen mit der Aktion Wunschzettel 2010.


Nico Blug und sein Kollege Peter Reuter arbeiten in der Suchtprävention. Sie sehen einen Zusammenhang zwischen Geschenken und Suchtverhalten.

Nico Blug:
Wir sind normalerweise in der Lage, Wunsch und Wirklichkeit voneinander zu trennen. Das ist wichtig für unsere Entwicklung, für unser späteres Leben, für unser Zusammenleben mit Mitmenschen in der Gesellschaft, aber auch für unser Arbeitsleben. Wird mir nun als Kind suggeriert, den Fußball, oder das angesprochene Fahrrad kriege ich sofort geschenkt, verschwimmen diese Wirklichkeiten, d.h. dieser Wunsch wird mir 1 zu 1 erfüllt. Daraus kommt wiederum, dass ich auch dieses Glücksgefühl aus dem erfüllten Wunsch, das ich habe, wenn ich mit meinem neuen Fußball auf der Straße stehe, viel schneller verliere. Ich gucke, sehe das neue Fahrrad, und der Fußball ist nichts mehr wert. also wünsche ich mir etwas Neues, und das ist eine Art von abhängigen oder süchtigem Verhalten. Ich habe einen Wunsch, ich habe ein kurzes Glücksgefühl, dieses Glücksgefühl geht weg, weil ich einen neuen Wunsch entdecke. Und ich kriege dann wieder das Wunschgefühl. Und irgendwann lerne ich, jedes Mal wenn ich mir einen Wunsch erfülle, habe ich dieses Glücksgefühl. Und die Abstände werden dann immer kürzer.

Die Suchtberater haben noch andere Erfahrungen mit allzu schnell erfüllten Wünschen im Blick:

Nico Blug
Ein weiteres Problem ist, dass wir uns heute viele Wünsche nicht mehr durch unsere Möglichkeiten erfüllen, sondern vielleicht über Ratenzahlung, Leasing etc. Wünsche erfüllen, nicht mehr nach unseren vorhandenen Möglichkeiten diese Sachen holen. Das wiederum führt dazu, dass wir uns verschulden, dass wir vereinsamen und das kann zu einer Suchtproblematik führen.

Die Aktion „Wunschzettel 2010“ fragt, was Kinder und Jugendliche sich wünschen und berät Eltern, was ihren Kindern beim Schenken guttut.

Teil 2
Jetzt in der Vorweihnachtszeit sind viele von uns damit beschäftigt, das passende Geschenk für ihre Familie und Freunde zu finden. Ein Wunschzettel kann da sehr nützlich sein.
Die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes haben schon im November an die Menschen in der Region mit Plakaten und mit Hilfe der Zeitung einen Aufruf geschickt und nach Wunschzetteln gefragt.
Wunschzettel sind eine prima Sache, um genau die Erwartungen der Kinder zu treffen. Aber ist das, was auf dem Wunschzettel steht, auch das, was mein Kind braucht?
Nico Blug will erreichen, dass Eltern und Kinder über die Geschenke ins Gespräch kommen.

Nico Blug:
Wenn ich ihnen zeige, euer Selbstbewusstsein kann nicht gekauft werden. Das ist ein ganz wichtiger Punkt. Und diese Art von einer konsumkritischen Erziehung ermöglicht den Kindern langfristig, sich vor Enttäuschungen zu schützen. Das wiederum dazu führen kann, Lebenskompetenzen auch ganz klar zu fördern, was ein ganz großer Teil auch meiner Arbeit, der Arbeit der Suchtprävention ist.

Die Mitarbeiter des Diakonischen Werkes beraten Eltern beim Schenken; denn erfüllte Wünsche können sogar genau das Gegenteil bewirken von dem, was man erwartet hat.
In der pädagogischen Wissenschaft und Literatur gibt es dazu klare Aussagen. Klaus Hurrelman ist Sozial-, Bildungs- und Gesundheitswissenschaftler. Und er sagt: „Kinder bekommen zu wenig von dem, was sie wirklich brauchen, wenn sie zu viel von dem bekommen, was sie wollen.“
Was brauchen Kinder tatsächlich?

Nico Blug:
Oftmals ist es das Thema Aufmerksamkeit, also ich wünsche mir ein Konsumgut, aber in Wirklichkeit geht es mir darum, dass ich in Kontakt vielleicht mit meinen Eltern treten will, dass ich vielleicht Zeit mit ihnen verbringen will, dass ich ihnen Signale senden will: Nehmt euch Zeit mit mir, spielt mit mir.

Die Mitarbeiter der Suchtprävention zeigen auf, dass in unserer Zeit Konsum häufig mit Lebensqualität verwechselt wird. Die Jugendlichen denken: „Wenn ich das und das angesagte Spiel habe, dann gehöre ich dazu, dann kann ich mitreden, dann bekomme ich Anerkennung.“
Auf dem Wunschzettel steht die Playstation.
In Wahrheit heißt der Wunsch, der dahinter steht, aber:
„Ich will mitreden können!“
„Ich will dazugehören zur Clique!“
oder: „Ich will Spaß mit einer Gruppe von Gleichgesinnten.“

Nico Blug:
Kinder brauchen Zeit und Zuwendung. Das ist ganz wichtig. Wenn sie die Aufmerksamkeit aber nur durch ein Konsumgut geschenkt bekommen, das uns ja auch leichter fällt, es fällt mir leichter, ins Geschäft zu gehen und etwas zu kaufen, um ihm damit eine Freude zu machen, als mir zwei Stunden am Tag zu nehmen von der Zeit, die ich vielleicht nicht habe aufgrund von Arbeit oder sonstigen Verpflichtungen. Zeit ist heute kostbarer, als ein Konsumgut, als Geld.

Teil 3
Die Bibel erzählt von dem großen König Salomo: Er hat einen Wunsch frei. Den will ihm Gott selbst erfüllen.
Salomo darf eine Bitte äußern.
Der mächtige König wünscht sich nun nicht Macht, Reichtum oder Ruhm sondern er erbittet von Gott ein „hörendes Herz“, damit er das Volk gut regieren kann und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht.

Sprecher:
Das gefiel dem Herrn gut, dass Salomo darum bat.
Und Gott sprach zu ihm:
Weil du darum bittest
und bittest weder um langes Leben noch um Reichtum noch um deiner Feinde Tod, sondern um Verstand, zu hören und recht zu richten,
siehe, so tue ich nach deinen Worten.
Ich gebe dir ein weises und verständiges Herz, so dass deinesgleichen vor dir nicht gewesen ist und nach dir nicht aufkommen wird.
Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, nämlich Reichtum und Ehre, so dass deinesgleichen keiner unter den Königen ist zu deinen Zeiten.
Und wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so werde ich dir ein langes Leben geben. (1. Kön 3, 10-15)


Auch in dieser biblischen Geschichte schaut Gott hinter den Wunsch. Und er erkennt das wirkliche Bedürfnis und die Haltung, die dem Wunsch zugrunde liegt.
Was steckt hinter dem Wunsch? Was wollen die Kinder wirklich? So fragen auch die Sozialarbeiter der „Aktion Wunschzettel 2010“. Sie wollen, dass Eltern davon etwas spüren. Dann können sie die Wünsche ihrer Kinder besser verstehen.
Und sie können so beim Schenken mit ihren Kindern besser in Kontakt kommen.

Manchmal ist nicht nur das Schenken schwierig sondern schon das Wünschen macht Umwege.
„Ich wünsche mir Zeit von dir:“ oder
„Ich wünsche mir, dass du mich mehr beachtest“
Solche Sätze stehen selten auf einem Wunschzettel. Obwohl sie doch im Herzen und in der Seele der Kinder ganz oben auf der Wunschliste stehen.

Was ist der erste Wunsch, der erfüllt werden soll?
Jesus hat einmal gesagt: „Wünscht euch zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Dann gehen alle anderen Wünsche in Erfüllung.“

Sich das Himmelreich wünschen – das klingt vermessen. Und doch ist es ein Wunsch, in dem alle anderen Wünsche aufgehoben sind. Denn im Reich Gottes da haben Menschen Acht aufeinander. Und jeder und jede ist geliebt von Gott und bekommt so viel Liebe und Aufmerksamkeit und Ermutigung und Zeit wie er oder sie es sich insgeheim wünscht und braucht.

Ich wünsche Ihnen – wie einst König Salomo für sich – ein hörendes Herz, auch beim Schenken.

ArMUTszeugnis

Mittwoch, 23. September 2009     [Druckversion]

Herzlich willkommen! Das Thema „Armut“ ist derzeit in aller Munde. Und es braucht Mut, sich diesem Thema zu stellen. Nicht umsonst steckt im Wort „Armut“ auch das Wort „Mut“.
Deshalb hat die Evangelische Kirche ihre Kampagne „Ar- Mut- szeugnis“ genannt.

Teil 1

Armut und Mut hängen nicht nur im Wort zusammen. Es braucht Mut und es macht Mut, sich mit der Armut zu beschäftigen.
„Tausend Gemeinden trinken fair“, lautet eine der vielen Aktionen im Rahmen der Kampagne „ArMUTszeugnis“ der evangelischen Kirche.
Die Verantwortlichen in über tausend evangelischen Kirchengemeinden sollen dafür gewonnen werden, fair gehandelten Kaffee, Tee, oder Kakao in ihren Gemeindeveranstaltungen auszuschenken. Fair gehandelt, das sind Getränke bei uns, deren Rohstoffe angemessen bezahlt werden: zu einem fairen Preis für die erzeugenden Bäuerinnen und Bauern.

Magdalena Schaeffer ist als Fachkraft für Oekumene mit diesem Projekt unterwegs.

Also wenn ich jetzt in den Seniorenkreis gehe oder in irgendeine andere Gruppe mit Erwachsenen, dann sehe ich zu, dass wir mindestens zwei oder drei Sorten Kaffee haben, die dann auch mal probiert werden. Meistens sage ich aber vorher nicht, dass es ein anderer Kaffee ist, und ich frage dann immer erst: Wie hat Ihnen heute der Kaffee geschmeckt? Ich habe den mitgebracht. Und die meisten Leute oder eigentlich alle sagen immer: Der Kaffee war wunderbar. Und dann sage ich: Ja, Sie haben jetzt hier fair gehandelten Kaffee getrunken.

Wenn sie die Kirchengemeinden über fair gehandelte Produkte informiert, konzentriert sie sich besonders auf Kaffee.

Weil man beim Kaffee ganz gut nachverfolgen kann, wo er herkommt und wie er dann in unsere Kaffeetassen kommt. Es sind nicht so viele Schritte dazwischengeschaltet wie zum Beispiel bei einem T-shirt: In dem einen Land wachsen da die Fasern, irgendwo anders wird’s dann gefärbt. In einem dritten Land wird’s dann zusammengenäht. Bei Kaffee ist dieser Weg relativ gradlinig, und wir können sehr gut zurückverfolgen: Wo kommt er her?

Immer wieder erlebt Frau Schaeffer, dass die Leute hier ihr Verhalten ändern, wenn sie durch sie zum Beispiel etwas über die Zusammenhänge des Kaffeeanbaus erfahren.

Und grad neulich hat mir da eine Mitarbeiterin gesagt: Seitdem Sie in dem Seniorenkreis waren und was über Kaffee erzählt haben und die Leute dann natürlich auch den Kaffee mal probiert haben, kommen ein paar Frauen regelmäßig zu uns in den Weltladen und kaufen bei uns ihren Kaffee ein. Und ich denke, das ist ein ganz toller Erfolg. Jeder Einzelne, der diesen Entschluss fasst „Ich möchte mich solidarisch zeigen. Ichmöchte mich fair zeigen den Menschen gegenüber, die ja schließlich was tun, damit ich dieses Lebensmittel habe“ Ich denke das ist schon ein großer Erfolg.

Um Grenzen zu überwinden - auch Grenzen von Vorurteilen und Unwissen, müssen wir Mut aufbringen. Und nicht nur das: Man muss sich für andere Menschen interessieren und mutig einen Standpunkt vertreten, der auch einmal neu ist oder Widerstand hervorruft. Wenn man sich mit Armut befasst, braucht man manchmal Mut. Deswegen sind die drei Buchstaben M U T in dem Wort ArMUTszeugnis großgeschrieben. Deshalb haben wir Evangelischen im Dekanat Oppenheim uns das Thema ArMUTszeugnis – als Jahresthema vorgenommen.

Teil 2

Drei Buchstaben groß geschrieben: M U T; sie fallen auf, wenn man das ganze Wort liest, in dem diese Buchstaben vorkommen: Ar- Muts- zeugnis- das ist das Jahresthema des evangelischen Dekanates Oppenheim. Mut ist darin groß geschrieben. Denn für den Umgang mit dem Thema Armut braucht es Mut, sagen die Verantwortlichen.
Axel Guse gehört zu den Organisatoren der Alzeyer und der neu entstehenden Oppenheimer Tafel. Was in Alzey und an vielen anderen Orten schon seit einigen Jahren gut funktioniert, soll nun in Oppenheim auch aufgebaut werden: In einer Tafel werden Lebensmittel, die in den Super-Märkten übrig sind, an bedürftige Menschen ausgegeben.
So eine Tafel aufzubauen und zu unterhalten braucht Mut. Warum?
Zunächst ist es mutig, sich dieser enormen organisatorischen Aufgabe zu stellen: Die Märkte müssen angesprochen werden, die Lebensmittel müssen sachgerecht abgeholt, gelagert und in Ausgabetaschen verpackt werden. Kühlwagen und geeignete Räume müssen gefunden und eingerichtet werden. Berechtigungsscheine müssen ausgestellt und kontrolliert werden. Das alles erfordert viel Sachkenntnis, aber auch eine umfassende Organisation.

Die Nachfrage nach Lebensmitteln aus der Tafel ist sprunghaft in die Höhe gegangen, weiß Axel Guse.

Als wir die Vorüberlegungen zur Gründung einer Alzeyer Tafel gestartet haben, da sind wir ausgegangen von ungefähr 150 vielleicht auch 200 Menschen, die einen Bedarf haben, sich bei dieser Tafel bedienen werden. Tatsächlich sind wir dann überrascht worden von den Zahlen. Mittlerweile sind über 600 Leute mit einer Tafelcard- das berechtigt sie dann zum Abholen von Lebensmitteln -, versorgt, und das heißt, es hängen da so etwa eintausendfünfhundert Menschen dran, die eben nicht mit dem auskommen, was man zum Leben braucht und sich bei der Tafel versorgen.

Es braucht auch Mut, armen Menschen auf Augenhöhe und mit Respekt zu begegnen. 1500 Menschen allein in der Region um Alzey. Viele Helfer sind nötig, um all das zu organisieren. Und genau diese schult Axel Guse.

Ja in der Tat, eine Tafel funktioniert nur mit ehrenamtlichem Engagement, und wir freuen uns, dass wir etwa 90 Mitarbeitende haben, die ehrenamtlich sehr viele Stunden sich einsetzen, um diesen Betrieb aufrechtzuerhalten. Was am Anfang einmal in der Woche eine Öffnung war als Ausgabetag ist mittlerweile angeschwollen auf vier Tage, an denen wir die Tafel öffnen müssen, um Lebensmittel auszugeben und das geht eben nur mit dem entsprechenden Engagement der Ehrenamtlichen.

Teil 3

Eigentlich ist es ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft, dass es überhaut Armut gibt.
Das Projekt „ArMUTszeugnis“ im evangelischen Dekanat Oppenheim will bis Ende des Jahres noch in Diskussionen, Ausstellungen, Vorträgen und konkreten Aktionen Mut machen, sich mit den Ursachen und den Folgen von Armut zu beschäftigen.
Ein Zeugnis gegen Armut geben wir, wenn wir uns nicht damit abfinden, dass es Armut gibt.
So engagieren sich zum Beispiel bei der Alzeyer Tafel etwa 90 Ehrenamtliche
und geben Nahrungsmittel, die übrig sind, an Bedürftige weiter.

Axel Guse ist für die Schulung dieser Helferinnen und Helfer zuständig. Er weiß, was sie dazu bewegt:

Bei den Schulungen habe ich erlebt, als wir einmal über Motivation gesprochen haben: „Warum mache ich eigentlich da mit?“ – dass da Menschen sind, die sagen:
„Ich möchte etwas wiedergeben von dem, was mir Gutes widerfahren ist. Mir ging es noch nie schlecht. Ich bin bis heute noch nicht arm gewesen, und ich möchte mich da engagieren.“
Es gibt aber auch den Hartz-IV-Empfänger - auch das finde ich toll, der sagt:
Ich möchte hier nicht nur hinkommen und was nehmen, ich möchte auch mithelfen; ich möchte selbst meinen Teil dazu beitragen.
Viele Menschen sind aus ihrer christlichen Motivation heraus zur Tafel gekommen und haben gesagt: „Das ist ein Akt der Nächstenliebe. Das ist ein Punkt, wo man gut helfen kann und wo ich mich einbringen möchte, wo ich für den Anderen da sein kann.
Das ist schon erfreulich, dass so viele Menschen bereit sind, hier Zeit einzusetzen.


Immer mehr Menschen sind darauf angewiesen, durch die Einrichtung einer Tafel günstig Lebensmittel zu bekommen, denn immer mehr Menschen können auch in unserem Land nicht von ihrer Hände Arbeit leben: weil sie zu wenig verdienen oder weil sie gar keine bezahlte Arbeit finden. Sollte es deswegen in unserem Land noch mehr Tafeln geben?

Ja, das ist sehr ambivalent. Natürlich, wenn man sagt, es sind in den letzten Jahren 800 Tafeln etwa entstanden, dann müsste kann von einer Erfolgsgeschichte sprechen. Für meine Begriffe ist ein Erfolg dann, wenn wir diese 800 Tafeln nicht mehr brauchen, wenn es möglich ist, dass wir die Armut besiegen. Das wäre eigentlich das Ziel, und die Tafel darf sich auch nicht darauf zurückziehen nur Lebensmittel auszugeben. Sie muss, denke ich, auch immer wieder darauf hinweisen in öffentlichen Veranstaltungen: Dass Armut etwas ist, was es in einem so reichen Land wie dem unseren eigentlich gar nicht geben dürfte.

Wenn es um das Thema Armut geht, sind wir alle eng miteinander verwoben.
Es kann mir nur gutgehen, wenn ich selbst gerecht mit anderen umgehe. Wenn die Hilfe, die Unterstützung allen gilt. Wenn jeder bekommt, was er nötig hat.
Darauf liegt ein Segen. Schon Jesaja, der Prophet aus dem Alten Testament, sagt zu dem, der sich mutig gegen die Armut stellt:

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
(Jes 58,8)

„Wozu heute noch kirchlich heiraten?

Mittwoch, 01. Juli 2009     [Druckversion]

Von Mai bis September ist Hochzeitssaison. Im Vergleich zu den Vorjahren zeigen die Standesämter rückläufige Zahlen, das heißt, immer weniger Paare geben sich das Ja-Wort. Trotzdem werden an die kirchliche Trauung hohe Erwartungen gerichtet. „Wenn überhaupt heiraten, dann auf jeden Fall auch kirchlich,“ sagen immer noch viele Paare.

Teil 1
Die kirchliche Hochzeit-
was erwarten sich Brautleute davon? -

„Darauf ward die Hochzeit gefeiert, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.“ so enden viele Märchen. Und märchenhaft schön soll denn auch die Hochzeitsfeier sein - davon träumen viele Paare.
Die Erwartungen an eine Hochzeit sind vielfältig.
„Der schönste Tag im Leben“ soll es sein, sagen manche. „Alle sind fröhlich und freuen sich mit uns.“
„Schön“ kann für andere heißen:
ein perfekt organisierter Tag, an dem vom Kleid bis zum Büffet, von der Einladungskarte bis zur Tanzmusik alles durchdacht ist
und reibungslos funktioniert.
Das ist eine sehr aufwändige Sache, und längst haben sich professionelle Hochzeitsorganisierer eingefunden, dem Brautpaar dabei hilfreich zur Seite zu stehen.
Für mich als Pfarrerin wird eine Hochzeit schön, wenn der Gottesdienst „stimmig“ ist:
Wenn ich das Gefühl habe: Der Gottesdienst, den wir mit dem Brautpaar feiern, der bestärkt diese beiden in dem, was sie miteinander unternehmen. Das Brautpaar weiß sich von Gott begleitet und gesegnet in seiner Ehe.
Damit das gelingt, will auch der Traugottesdienst sorgfältig vorbereitet sein.
Diese Vorbereitung geschieht im Traugespräch. Brautpaar und Pfarrerin überlegen miteinander, was zu der kirchlichen Trauung passt und was vielleicht nur aufgesetzt wäre.
Im Mittelpunkt des evangelischen Traugottesdienstes steht die Predigt. Dafür sucht das Paar ein biblisches Wort, das von mir - der Pfarrerin - für diese beiden ausgelegt wird. Die Brautleute finden dabei gemeinsam ein biblisches Motto für ihre Ehe. Sie entdecken, was Gott ihnen zusagt oder worin sie mit der Bibel zutiefst einstimmen können. Ich lege dieses biblische Wort in der Predigt für diese beiden Menschen aus. Ganz persönlich zu dem, was in ihrem Leben gerade dran ist.
Zusammen mit dem Kantor sucht sich das Brautpaar passend zum Trauspruch die Lieder des Traugottesdienstes aus und berät mit Pfarrerin und Küster alle Schritte im Ablauf des Hochzeitsgottesdienstes.
Das so sorgfältig vorher zu planen, gibt den Brautleuten Sicherheit in den äußeren Dingen des Ablaufs. Und wenn sie sicherer sind, können sie das Geschehen – zum Beispiel die Einsegnung vor dem Altar – umso intensiver erleben. Sie entdecken: Das, was wir hier im Gottesdienst miteinander feiern, das stärkt uns. Wir sind gesegnet. Gott bekräftigt unsere Ehe.

Wenn ich mit den Brautleuten rede, fragen sie oft danach, wozu manche Rituale eigentlich gut sind. Und auch hier beraten die Brautleute mit mir als ihrer Pfarrerin, was für sie wichtig und hilfreich ist. Zum Beispiel die Frage, ob es denn stimmig ist, wenn eine Frau, die schon mehrere Jahre mit ihrem Partner zusammenlebt, in die Kirche am Arm ihres Vaters schreitet.
Das ist zunächst ein Überbleibsel aus der Zeit, als die Braut noch aus der Vormundschaft des Vaters in die Vormundschaft des Ehemannes übergeben wurde, erkläre ich ihnen.
Auch wenn das so nicht mehr in unsere heutige Zeit passt, kann es doch im konkreten Fall durchaus sein, dass so ein altes Ritual gut sein könnte.

Teil 2
Die kirchliche Trauung und was Paare von heute damit verbinden

Die kirchliche Trauung - das ist für viele so was wie eine feierliche Ergänzung zum nüchternen Standesamt. Das mag sein. Gedacht ist sie anders. Sie soll das Brautpaar begleiten und spüren lassen, dass es von Gott gesegnet ist.
Manchmal frage ich ein Brautpaar: Was hat Sie zusammengeführt? Was ist Ihnen aneinander wichtig?
Und sie überlegen: Was brauchen wir, um Belastungen und Umbrüche in Zukunft gut miteinander gestalten zu können? Welche Menschen haben uns beeinflusst und geprägt? Was fehlt uns heute?
Weil bei der Verbindung zweier Menschen viele Ängste berührt werden, ist die Heirat in allen Kulturen mit einer Fülle von Bräuchen verbunden, die mehr oder weniger spielerisch und aus mancher Sicht (so)gar abergläubig mit diesen Ängsten umgehen.
Viele solcher Bräuche sind uns verlorengegangen, und wir verstehen ihren Sinn heute nicht mehr. Andere Bräuche werden - ohne sie zu hinterfragen - übernommen, weil das Brautpaar irgendwie ahnt, dass etwas daran wichtig ist.
Ich erfahre zum Beispiel im Traugespräch von einem Paar, dass die Brauteltern sich mit der Verbindung dieser beiden anfangs schwer getan haben. Die Braut ist nun sehr erleichtert, dass es nach geraumer Zeit gelungen ist, sich zu versöhnen. Ihre Eltern haben den Schwiegersohn ins Herz geschlossen. Dass die Eltern den Kindern nun den Segen, also ihre Einwilligung geben, darum geht es diesen Brautleuten vor allem. Und so hält die Braut die Begleitung ihres Vaters auf dem Weg zum Altar für stimmig. Für alle soll sichtbar werden, dass der Brautvater seinen Segen gibt zu dieser Verbindung!
Nun entwickeln wir im Traugespräch miteinander eine Form, bei der dieser Wunsch nach dem Segen der Eltern seinen Raum bekommt. Dabei aber soll es nicht so aussehen, als würde die unmündige Tochter vom Vater an den neuen Ernährer ausgehändigt.
Was passt zu uns? Was macht uns Mut und gibt uns Kraft? Und was passt eben nicht und würde irgendwie kitschig oder aufgesetzt wirken?
Es mag Sie überraschen, - aber es war gerade die biblische Sicht auf die Ehe, die dazu beigetragen hat, dass Mann und Frau in der Ehe gleichberechtigt sind.
Jahrhundertelang war das Heiraten ein ausschließlich juristischer Akt.
Ehe – das war ein Wirtschaftsvertrag. Die Frau wurde vor allem als Arbeitskraft in die neue Familie aufgenommen und dem Ehemann unterstellt.
Erst im Mittelalter kam der kirchliche Segen zu diesem weltlichen Akt hinzu. Und da war es die Kirche, die darauf bestand, dass bei der Eheschließung beide Partner gleichgestellt sind und ihr Einverständnis erklären.
Die Kirche berief sich dabei auf den Apostel Paulus, der selbst übrigens nicht verheiratet war und sehr skeptisch gegenüber der Ehe war.

Teil 3
Die kirchliche Trauung betont die Gleichstellung von Mann und Frau und beruft sich dabei auf den Apostel Paulus. Für ihn ist Heiraten kein Traum in Weiß, kein Märchen, sondern- ein Kompromiss. Er schreibt in einem Brief an die Gemeinde in Korinth:
Ich wollte zwar lieber, alle Menschen wären unverheiratet wie ich bin, aber jeder hat seine eigene Gabe von Gott, der eine so, der andere so.
Den Ledigen und Witwen sage ich:
Es ist gut für sie, wenn sie bleiben wie ich. Wenn sie sich aber nicht enthalten können, sollen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten als sich in Begierde zu verzehren.

Gleichzeitig betont Paulus: Vor Gott sind alle Menschen gleich. Und so sind auch Mann und Frau gleich, wenn sie sich vor Gott einander versprechen. Er schreibt weiter:

Um Unzucht zu vermeiden, soll jeder seine eigene Frau haben und jede Frau ihren eigenen Mann.
Der Mann leiste der Frau, was er ihr schuldig ist, desgleichen die Frau dem Mann.
Die Frau verfügt nicht über ihren Leib, sondern der Mann. Ebenso verfügt der Mann nicht über seinen Leib, sondern die Frau.
1. Kor 7, 1b-9


Seit dem 19. Jahrhundert (genau: seit 1875) ist die kirchliche Trauung in unserem Land nicht mehr rechtsverbindlich, und Paare müssen deshalb selber entscheiden, ob sie ihre Partnerschaft nach dem Standesamt auch noch unter Gottes Segen stellen und kirchlich heiraten wollen.
Manche bekräftigen das sogar nach 50 Jahren noch einmal und feiern einen Gottesdienst aus Anlass ihrer Goldenen Hochzeit. So haben das auch Hans und Martha gemacht.
Als diese beiden vor 50 Jahren geheiratet haben, war das eine aufregende Sache, denn Martha ist katholisch, und die Familie von Hans war wenig begeistert davon, dass der evangelische Sohn sich in ein katholisches Mädchen verliebt hatte.
„Das kann doch nicht gutgehen!“ haben damals wohl nicht wenige in der Familie gedacht.
Aber nein, - Hans und Martha sind bis heute glücklich miteinander, und verstehen sich prima. Und dafür sind sie Gott sehr dankbar.
Wenn Sie, liebe Hörerinnen und Hörer, lange mit Ihrem Partner zusammen sind, können Sie vielleicht diese Freude teilen und mitsprechen, was Hans und Martha bei dem Gottesdienst zu ihrer Goldenen Hochzeit beteten:

Wir sagen dir Danke, Gott, dass du uns diese 50 Jahre miteinander geschenkt hast.
Wir sagen dir Danke, dass wir zueinander stehen konnten, dass wir einander treu sein konnten und dass unsere Ehe all die Jahre gehalten hat.
Wir haben einander immer geachtet und vertraut. Hab Dank dafür, Gott.
Wir denken heute an die Menschen, die in 50 Jahren mit uns waren. Viele sind heute hier und freuen sich mit uns. Manche sind uns vorausgegangen ins Licht der Ewigkeit, und wir vermissen sie heute ganz besonders.

Wir bitten dich für uns und alle, die ihren Weg suchen: Schenke uns allezeit, dass wir Menschen an unserer Seite wissen, denen wir vertrauen und die uns deine Liebe und deinen Segen bezeugen.
Amen

Wenn die Worte fehlen

Mittwoch, 08. April 2009     [Druckversion]

Teil 1

„Mir fehlen die Worte“- schon oft habe ich das gehört und auch selber gesagt. Wenn eine Situation besonders schmerzlich oder schwierig war.
In dieser Karwoche steht das Leiden Jesu und das Leiden der Menschen im Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit. Was tun, was sagen, wenn einem die Worte fehlen? Darüber möchte ich mit Ihnen in der nächsten halben Stunde nachdenken.

„Frau Pfarrer, geben Sie mir doch einen Rat. Was soll ich sagen, wenn ich nachher meine alte Lehrerin besuche? Sie ist sehr krank, und ich weiß eigentlich gar nicht, was man da sagt.“
Das hat mich eine Bekannte am Telefon gefragt.
Und eine Frau, die beim Besuchsdienst unserer Gemeinde mitarbeitet, bittet mich: „Haben Sie einen Text, den ich auf die Grußkarte für die schwerkranke Mutter einer Freundin schreiben kann? Mir fehlen nämlich die Worte.“
Die rechten Formulierungen und Gedanken finden; Worte, die trösten und Anteil nehmen, die vielleicht sogar Last abnehmen oder Hoffnung wecken. Das wünsche ich mir auch manchmal. Worte, die zuversichtlich klingen, weil sie getragen sind vom Glauben an Gottes Hilfe.
Worte, die nicht vereinnahmen, nicht zu nahe kommen und doch so nah sind, dass mein Gegenüber daraus Kraft schöpfen kann, die suche ich auch.
Natürlich habe ich solche Superworte nicht in der Schublade. Und vermute mal: Niemand hat das. Denn Worte, die trösten oder das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden, die kann man nicht in Konserven liefern. Die gibt‘s immer nur frisch. Und es gibt sie auch nicht universell sondern stets nur persönlich.
Es gibt Zeiten, da hätte man gern ein größeres Repertoire an klugen und weisen Sätzen. Keine leeren Formeln, sondern Worte, die passen. Worte, die das Gefühl vermitteln: Ich bin dir nahe in deinem Schmerz. Ich halte das jetzt an deiner Seite mit aus. Ich bete für dich.
Wahrscheinlich kennen Sie jede Menge Sätze, die eher das Gegenteil bewirken. Sätze, die aufdringlich sind, statt einfühlsam. Ungebetene Ratschläge, die einfach unpassend sind. Oder die unzähligen Das-kenne-ich-auch-Geschichten. Statt einen Trost zu bekommen, muss man auch noch die Erfahrung der anderen und ihren Kummer anhören. Das hilft nicht weiter.
Die Frau, die jene kranke Lehrerin besuchen wollte, - ich habe sie gewarnt. Gewarnt vor fertigen Sätzen.
„Wichtiger als schön formulierte Gedanken ist die Haltung,“ habe ich ihr gesagt. Die Haltung, mit der sie einen solchen Besuch macht. Besonders bei jemandem, der ein gutes Wort nötig hat.
Es ist die Haltung, die noch offen ist. Offen für das, was geschieht. Gewiss, man kann seine eigene Meinung zu einem Problem mitbringen und seinen reichen Erfahrungsschatz. Wichtiger, als davon zu erzählen ist es jedoch erst einmal, einfühlsam zuzuhören. Hören, was jetzt – in diesem Augenblick – für das Gegenüber nötig ist.
So eine Offenheit zu haben, ist gar nicht so einfach. Denn man hat dann wenig, an dem man sich festhalten kann. Man kommt erst einmal mit leeren Händen. Keine fertigen Lösungen. Keine fertigen Antworten. Kein vorgefertigter Text.
Da ist nur die Bereitschaft, Nähe zu schenken, zuzuhören, dem anderen Raum zu lassen.
Das aber ist das größte Geschenk. Denn es öffnet auch einen Raum für Gott. Gott erreicht seine Menschen oft auch durch unser Schweigen hindurch.
Aber-– Gibt es auch Worte, wenn mir die eigenen Worte fehlen?
Ja, es gibt sie.

Teil 2>/b>

„Da verschlägt es mir die Sprache“. So sage ich wenn mir die Worte fehlen. Entsetzen, Trauer, Sorge, Erschöpfung, – es kann viele Gründe geben, weshalb jemand nach Worten sucht. Was ist dann hilfreich?

Es gibt sie: Situationen, in denen ich einfach nicht die richtigen Worte finde. Dann ist es gut, wenn ein anderer an meiner Stelle spricht.
Der Apostel Paulus kennt das. Und beschreibt es im Römerbrief so:

Der Geist Gottes hilft unsrer Schwachheit auf. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; sondern der Geist selbst vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.
(Röm 8,26)

Gott sei Dank. Ich muss nicht alles selbst sagen. Ich muss nicht immer die richtigen Worte finden. Gott selbst gibt dem, was mir auf dem Herzen liegt, Ausdruck. Auf seine Weise. Ohne Worte. Aber offenbar „gebührend“ – wie Paulus sagt. Stimmig, angemessen, würden wir vielleicht heute formulieren.
Die Frage ist nur: Was ist angemessen?
„Angemessen“ empfinden wir etwas, das zusammen passt.
Jetzt in der Karwoche gibt uns der christliche Festkalender auf, das Leiden Christi und das Leiden unserer Nächsten besonders zu bedenken.
Auch wenn ein Mensch niemals genau dasselbe empfindet wie ein anderer: Es kann gut tun, die Klage, die einer vor mir formuliert hat, zu hören und mir seine Formulierungen auszuleihen. Vielleicht spricht dieser Mensch ja ganz aus meinem Herzen. Wenn das so ist, dann bin ich mit meinem Schmerz nicht alleine. Weil eine andere fühlt wie ich; und darüber hinaus es schafft, das in Worte zu fassen und Gott damit anzusprechen, ja vielleicht sogar anzuschreien. Da findet ein Mensch Worte, wo ich verstumme. Was für ein Geschenk!
Aber es gibt noch einen Weg. Gottes Geist kann auch in meinem Seufzen klingen, wie Paulus schreibt. Oder es können die Worte von Anderen stellvertretend für mich ausdrücken, was mich bewegt.

Manchmal lässt sich in Mundart stimmiger und gefühlvoller sagen, worin ein Schmerz besteht. Da, wo ich herkomme, in Rheinhessen, klingt dann so:

Gott, isch glab, isch hall des net aus.
Isch kann nemme.
Die Luft bleibt mer weg, un isch kann nemme klor denke.
Isch wer moiens wach und bin schun wirre mied, un will mer norre die Deck iwwer de Kopp ziehe un nix meh here un nix meh siehe.
Un wann isch omends schlofe geh, lei isch wach, un die Gedanke kreise, un isch finn kaa Ruh.

Die Leid wern sich es Maul vereisse. Wern saa, es geschieht mer recht.
Vielleicht gibt’s aach e paar, dene es egal is, orre sogar de a orre anner, der zu mer hält. Mer werd siehe.

Warum ausgereschent isch des mitmache muß, des waascht bloß du.
Un du elans waascht wie des ausgeht.

Un jetzt- jetzt brauch isch disch, wie isch disch iwwerhaupt noch niemols gebraucht hun in moim Lewe. So wie e klaa Kind soi Mudder braucht, wann’s Angscht hodd un wie’s dann ganz vezweifelt is, wann die Mudder grad net do is.
Herrgott, kumm.
Mach.
Helf mer! Amen.


Teil3

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ Dieser Satz kann manchmal mehr Anteilnahme ausdrücken als viele wohlformulierte Sätze.
Es gibt Zeiten, in denen wir mit unserer Alltagssprache nicht weit kommen. Aber Gott sei Dank – wir haben ja noch eine geprägte Sprache, eine poetische Sprache, Texte, die uns vielleicht als Teil eines Rituals vertraut sind.
Ein solcher Text ist das Vaterunser.
Wenn ich an einem Sterbebett sitze, erlebe ich oft, dass Sterbende auf diese Worte des Vaterunsers reagieren. Auch wenn sie keine Kraft mehr haben zum Sprechen, wenn sie unruhig sind und wenig ansprechbar.
Und dann finden sie doch die Kraft diese Worte mitzusprechen. Ja, manchmal kommen sie sogar dabei zur Ruhe – vielleicht für einen Moment nur – solange wie der vertraute Klang sie hält. Das berührt mich.
Wie gut, dass Jesus uns die Worte dieses Gebetes geschenkt hat. Das Lukasevangelium erzählt, Jesus habe die Jünger dieses Gebet gelehrt, als sie ihn baten: „Herr lehre uns beten.“

Und dann kam eines Tages Jesus selbst in die Situation, dass er keine Kraft mehr hatte zum Sprechen. Als er sterbend am Kreuz hing, sprach er nur noch wenige Sätze.
Ein Satz ist dabei besonders auffällig. Das Markusevangelium, das die Geschichte Jesu in griechischer Sprache erzählt, überliefert uns sogar den hebräischen Wortlaut eines dieser letzten Sätze Jesu:

Und zu der neunten Stunde rief Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt übersetzt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
(Mk 15, 34)


Diese verzweifelte Klage stammt aus einem überlieferten Text der hebräischen Bibel. Es ist der Psalm 22, den Jesus gewiss auswendig kannte. Vielleicht hat Jesus in Gedanken diesen Psalm weitergebetet. Unhörbar für andere, weil er zu schwach war, laut zu sprechen.

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne.
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.
Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer.

Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet.
Denn er hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und als er zu ihm schrie, hörte er's.
(Ps 22, 2.3.5.12.24a.25)


So endet dieser Psalm, den Jesus am Kreuz gebetet hat. Vielleicht hat Jesus in seiner Todesstunde gerade in diesen Worten Trost gefunden. Unsere Vorfahren haben uns diesen Psalm und viele andere Worte überlassen, damit wir in unseren schweren Stunden Worte finden und Gottes Nähe spüren können.

Vom Schenken

Mittwoch, 03. Dezember 2008     [Druckversion]

Teil 1

Noch 21 Tage bis Weihnachten. Haben Sie schon alle Weihnachtsgeschenke besorgt oder wenigstens eine Liste erstellt, was Sie wem in diesem Jahr schenken möchten?
Vielleicht gehören Sie ja zu den Menschen, die gerne schenken. „Nach dem Fest ist vor dem Fest,“ sagen Sie sich: Kaum sind die Weihnachtslieder verklungen und das Geschenkpapier beiseite geräumt, denken Sie schon voller Vorfreude daran, was Sie Ihren Lieben beim nächsten Fest schenken könnten. Und ab Januar sind Sie auf der Hut, wenn irgendwelche Wünsche geäußert werden, dass Sie keinen verpassen.
Oder gehören Sie zu denen, für die das Schenken zu Weihnachten eher unangenehm ist? Dann ist für Sie die Adventszeit eher quälend. Und Sie fragen sich: Wie schaffe ich das nur, rechtzeitig für alle das Passende zu finden?
Was hat es eigentlich auf sich mit dem Schenken? Warum ist das so wichtig?
Schenken – das Wort bedeutet ursprünglich „zu trinken geben!“ und findet sich deswegen bis heute in Begriffen wie „ausschenken“ und „einschenken“, oder denken Sie an das schon etwas aus der Mode gekommenen Wort „Mundschenk“. Die Kneipe hieß früher „Schenke“, weil dort Getränke ausgeschenkt wurden. Gegen Bezahlung versteht sich. Nicht als Geschenk.

Es gibt einen Psalm in der Bibel, in dem sind die beiden Bedeutungen von schenken noch ganz nah beieinander. „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln, so beginnt der bekannte Psalm 23. Und dort heißt es über Gott: „Du schenkst mir voll ein.“ Der bis zum Rand gefüllte Becher- das ist ein Bild, um zu beschreiben, wie großzügig und gnädig Gott ist.
Allerdings- jetzt im Advent treibt viele von uns weniger die Frage nach Gottes Großzügigkeit um, als die Suche nach dem rechten Geschenk, mit dem wir unsere Wertschätzung für andere ausdrücken.
Denn ehe man sich‘s versieht, ist schon der sechste Dezember, und erwartungsvoll steht der Kinderschuh vor der Zimmertür und erinnert daran, dass nun ein schokoladener Nikolaus fällig ist.
Nikolaus, der Weihnachtsmann… na klar, auch der bringt Geschenke. Weil sein historisches Vorbild, Bischof Nikolaus von Myra, so großzügig war. Er lebte im dritten Jahrhundert nach Christus in Kleinasien, der heutigen Türkei. Eine ganze Reihe von Legenden erzählen von seiner Wundertätigkeit, die vor allem Kindern zugute kam. Und in Amerika ist es heute der Weihnachtsmann, der auf seinem Rentierschlitten durch die Luft gefahren kommt und durch den Schornstein ins Haus gelangt, um die Weihnachtsgeschenke zu bringen.
Bei uns bringt die Weihnachtsgeschenke das Christkind und versetzt seine Helfer und Helfershelfer in der Vorbereitungszeit vor dem großen Fest durchaus schon mal in Stress, was denn nun das rechte Geschenk für die Lieben sein könnte.
Davon will ich Ihnen nach der nächsten Musik mehr erzählen - in Rheinhessischer Mundart.

Teil 2

So selbstverständlich der Brauch des Geschenke Machens ist: Er kann einem auch heftig Probleme machen.
In Rheinhessen, wo ich lebe, hört sich das so an:

Mer schengen uns nix meh!

No reiflischer Priefung, jahrelanger Endtäuschung un sorgfäldischem Abwäge aller Vor- un Nodaale hun isch beschloss: Mehr schengen uns nix meh!

Net zum Geburtsdach.
Net zum Hochzetsdaach,
un zu Woihnachde schun glei gar net!

Es hod iwwerhaupt kaan Sinn.
Weil: Männer soin fer’s Schenge absolut obegabt!
Des hun isch in langjährische Unnersuchunge zweifelsfrei erausgefunn.


Sellemols, wie mer zesamme gezoo war’n, hab isch vesucht, moim Mann es Schenke e bisje näherzebringe. „Mansch de net,“ hun isch am erschde Dezember zum gesaat, „Mansch de net, es wär schee, wann mer uns zu Woihnachde gejeseidisch en Wunsch erfillen? Also isch häd do e paar Vorschläch...“
Awwer die wollt er gar net erscht heere. „Er häd schun e Idee,“ hod er gesaat. Un hod sisch getrollt.
E Schdunn späder is er haamkum un hod en Kaschde geschleppt. Riesegroß. Hod en kaum dorch die Deer kriet.
Ei, der werd doch net den Wäschedroggner kaaft ho, den isch mer gewinscht hun! Hab isch mer gedengt.
Wann mer net schun velobt gewäs wärn, häd isch em in dem Moment en Heiratsodrach gemacht. En Mann, der em die Winsch erfillt , noch bevor mer se ausgeschroch hod!
Die ganz Adventszeit iwwer war isch gut gelaunt, weil isch misch so gefreut hun.
Es war awwer kaan Wäschedroggner.
Es war e Audorennbahn.
Un isch häd beinah die Velowung uffgelest, wie er gesaat hod, er häd gedenkt, des wär doch so romandisch, wammer unnerm Tannebaam minnonner Audorennbahn schpele kennden.

Ich will meinem Mundartklagelied hier schon selbst ins Wort fallen. Viele von Ihnen können gewiss mehr oder weniger augenzwinkernd einstimmen in die Erfahrung, wie schwer es ist, einander das Rechte zu schenken. In Mundart lässt sich vortrefflich darüber schimpfen.
Dass es so schwierig ist, füreinander das passende Geschenk zu finden, das liegt auch daran, dass jeder und jede von uns mit dem Brauch des Schenkens anderes verbindet, und es liegt daran, dass die Erwartungen in die Geschenke häufig sehr hoch gesteckt sind. Sie werden nicht immer als das genommen, was sie sind, sondern wir legen gerne eine ganze Philosophie hinein.
„Kennt er mich gut genug und weiß meine geheimen Wünsche?“ Wer mit dieser Frage im Hinterkopf ein Geschenk in Empfang nimmt, steuert mit Riesenschritten auf die Enttäuschung zu.
„Hat sie nicht alles, was sie braucht? Wozu noch mit Mühe ein Geschenk erstehen? Das ist doch eigentlich überflüssig!“ Wem das Schenken so schwer fällt, der wird seine Mühe nur unschwer verbergen können. Statt Freude zu machen, sind solche Geschenke eher dazu angetan, die Stimmung zu verderben.

Nun, wenn das Schenken so schwierig ist, und wir uns das Leben damit so schwer machen, mag es nicht überraschen, warum manche Zeitgenossen es ganz bleiben lassen wollen.
Aber es könnte doch sein, dass es beim Schenken – vor allem an Weihnachten – um mehr geht als nur um mühevolles Aneinander-Vorbeischenken.

Teil 3

Advent - das ist die Zeit der Vorbereitung. Wir bereiten uns auf Weihnachten vor, auf das Fest der Geburt Jesu. Und einander etwas Schenken - das gehört als fester Brauch dazu. An den Wochenenden im Advent sind die Marktplätze mit Buden gefüllt. Da kann man zwischen Glühwein und Zimtsternen für die Oma den Nussknacker, für Karl den Pfeifenreiniger und für Karin das Parfüm erwerben.

Geschenke überall. Sogar in der Bibel gibt es die. Und zwar in der Weihnachtsgeschichte. Weise Sterndeuter aus dem Morgenland kommen zu dem neugeborenen Kind Jesus. Es müssen reiche Männer gewesen sein, denn sie haben Geschenke, wie sie sonst nur Könige machen, wie das Matthäusevangelium erzählt.

Und siehe, der Stern, den sie im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. Als sie den Stern sahen, wurden sie hoch erfreut und gingen in das Haus und fanden das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe. (Mtth. 2,9b-11)

Das Neugeborene wird beschenkt. Die Sterndeuter haben erkannt, dass es etwas Besonderes auf sich hat mit diesem Kind. Und mit ihren Geschenken zeigen sie ihre besondere Wertschätzung.

Noch zu Zeiten Martin Luthers vor 500 Jahren war es üblich, am Nikolaustag den Kindern und dem Gesinde Geschenke zu machen.
Martin Luther störte sich jedoch an der Heiligenverehrung und verlegte das Schenken auf Heiligabend. Der Heilige Christ brachte fortan die Geschenke, und das Brauchtum rückt damit wieder näher an das heran, was uns die Weihnachtsgeschichte nahebringt.
1560 dichtet Nikolaus Herman ein Weihnachtslied und benennt den eigentlichen Grund, warum wir uns in dieser Zeit mit dem Schenken befassen:

Lobt Gott, ihr Christen alle gleich,
in seinem höchsten Thron,
der heut schließt auf sein Himmelreich
und schenkt uns seinen Sohn.


Das eigentliche Geschenk zu Weihnachten ist Gottes Liebe, Gottes Zuwendung zu den Menschen, sagt das Lied.
Wenn wir also einander beschenken, dann machen wir mit unseren bescheidenen Mitteln Gott nach. Wir sagen einander: „Du bist mir wichtig“. Wir drücken füreinander das aus, was Gott seinen Menschen mit der Geburt des göttlichen Kindes vorgemacht hat.
Sicher, es macht schon Mühe, in diesen Tagen das rechte Geschenk für Verwandte und Freunde zu finden. Aber ich finde, wir sollten es nicht bleiben lassen.
Gott sagt seinen Menschen zu Weihnachten, dass er sie lieb hat. Und mit Geschenken versuchen wir, es ihm nachzumachen.

Mittwoch, 30. Juli 2008     [Druckversion]

Herzlich willkommen. Heute möchte ich Sie einladen zu einer Entdeckungsreise über den Namen. Den bekommen wir ja von unseren Eltern- und tragen ihn meistens das ganze Leben. Manche sind auf ihren Namen sogar getauft. Was sagen die Namen über uns, und warum wechseln manche im Lauf ihres Lebens sogar den Vornamen?
Einige Entdeckungen rund um den Vornamen habe ich Ihnen heute Abend mitgebracht.

Teil 1
Wissen Sie, liebe Margarete, dass Ihr Name aus dem Persischen stammt und „Perle“ bedeutet?
Und haben Sie, lieber Stephan, schon einmal gehört, dass Ihr Vorname aus dem Griechischen kommt und dort so viel wie „Krone“ heißt?
Ein Leben lang schon tragen Sie Ihren Vornamen. Aber wissen Sie auch, was Ihr Name bedeutet? Wenn nicht, dann kann es sich lohnen, einmal in einem Namenslexikon nachzuschlagen.
Was sich wohl die Eltern von Helga überlegt haben, als sie ihrer Tochter den skandinavischen Namen mit der Bedeutung „heilig“ gegeben haben?
Ich habe einige Konfirmanden und einige Senioren in unserer Gemeinde nach der Bedeutung ihres Namens gefragt, und war sehr überrascht, nur wenige wussten, woher ihr Name stammt, was er bedeutet oder warum die Eltern sich für diesen Namen entschieden haben.
Im Gespräch mit Taufeltern ist es für mich als Pfarrerin immer spannend, zu hören wie Eltern den Namen ihres Kindes gefunden haben.
Wenn wir ein Neugeborenes taufen, dann nennen wir ganz bewusst den Namen des Kindes in der Taufe. Das erinnert an das Bibelwort beim Profeten Jesaja, wo Gott sagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen! Du bist mein.“
So war es früher die Sitte, mit der Taufe dem Kind feierlich seinen Vornamen zu geben.
Taufe und Namensgebung gehören im christlichen Glauben eng zusammen und lassen uns ahnen, dass es beim Vornamen um mehr geht als nur um eine Benennung. Es geht um eine ganz enge Beziehung zwischen dem, der einen Namen bekommt und dem, der ihm diesen Namen gibt und ihn bei diesem Namen nennt.
In vielen Ländern gibt es den Brauch, zum Vornamen eines Kindes den Namen des Vaters zu nennen: Pjotr Ivanovich ist Pjotr, der Sohn von Ivan, und Ola Erikson ist Ola, der Sohn von Erik. Seine Schwester Svenja trägt den Beinamen Eriksdotter.

Jede Generation hat ihre Lieblingsnamen. Ich traf einmal eine Erzieherin, die schon viele Jahre in ihrem Beruf arbeitete. Die konnte am Vornamen ziemlich treffsicher sagen, wie alt ein Mensch sein müsste, denn sie wusste noch gut, in welchem Jahr die Namen „Mark“ oder „Vanessa“ in Mode gekommen waren.
Manchmal entscheiden sich Eltern für einen Namen, weil ihnen der Klang gefällt. Ich stelle mir vor, dass das bei Namen wie Tim oder Aurelia der Fall ist. „Tim“, das klingt fröhlich und unkompliziert. „Aurelia“, das klingt edel und ein wenig exotisch.
Manchmal bekommen Kinder den Namen eines Vorfahren und heißen wie der Vater oder die Patentante. Die Namensgeber verbinden damit den Wunsch, dass eine Linie weitergeführt wird. Deswegen hießen französische Könige 18 mal hintereinander „Ludwig“; und dreiundzwanzig Mal wählten die neu ernannten Päpste sich den Amts-Namen „Johannes“.
Nicht jeder, der als Neugeborenes einen Namen erhält, behält diesen ein Leben lang. Manchmal wechseln Menschen mit dem Status auch den Namen, und das sagt etwas darüber, wie sie ihren neuen Lebensabschnitt mit dem neuen Namen verstanden wissen wollen.

Teil 2
Der Vorname, das ist häufig ein ganzes Programm. Und manchmal wird er sogar gewechselt.
Nicht jeder Name bleibt ein Leben lang unverändert. Menschen erhalten Spitznamen oder Kosenamen.
Und manchmal ändert der Namensträger seinen Namen selbst ganz bewusst.
Einer der berühmtesten Namenswechsel ist der von Saulus zu Paulus.
Hier wird der neue Name zum Programm. Saul, das war der Name des ersten Königs von Israel, ein königlicher Name also, der wörtlich „der Erbetene“ bedeutet; er wurde auch „der Große“ genannt.
Unter diesem Namen ist im Jahr 50 unserer Zeitrechnung ein gesetzestreuer Pharisäer unterwegs und verfolgt verbissen die Anhänger des Jesus von Nazareth. Durch ein Bekehrungserlebnis wird aus dem Verfolger ein glühender Verehrer, der sich nun einen anderen Namen gibt.
Er ändert nur einen Buchstaben und nennt sich fortan mit dem römischen Namen Paulus. Das bedeutet „der Kleine“. Paulus sieht sich als Diener Jesu und spricht, nachdem er ein Christ geworden war, von sich selbst nicht mehr mit dem königlichen sondern lieber mit dem weit bescheideneren Namen.

Der Name als Programm. Ein weiteres Beispiel finden wir im Alten Testament, der hebräischen Bibel. Dort kämpft Jakob am Fluss Jabbok mit einem Engel.

Jakob stand auf in der Nacht und nahm seine beiden Frauen und die beiden Mägde und seine elf Söhne und zog an die Furt des Jabbok, nahm sie und führte sie über das Wasser, so dass hinüberkam, was er hatte, und blieb allein zurück.
Da rang ein Mann mit ihm, bis die Morgenröte anbrach.
Und als er sah, dass er ihn nicht übermochte, schlug er ihn auf das Gelenk seiner Hüfte, und das Gelenk der Hüfte Jakobs wurde über dem Ringen mit ihm verrenkt.
Und er sprach: Lass mich gehen, denn die Morgenröte bricht an.
Aber Jakob antwortete: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.
Er sprach: Wie heißest du?
Er antwortete: Jakob.
Er sprach: Du sollst nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel; denn du hast mit Gott und mit Menschen gekämpft und hast gewonnen.

(1. Mose 32, 23-29)

Der Engel segnet ihn und gibt ihm einen neuen Namen. Jakob heißt fortan „Gottesstreiter“ - auf Hebräisch: Israel.
Jemandem einen neuen oder überhaupt einen Namen zu geben, ist ein schöpferischer Akt.

Gleich am Anfang der Bibel wird erzählt, wie die Tiere zu ihrem Namen kommen.

Sprecher:
Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle die Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, dass er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so sollte es heißen.
(1. Mose 2,19)

Indem der Mensch von Gott den Auftrag erhält, den Tieren Namen zu geben, wird er in das Tun des Schöpfers eingebunden, ist selbst Schöpfer. Die Geschöpfe sind für den Menschen nicht einfach irgendwelche namenlosen Dinge, sondern sie sind ein Gegenüber, etwas, das ich beim Namen rufen kann.

Schöpferisches und Liebevolles hat es auf sich mit unseren Namen. Und der Name Gottes sagt etwas aus über unsere Beziehung zu Gott. Davon mehr nach der nächsten Musik.

Teil 3
Vornamen sind oft mit viel Bedacht ausgesucht, denn wie wir jemanden benennen, das sagt etwas über die Beziehung, die wir zu ihm haben.
Wie ist das nun mit Gott?
Du sollst den Namen Gottes nicht missbrauchen!
So lautet das zweite der 10 Gebote.
Die Achtung vor dem Namen Gottes ist im Judentum so groß, dass dieser Name umschrieben wird und nicht direkt ausgesprochen.
Als zum Beispiel Gott Mose dazu beruft, sein Volk ins gelobte Land zu führen, fragt Mose: „Was soll ich sagen, wenn jemand nach deinem Namen fragt?“
Und Gott antwortet „Ich bin der ich bin“. Das heißt auf Hebräisch „Jahwe“.
Manche Forscher übersetzen den Namen auch mit „der Seiende“.

Es bleibt die Entdeckung: Wir können über Gott nicht verfügen. Schon sein Name entzieht sich unserem Einfluss und unserem Bestimmen.
Der geheimnisvolle Gottesname bewahrt die Heiligkeit Gottes ganz im Sinne des zweiten Gebotes.

Was für eine Entdeckung hat demgegenüber Jesus gemacht! Er redet Gott in seiner Muttersprache, dem Aramäischen an. „Abba“ sagt er, wenn er betet. Abba – das bedeutet aber „Papa“, es ist die zärtliche Anrede von Vater.
Abba, sagt Jesus, lieber Vater. So betet er. Und so sollen wir auch beten, lehrt uns Jesus. „Lieber Vater im Himmel“.
Wie nahe kommen wir Gott dadurch! Und wie deutlich spürbar wird in dieser Anrede, dass Gott für uns keine ferne, unpersönliche Größe ist sondern ganz direkt mit uns in Beziehung treten will.
Zu diesem Gott, zu diesem Vater darf ich kommen mit allem, was mich bewegt und was mich angeht. Wie ein kleines Kind bei seinem Papa weiß ich, dass ich von meinem Vater im Himmel geliebt bin.
Das Vaterunser, das Gebet der Christenheit auf der ganzen Welt, hält dieses Wissen wach.

Zum Schluss meiner Gedanken habe ich noch einen neuen Namen für Sie.
Der steht beim Propheten Jesaja im Kapitel 43 und ist so etwas wie eine Liebeserklärung Gottes an uns. Fürchte dich nicht, sagt Gott zu Ihnen und zu mir. Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen: Du-bist-mein.
Dieses „Du bist mein“ heißt auf Hebräisch „Li-atar“, Du-bist-mein, das dürfen wir hören wie einen Eigennamen, ein Kosename, den Gott uns gibt.
So heißen wir also nicht nur Helga, Manuela, Peter. Gott nennt uns zusätzlich Du-bist-mein.
Ist das nicht ein großartiger Name, den Gott uns zu unseren altvertrauten Rufnamen dazu gibt: Du-bist-mein?

Montag, 24. März 2008     [Druckversion]

Frohe Ostern! Heute am Ostermontag lade ich Sie ein, sich mit mir auf den Weg zu machen, um Jesus, dem Auferstandenen zu begegnen.
Welcher Persönlichkeit der Menschheitsgeschichte würden Sie gerne einmal begegnen? Mit wem würden Sie gerne einen Abend verbringen?
Manche Interviews münden in dieser Frage. Eine sehr persönliche Frage.
Sie gibt einem die Gelegenheit, auf den Punkt zu bringen, wofür man sich interessiert, womit man sich beschäftigt und was die eigenen Vorbilder sind.
Also- wem würden Sie gerne mal begegnen?
Heute am Osterfest, wüsste ich, was ich auf diese Frage antworten würde:
Jesus von Nazareth wäre ich gerne begegnet!
Ja, Ihn persönlich treffen! Das wäre das Größte!
Keine andere Begegnung stelle ich mir so wichtig und erhebend vor.
Ich stelle mir vor wie das war, als die Menschen ihm persönlich begegnet sind.
Damals am See Genezareth.
Die Fischer Simon und Andreas waren sofort bereit, alles stehen und liegen zu lassen. Nur um mit ihm zu gehen! Was für eine beeindruckende Persönlichkeit muss er gewesen sein. Mehr als ein einfacher Mensch.
Die Leute damals müssen gespürt haben: Was er zu geben hat, ist so wichtig, dass es sich lohnt, dafür das bisherige Leben aufzugeben.
Für manche war er auch ein Heiland. Einer, der die Kraft hat, Krankheit wegzunehmen.
Einmal war ein kleines Mädchen schon dem Tod geweiht. Jesus kam und holte das Kind ins Leben zurück.
Wie glücklich müssen die Eltern und Verwandten dieses Mädchens da gewesen sein!
Sicher haben sie es ihr Lebtag nicht vergessen:
dieses Wunder der Heilung zu erleben,
die Nähe Jesu zu spüren und die wunderbare Kraft, die von ihm ausging.
Da wäre ich gerne dabei gewesen.
Ich bin sicher, der Jubel und die Freude über das geheilte Kind hätte auch meinen Glauben gestärkt.
Jesus hatte nicht nur göttliche Kraft, er war auch klug und gebildet.
Gerne hätte ich ihn predigen gehört!
Gerne würde ich mit Jesus einmal über seine Gleichnisse diskutieren.
Heute würden sie vielleicht auch in der Welt der Technik und Büros spielen.
Wie Maria und Martha damals würde ich zu seinen Füßen sitzen
und ihm zuhören.
Es würde meinen Glauben stärken, wenn ich selbst dabei gewesen wäre.

Teil 2
Wenn ich Jesus von Nazareth begegnen dürfte. Leibhaftig, hautnah. Das wäre das Größte für mich.
Aber ich weiß ja, da gibt es noch diese andere Geschichte von ihm. Was damals geschehen ist und wir an Gründonnerstag und Karfreitag bedenken.
Und ich spüre: Da hätte ich nicht dabei sein wollen.
Nicht, als Judas ihn verraten hat.
Nicht, als Jesus verhaftet wurde, damals am Abend im Garten Gethsemane.
Ich hätte nicht dabei sein wollen, als Petrus im Hof des Gerichts verschreckt und in Todesangst abstreitet, Jesus zu kennen.
Und schon gar nicht hätte ich Zeugin sein wollen, als er gefoltert wurde und hingerichtet am Kreuz.
Wie viel Trauer, Enttäuschung, Furcht und Entsetzen war da unter den Jüngerinnen und Jüngern!
Dieses Ende seines Lebens geht über meine Verhältnisse. Da hört meine Neugierde auf. Da bleiben mir die Fragen im Hals stecken, und schon wenn ich daran denke, spüre ich Ohnmacht und Erschrecken.
Der Liederdichter Paul Gerhardt hat darüber ein Lied geschrieben. Er wagt es, den Gekreuzigten und das Geschehen damals ganz nah auf Augenhöhe heranzuholen.
„O Haupt voll Blut und Wunden, voll Schmerz und voller Hohn,
oh Haupt zum Spott gebunden mit einer Dornenkron“-
so beginnt das Lied und endet damit, dass er sich vor diesem Haupt verneigt. Weil er auch und gerade darin Gott selbst erkennt.
So sehr ich dieses Lied mag, empfinde ich den Gedanken immer erst einmal als Zumutung.
Ist das wahr? Dass Gott sich so ohnmächtig und niedrig macht?
Vor mir tauchen Bilder von Gefolterten und Erniedrigten aus unseren Tagen auf, schieben sich über das Bild des Gekreuzigten. Ist das alles gottlos – ohne Gott?

Teil 3
Ist dort, wo Menschen leiden und gequält sind, Gott fern? Ist das alles gottlos?
Menschen, die im Krieg sind, die um einen lieben Menschen trauern oder selbst dem Tod begegnen, die erleben das ganz anders.
Ihnen ist gerade der leidende Jesus besonders nahe.
Sie wissen sich in traurigen Tagen von Jesus besonders verstanden.
Auch ich kenne solche Erfahrungen.
Wer verraten, gedemütigt oder im Stich gelassen wird, der erlebt die Geschichten und Erfahrungen von Gründonnerstag und Karfreitag anders.
Solche Menschen sehen darin wie in einem Spiegel ihre eigene Not,
und sie begegnen in Jesus dem Gott, der das kennt und selbst durchgemacht hat.
Heute feiern wir, dass es nicht dabei geblieben ist. Bei Tod und Schrecken.
Der Tod ist nur der Durchgang zum neuen Leben. Das ist die Botschaft, die seitdem über alle Gräber schallt.
Jesus lebt. Er ist wahrhaftig auferstanden!

Mit dieser Botschaft fällt auf alle Geschichten vorher und danach ein neues Licht. Jesus ist auferstanden.
Er lebt.
Und wir sollen auch leben.
Das zu verstehen geht allerdings so schnell nicht.
Die Jünger, die nach Jesu Kreuzigung von Jerusalem nach Emmaus laufen, brauchen ziemlich lange, bis sie in ihrem Begleiter den auferstandenen Jesus erkennen.
Da wäre ich gerne dabei gewesen.
Was für eine Osterfreude muss das gewesen sein,
damals, bei den ersten Zeugen.
Eine Freude, die so sehr zu unseren Frühlingsritualen passt, dass wir sie gerne zusammenmischen:
Die aufbrechenden Knospen, die ersten Blüten in der Natur
und Jesus, der Sohn Gottes, der über den Tod triumphiert.
Ich mag diese wunderbaren Osterlieder, bei denen man singt und zugleich lacht und über dem Halleluja sogar mittanzen könnte.
Wenn wir diese Lieder anstimmen
und uns hinein holen lassen von ihnen in die Gewissheit und Zuversicht,
dann sind wir ganz dicht dran am Geschehen.
Wir feiern Ostern mit ihm, und das heißt:
Wir begegnen Jesus, der den Tod besiegt hat.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie etwas spüren können
von diesem Jubel über den Sieg des Lebens.
Vielleicht in den Osterliedern,
vielleicht auch in der jetzt aufbrechenden Natur.
Dann ist es, als ob wir Ihm selbst begegnen würden,
dem Auferstandenen.